Buchkritik "16.7.41" – Dag Solstad erforscht sein eigenes Schreiben

Der norwegische Autor Dag Solstad ist in Deutschland noch ein Geheimtipp, anderswo ist er Nobelpreiskandidat. Nun erscheint sein im Original bereits 2002 veröffentlichtes Werk erstmals auf Deutsch: "16.7.41" – das ist genau das Datum, an dem Solstad geboren wurde, doch es ist mehr als eine Autobiografie. Eine Buchkritik.

Der Titel ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. "16.7.41" heißt der neu erschienene Roman von Dag Solstad. Das Datum stimmt überein mit jenem, das man im Wikipedia-Eintrag zu Solstad als Geburtstag des norwegischen Autors finden kann. Und doch ist das Buch, anders als man zunächst vermutet, kein Memoir, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Es spielt vielmehr mit autobiografischen Motiven. Es verwendet diese Motive wie ein Jazzmusiker, der darüber improvisiert.

"16.7.41" beginnt über den Wolken: "Ich befand mich in einem paradiesischen Zustand. Schließlich schaute ich eine überirdische Schönheit. (…) Ich sah eine Landschaft seltsamer, schwebender weißer Wolken in einem unendlichen blauen Raum oberhalb der kompakten Wolkendecke weiter unten." Auf einem Flug von Oslo zur Frankfurter Buchmesse hat der damals noch nicht 50-jährige eine kuriose "Vorstellung", eine Epiphanie – ein Engel mit Posaune sitzt auf einer der von ihm bestaunten Wolken: "Es war mein Vater, und als ich sah, dass es mein Vater war, durchzuckte es mich, und ich hob vorsichtig die Hand, um ihm zu winken, während er allein auf einer Wolke etwas unterhalb von mir davonsegelte. Jetzt war ich ganz gebannt. Es war so seltsam, nach all den Jahren den eigenen Vater wiederzusehen. So friedlich."

Es ist eine großartige, aus dem Verdrängten herausgeschälte Erzählung über das Erwachsenwerden, über das Verhältnis zu einer Welt, die es nicht gut mit einem meint und die doch voller Wunder ist.

Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Zwischen Alltag und Transzendenz

Es ist ein starkes Bild, das am Anfang dieses Buches steht, das verschiedene Lebensstationen des Autors miteinander verwebt und auf merkwürdige Weise zwischen unspektakulärem Alltag und Transzendenzerfahrung pendelt. Um die ganze Tragweite dieser Roman-Eröffnung zu erkennen, muss man allerdings ins letzte Drittel des Buches vorgedrungen sein. Da besucht der Autor, der von sich behauptet, nie über seine Heimatstadt und seine Herkunft geschrieben zu haben, das Städtchen Sandefjord in der Provinz Vestfold und Telemark. Er will das 40-jährige Klassentreffen besuchen, hat aber die Einladungskarte vergessen: Am Ort früherer Zusammenkünfte entdeckt er seine ehemaligen Mitschüler nicht. So irrt er von Lokal zu Lokal, und als es schon Nacht ist und er aufgibt, hört er Stimmen aus dem Fenster der Wohnung kommen, in der er als Kind gelebt hat: Dort, wo nun Freunde aus früheren Zeiten zu Hause sind, haben sich seine Kameraden zu einem Absacker versammelt.

Dag Solstad: "16.7.41"
Das Cover zum Buch "16.7.41" von Dag Solstad Bildrechte: Dörlemann Verlag

Es ist der Moment, in dem seine Erinnerung einen Pfad in die Kindheit findet. Er erzählt vom Vater, dessen Leben von Träumen bestimmt und vom Scheitern geprägt war: "Gott hat erkannt, dass es an der Zeit ist, das Perpetuum mobile zu erfinden. Doch jemand muss es auch erfinden, und Gott sucht sich einen Menschen aus als sein Werkzeug zur Verwirklichung dieses Plans. Die Wahl fällt auf einen konkursgegangenen und todkranken Kolonialwarenhändler der kleinen Stadt Sandefjord in dem kleinen, dünn besiedelten Land Norwegen. Er wird vom Blitz getroffen. Er wird von Gott auserwählt. Frag nicht, warum. Es ist Gottes Gnade."

Der Vater starb, als Dag gerade elf Jahre alt war. Aber der inzwischen 60-Jährige erinnert sich an ihn, als sei er gestern erst verschwunden. Es ist eine großartige, aus dem Verdrängten herausgeschälte Erzählung über das Erwachsenwerden, über das Verhältnis zu einer Welt, die es nicht gut mit einem meint und die doch voller Wunder ist. Der Vater erscheint wie eine Figur aus uralter Zeit, eine ums Leben betrogene Gestalt, die dennoch an etwas Höherem festhält. Und die etwas im Sohn erweckt oder in Gang setzt:

Seit Vaters Tod war ich nicht mehr ich selbst. Ich war der Autor Dag Solstad. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen, und die habe ich noch nicht vollendet.

Dag Solstad in "16.7.41"

Ein poetisches Spätwerk

Zwischen der Vater-Epiphanie über den Wolken und der Vater-Erinnerung beim Besuch der Heimatstadt liegen noch andere Erlebnisse: ein langer Aufenthalt im Nachwende-Berlin vor allen Dingen – dessen Nacherzählung, zugegeben, an vielen Stellen kaum über einen literarisch ambitionierten Reiseführer hinausgeht. In Fußnoten reflektiert Solstad, was er schreibt, zeigt Varianten auf, erläutert das Erinnerte. Die Abschweifung, der Solstad in seinen langen, poetisch dahinfließenden Sätzen immer wieder nachgibt, findet hier seine Fortsetzung. So nimmt es übrigens auch kein Wunder, dass ein Vortrag Eingang in dieses Buch gefunden hat, der eine poetische Kehre reflektiert, die er mit diesem Buch tatsächlich vollzieht.

Dag Solstad wird nächstes Jahr 80 Jahre alt. Sein Spätwerk aus zerstreuten Geschichten, Fußnoten und Verzweigungen ist möglicherweise das, was er sich im Alter von 60 Jahren erträumt hat. "16.7.41" ist weniger eine Autobiografie des Schreibenden als vielmehr eine Erforschung des eigenen Schreibens.

Informationen zum Buch Dag Solstad: "16.7.41"
Roman
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Deutsche Erstübersetzung
288 Seiten, gebunden
Preis: 22 Euro
ISBN: 9783038200819

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Oktober 2020 | 08:10 Uhr