Christa Wolf bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989
Christa Wolf - hier bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche - setzte sich 1989 für Reformen in der DDR ein. Bildrechte: imago images / epd

Literatur der Wendezeit neu gelesen Christa Wolfs "Was bleibt" erinnert daran, warum die DDR gescheitert ist

30 Jahre nach dem Mauerfall wird wieder darüber diskutiert, wie nahe sich Ost und West in diesen drei Jahrzehnten gekommen sind. Für MDR KULTUR ein Grund, auf die Literatur zurückzuschauen, die in den Nachwende-Jahren bewegte und berührte. Darunter auch "Was bleibt" von Christa Wolf: Geschrieben 1979, veröffentlicht 1990, hat die Erzählung tiefe Gräben in die deutsch-deutsche Literaturlandschaft gezogen.

von MDR KULTUR-Literaturkritikerin Bettina Baltschev

Christa Wolf bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989
Christa Wolf - hier bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche - setzte sich 1989 für Reformen in der DDR ein. Bildrechte: imago images / epd

Wenn es so etwas gegeben hat wie eine Grand Dame der DDR-Literatur, dann gebührt ihr wohl dieser Titel: Christa Wolf. Und das obwohl oder gerade weil in dieser Schriftstellerin alle Widersprüche des Systems zusammen laufen. Als Mitglied der SED lässt sie es sich nicht nehmen, die Partei zu kritisieren. Als junge Frau von der Stasi angeworben, wird sie später selber bespitzelt und ihre Bücher erscheinen sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik.

Es sind Widersprüche, die 1990 Anlass für eine heftige deutsch-deutsche Literaturdebatte sind, ausgelöst von der Erzählung "Was bleibt". Die hatte Christa Wolf bereits 1979 verfasst, erscheinen lässt sie sie aber erst nach dem Mauerfall. Denn die Thematik, von der die Erzählung handelt, ist brisant. Eine Schriftstellerin berichtet davon, wie sie tagtäglich überwacht wird.

Sie standen wieder da. Es war neun Uhr fünf. Seit drei Minuten standen sie wieder da, ich hatte es sofort gemerkt. Ich hatte einen Ruck gespürt, den Ausschlag eines Zeigers in mir, der nachzitterte. Ein Blick, beinahe überflüssig, bestätigte es. Die Farbe des Autos war heute ein gedecktes Grün, seine Besatzung bestand aus drei jungen Herren.

Auszug aus "Was bleibt"

Gräben zwischen Ost und West

Vor allem die westdeutsche Literaturkritik nimmt Christa Wolf übel, dass sie diese Zeilen erst veröffentlicht, als ihr die DDR-Zensur nichts mehr anhaben kann. Kritiker wie Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner werfen Christa Wolf intellektuelles Versagen angesichts totalitärer Herrschaft vor und lösen damit heftige Reaktionen aus, die tiefe Verwerfungen und ein kaum überwindbares Unverständnis zwischen west-und ostdeutschen Intellektuellen zum Vorschein bringen.

Dabei formuliert Christa Wolf in "Was bleibt" doch gerade diesen existentiellen Widerspruch zwischen denken und sagen, zwischen privat und öffentlich, den nicht nur sie, sondern jeder DDR-Bürger aushalten muss.

Ich selbst. Über die zwei Worte kam ich lange nicht hinweg. Ich selbst. Wer war das. Welches der multiplen Wesen, aus denen 'ich selbst' mich zusammensetzte. Das, das sich kennen wollte? Das, das sich schonen wollte? Oder jenes dritte, das immer noch versucht war, nach derselben Pfeife zu tanzen wie die jungen Herren da draußen vor meiner Tür?

Auszug aus "Was bleibt"

Keine eindeutige Haltung

Es ist dieser schonungslose Zweifel, dieses Sezieren der eigenen Persönlichkeit, die die Erzählung "Was bleibt" zu einem literarischen Dokument der Zeitgeschichte macht. Die Schriftstellerin, die hier denkt und spricht, ist resigniert, stolz und trotzig zugleich.

Die wollen, dass ich ihnen gleich werde, denn das ist die einzige Freude, die ihrem armen Leben geblieben ist: andere sich gleich zu machen. Denkst du, ich spüre nicht, wie sie an mir herumtasten, bis sie den schwachen Punkt gefunden haben, durch den sie in mich eindringen können? Ich kenne diesen Punkt. Doch den sag ich niemandem, nicht einmal dir, und nicht einmal in Gedanken.

Auszug aus "Was bleibt"

Auch heute noch aktuell

Christa Wolf, 1963
Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen geboren. Bildrechte: dpa

Christa Wolf fasst die permanente Ambivalenz eines Lebens in Worte, die in der DDR niemals gedruckt worden wären. Trotzdem ist es gut, dass dieser Text da ist, daran ändert auch der deutsch-deutsche Literaturstreit von 1990 nichts, für den das bloße Veröffentlichungsdatum einer Erzählung doch nur ein gefundener Anlass war, literarische Deutungshoheit zu verhandeln und das intellektuelle Feld im wiedervereinigten Land neu abzustecken. 

Literatur, wenn sie gut ist, überlebt jeden Kritikerstreit und Christa Wolfs Erzählung "Was bleibt" ist auch 30 Jahre nach ihrem Erscheinen unbedingt lesenswert. Weil sie daran erinnert, warum die DDR gescheitert ist, warum sie scheitern musste.

Angaben zum Buch Christa Wolf: "Was bleibt"
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-45916-4

Ersterscheinungsdatum: Juni 1990

1989 neu gelesen Vor 30 Jahren fiel die Mauer, ein Ereignis, das auch in der deutschen Literatur tiefe Spuren hinterlassen hat. Die Literaturredaktion von MDR KULTUR hat deshalb zwölf Bücher ausgewählt, die in der Nachwendezeit viel gelesen und viel besprochen wurden. Mit dem Blick von heute sollen Fragen beantwortet werden wie: Was sagen uns diese Bücher über die Zeit damals, was sagen sie uns über die Entwicklung danach und vor allem: was lohnt sich heute noch zu lesen?

Diese Bücher werden neu gelesen: Hans-Joachim Maaz: "Der Gefühlsstau", Jana Hensel: "Zonenkinder", Ingo Schulze: "Simple Storys", Thomas Brussig: "Helden wie wir", Christa Wolf: "Was bleibt", Monika Maron: "Stille Zeile Sechs", Stefan Heym: "Auf Sand gebaut", Günter Grass: "Ein weites Feld", Wolfgang Hilbig: "Ich", Hermann Kant: "Abspann", Jurek Becker: "Amanda herzlos" und Durs Grünbein: "Schädelbasislektion".

Mehr zu Christa Wolf

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 15:22 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR