Sachbuch Wie es ist, mit Nachtigallen zu musizieren

Ein Konzert mit einer Nachtigall mitten in Berlin: Der amerikanische Klarinettist und Philosoph David Rothenberg hat das erstaunliche Projekt durchgeführt. Sein Buch "Die Stadt der Nachtigallen – Berlins perfekter Sound" erzählt davon.

Nachtigall
Nachtigallen lieben bei ihrem Gesang Richtungswechsel. Bildrechte: imago images/Ardea

Gegen Mitternacht des 9. Mai 2014 bestreitet David Rothenberg mit einigen Musikerkollegen im Treptower Park Berlin ein Konzert – mit einer Nachtigall. Denn offenbar ist das lärmige Berlin ein Paradies für Nachtigallen: "Die Nachtigallen strömen in Berlin zusammen wie die Künstler, die Reisenden, die Suchenden und die Leistungsverweigerer, Anhänger des schwindenden Glaubens an Multikulti und Globalisierung, und schaffen gemeinsam etwas Neues und Schönes", schreibt Rothenberg.

Auf dem Buchcover von "Stadt der Nachtigallen" ist eben jener Vorgel und eine Ansicht der Stadt Berlin abgebildet.
Das Cover zum Buch "Die Stadt der Nachtigallen – Berlins perfekter Sound" Bildrechte: Rowohlt Verlag

Als er gerade beginnen will, mit dem Vogel zu musizieren, taucht ein Team Berliner Naturforscher auf, dass es auf dieselbe Nachtigall abgesehen hat. Die Forscher wollen Tonaufnahmen machen und es kommt zu einem Disput: "Im Schein meines iPads sehe ich ihnen die Enttäuschung im Gesicht an. 'Sie haben sich in unsere Forschungsarbeit eingemischt. Haben auf das Gehirn des Vogels eingewirkt, auf sein ästhetisches Empfinden. Wer weiß, was Ihre Musik ihm angetan hat! Der Vogel ist für uns nicht mehr brauchbar!'" Dieser surreale Dialog, der vielleicht nur gut erfunden ist, umschreibt zugleich das Spektrum, in dem der Autor dieses im besten Sinne merkwürdigen Buches tätig ist. Im ungemein anregenden ersten Kapitel gibt es zunächst einmal viel Nachtigallenpoesie, von Persien über Romeo und Julia bis in die Romantik.

Ein Buch über den Klang

Aber im Kern geht es um Wissenschaft, besser gesagt um die Übergänge von Musik und Naturwissenschaft. "Erwachsene Nachtigallen verfügen über ein Repertoire von einhundert bis dreihundert unterschiedlichen Phrasen oder Liedern," erklärt Rothenberg in seinem Buch. "Einige Vögel singen in einer 'geordneten' Abfolge, mit regelmäßig wiederkehrenden Sequenzen, andere jedoch singen so 'ungeordnet' oder chaotisch, dass in ihrem Gesang keine wie auch immer geartete Regelmäßigkeit feststellbar ist. Wie erklärt sich dieser Unterschied? Kann der organisierte Vogel mehr als der weniger organisierte? Oder hat er nur einen anderen Gesangsstil?"

David Rothenberg bei einem Konzert im Freien
David Rothenberg bei einem Konzert im Freien Bildrechte: imago images / Xinhua

Und so wird aus einem Buch über Nachtigallen allmählich ein Buch über den Klang, den natürlichen, den künstlich erzeugten, den idealen Klang. Wir erfahren, warum wir uns in der Musik nach Wiederholungen sehnen. Dass Menschen im Lied eine schrittweise Bewegung mögen, Nachtigallen dagegen Richtungswechsel.

David Rotenberg analysiert die Naturklänge, tauscht sich aus mit einem Heer von Musikern, Klangbastlern, Naturforschern, Radioleuten, IT-Spezialisten, sogar Neurowissenschaftlern. Mit Leuten, die sich mit singenden Buckelwalen und Grillen beschäftigen. Und es gibt Geschichten wie die des estnischen Rundfunkproduzenten und Zoologen Fred Jüssi, der in den achtziger Jahren die Naturklänge seines Landes aufnahm und im Radio spielte: "Seine kurzen Radio-Hörstücke über die estnische Vogelwelt, jedes nur wenige Minuten lang, wurden so gefeiert, dass öffentliche Busse, in denen während der vergangenen Sowjetzeit ständig das Radio lief, rechts ran fuhren, den Motor ausschalteten und eine Pause einlegten, damit alle die herrlichen Tongeschichten hören konnten. War die Übertragung zu Ende, setzte der Bus seine Fahrt fort," heißt es im Buch.

Schon wegen solcher Geschichten lohnt es sich, die eher langatmigen Passagen des Buches durchzuhalten, die mit philosophischen Betrachtungen und immer neuer Protagonisten auch ermüden. Aber noch besser sind die Musikstücke, die David Rothenberg mit Sängern, Klarinette und den Nachtigallen von Berlin produziert hat.

Weitere Informationen David Rothenberg: "Die Stadt der Nachtigallen – Berlins perfekter Sound"
Rowohlt Verlag
Preis: 26 Euro
264 Seiten
ISBN: 978-3-498-00156-8

Die Musik ist veröffentlicht unter dem englischen Titel: "Nightingales in Berlin"

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juni 2020 | 07:40 Uhr