Freilufttheater für die ganze Familie in Dresden "Das doppelte Lottchen": Kästner-Stück dicht am Original und modern zugleich

Es ist die erste Premiere nach der corona-bedingten Schließzeit: Mit viel Musik und Sommerferiencharme bringt das Dresdner Theater Junge Generation Erich Kästners Klassiker "Das doppelte Lottchen" auf die Freilichtbühne am Kraftwerk Mitte. Dicht am Original und doch modern wird die Geschichte von den Zwillingen, die ihre Eltern auf Trapp bringen, erzählt. Heike Schwarzer hat die Generalprobe vor der Premiere am Sonntag bei prallem Sonnenschein besucht.

Das doppelte Lottchen 5 min
Bildrechte: Theater Junge Generation, Marco Prill

MDR KULTUR - Das Radio Mo 08.06.2020 15:30Uhr 05:23 min

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Das Theater Junge Generation wagt sich aus der Corona-Deckung und spielt wieder: "Das doppelte Lottchen" open air. Regisseurin Jule Kracht stellt klar: "Wir konnten keine kuschligen Bilder schaffen, das Bühnengeschehen muss – bäm – auch in der hintersten Reihe ankommen." Die Inszenierung habe schon Musical- und Operettenmomente, die augenzwinkernd benutzt würden."

Passend zum Theater-Jubiläum

Sommerhaus, Swingmusik und Sonnenschein – die taufrische Freilichtbühne an der rückwärtigen Front des Kraftwerks Mitte in Dresden mit dem Blick auf Bürofenster, die entfernt an Luxusliner erinnern: Diese Kulisse könnte irgendwo an irgendeiner Küste stehen oder eben in einem lauschigen Luftkurort in den Bergen. In Seebühl am Bühlsee, in München und Wien – dort lokalisiert Erich Kästner, geboren in Dresden, seine Geschichte vom doppelten Lottchen, die 1949 erschien. Da war der Wahl-Berliner längst nach München gezogen: Kästner komme natürlich immer wieder im Programm des Theaters Junge Generation vor, sagt Dramaturg Christoph Macha. Aber ausgesucht worden sei das Stück wegen seines Sommertheater-Charmes, spiele "Das doppelte Lottchen" doch ganz viel draußen. Außerdem verhandle Kästner darin wichtige Themen wie Trennung und Alleinerziehung. Darüber hinaus sei das Buch 1949 erschienen, im selben Jahr sei das Theater Junge Generation gegründet worden.

Im Stil Walter Triers: Weizenblonde Mädchen in knallroten Röcken

Das doppelte Lottchen
Scheinbar alles retro Bildrechte: Theater Junge Generation, Marco Prill

Ein Jubiläumsstück also, "Das doppelte Lottchen", die Geschichte von Luise und Lotte, den getrennten Zwillingen, die sich in Seebühl am Bühlsee in einem Ferienlager begegnen: "Sie trifft der Schlag, weil sie komplett gleich aussehen. Dann stellen sie fest, dass die eine ihren Vater in Wien hat, die andere ihre Mutter in München. Und dass es ihre gemeinsamen Eltern sind. Sie tauschen die Rollen und bringen die Eltern auf Trapp. Ihr Plan ist es, sie wieder zusammenzubringen", so fasst Macha die Handlung zusammen: "Bei uns allerdings ist es am Ende ein bisschen anders." Ungeachtet der vielen Bühnen- und Film-Versionen bleibt die Dresdner Sommertheater-Fassung ganz nah dran am Original, bis hin zum feinen Wiener und Münchner Dialekt. Regisseurin Jule Kracht findet die Vorlage schon "so stark, dass ich gar kein Bedürfnis empfunden habe, sie in die Jetzt-Zeit zu holen." Die Sprache sei besonders, überhaupt der Stil. Gemeinsam mit der Ausstatterin habe sie sich sehr an Walter Trier gehalten, den Illustrator des Buches. Wer die Bücher und Reprints im Stile der frühen 1950er-Jahre kennt, die weizenblonden Mädchen mit den knallroten Röcken und weißen Blusen, der kommt sofort hinein in diese typische Kästner-Geschichte.

Ein altes Kinderbuch, ein alter Stoff?

Weit gefehlt, meint das Regieteam. Kästner zeige uns zwei Kinder, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und sich nicht von Erwachsenen unterdrücken lassen, erklärt Macha: "Sie fordern ihr Recht ein, in diesem Fall das Recht auf beide Eltern, die in Scheidung leben."

Alle spielen alles, aber nach den Corona-Regeln

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11 Erwachsene spielen 20 Rollen Bildrechte: Theater unge Generation, Marco Prill

Nichts ist normal an dieser ersten Premiere, mit der das Theater Junge Generation für die Dresdner Theaterhäuser in die Sommersaison unter Corona-Bedingungen startet. Im Publikum und auf der Bühne gelten Abstands- und Hygieneregeln, Plexiglas trennt die Musiker im hinteren Bereich. Die Spielfreude trübt das nicht. Eine übermütige Landheimatmosphäre macht sich breit bei diesem Sommerspektakel. Auf der gleißend weißen Bühne zwischen zwei Sommerhäusern, eines steht für Lottes Zuhause in Wien, eines für Luises in München, sind fast 20 Rollen von elf Erwachsenen zu besetzen. Viele davon eigentlich Kinderrollen. Dazu sagt Regisseurin Jule Kracht: "Ich finde, man braucht auch immer eine Überhöhung, wenn Erwachsene Kinder spielen. Hier dürfen alle alles spielen. Also die Mädchen werden sehr oft von Jungs gespielt. Und die dürfen auch ihre Haare im Gesicht lassen. Das ist das Spielprinzip und es soll Spaß machen zu sehen, wer was spielt."

Ja, das macht Spaß, weil genau das eben auch im echten Leben passiert, wenn es einfach losgehen soll, unter welchen Bedingungen auch immer. 1949 ebenso wie 2020. Kästners Klassiker sorgen dafür, dass Sommerlaune und Nachdenkerei nicht zu kurz kommen. Entstanden ist ein heiter-nachdenkliches, schräg-buntes und swingendes Kästner-Stück zum Jubiläum des Theaters Junge Generation, womit nach langer kontaktarmer Corona-Pause endlich auch wieder das Theater für Familien öffnet.

 

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