Aufkleber mit der Aufschrift 'Je suis Charlie'
In der Redaktion verloren 12 Menschen ihr Leben. Bildrechte: imago/PanoramiC

Buch von Philippe Lançon Attentat auf Charlie Hebdo: "Der Fetzen" beschreibt den Kampf zurück ins Leben

Der Terroranschlag auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" hat das Leben von Philippe Lançon unumkehrbar in zwei Hälften gespalten. Er hat überlebt – viele seiner Kollegen nicht. Mit "Der Fetzen" arbeitet er in eindringlicher Prosa das Erlebte auf und stellt auch die Frage, inwieit der Zufall Menschen das Leben retten kann.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Aufkleber mit der Aufschrift 'Je suis Charlie'
In der Redaktion verloren 12 Menschen ihr Leben. Bildrechte: imago/PanoramiC

Über manche Bücher spricht es sich schwerer als über andere. Weil sie von so desaströsen persönlichen Erlebnissen handeln, die in keinen fiktionalen Mantel gekleidet werden und es deshalb fast unmöglich machen, die Lektüre bis zum Ende durchzuhalten. Der 1963 geborene Journalist und Romancier Philippe Lançon hat ein solches aufwühlendes, kaum zu ertragendes Buch geschrieben. Dass er es überhaupt noch schreiben konnte, verdankt sich Fügungen des Schicksals, die man – wäre das Wort nicht so banal – als glücklich bezeichnen könnte.

"Charlie Hebdo": Lançon überlebt

Der Autor Philippe Lançon.
Der Autor Philippe Lançon. Bildrechte: Editions Gallimard/Catherine Hélie

Lançon ist Überlebender des Anschlags auf die Redaktion der Pariser Zeitschrift "Charlie Hebdo" vom 7. Januar 2015. Er wird dabei schwer verwundet. Kugeln zerfetzen seine untere Gesichtshälfte, unter einem sterbenden Kollegen liegend, stellt er sich tot, bis sich die Attentäter auf und davon machen. Monate verbringt Lançon danach im Krankenhaus. Siebzehn komplizierte Operationen sind notwendig. Sein Wadenbein wird transplantiert, um seinem Unterkiefer wieder Gestalt zu geben. Wochenlang darf er während dieses "Wiederherstellungsprozesses" nicht sprechen, um die Vernarbung nicht zu verhindern, und verständigt sich über ein Whiteboard.

"Der Fetzen" (im Original "Le lambeau") beschreibt eine mühsamen Genesungsweg, einen Lebensrhythmus, bei dem das Opfer nur von Visite zu Visite, von Operation zu Operation zu denken vermag. "Zukunft" scheint es nicht geben. Es geht – wie der leidenschaftliche Proust-Leser deutlich macht – nicht um "wiedergefundene" oder um "verlorene" Zeit; es geht um die "unterbrochene" Zeit, um die völlige Ungewissheit, ob diese Unterbrechung je enden wird.

Das Attentat nicht im Mittelpunkt

Blumen zum Gedenken an die Opfer des Anschlags auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo
Nach dem Anschlag herrschte eine große Anteilnahme. Bildrechte: imago/PanoramiC

Lançon hat für sein Buch, das nirgends wie eine selbsttherapeutische Übung wirkt, eine kluge Komposition gefunden und wohlweislich darauf verzichtet, mit dem Naheliegendsten zu beginnen. Erst das nach siebzig Seiten einsetzende vierte Kapitel trägt die Überschrift "Das Attentat" und schildert in eindringlicher Lakonie, was in den Redaktionsräumen an jenem Januarmorgen geschah. Davor beschreibt Lançon den unbeschwerten Vorabend, den er mit Freunden verbrachte, den Besuch einer Shakespeare-Aufführung, die Vorfreude auf einen gerade gewährten Dozenturaufenthalt in Princeton.

Nachdenken über Zufälle

Dank dieser Strukturierung gelingt es Lançon, die Zäsur des Folgenden besonders drastisch vor Augen zu führen. Und natürlich verleitet dieses Herausbeschwörung des Attentats und seiner Vorgeschichte zwangsläufig dazu – ähnlich wie es seine Kollegin Catherine Meurisse in ihrer Graphic Novel "Die Leichtigkeit" (2016) getan hat –, über die die kleinen Zufälle nachzudenken, die über das (Weiter-)Leben entscheiden.

Darüber zum Beispiel, warum sich Lançon entschied, zuerst zur "Charlie Hebdo"-Konferenz zu gehen und erst danach in sein Stammhaus von "La Libération". Oder warum er, ehe er aufbrach, einem Kollegen kurz ein Buch zeigte. Hätte er das nicht getan, hätte er zwei Minuten früher das Treppenhaus erreicht, wäre er den Attentätern in die Arme gelaufen und niedergemetzelt worden.

Zwei junge Männer greifen nach einer Ausgabe das französichen Satiremagazins Charlie Hebdo
Die erste Ausgabe der Zeitung nach dem Attentat war in kürzester Zeit vergriffen. Bildrechte: Getty Images

Der Kampf gegen den Tod

Diese, die Brüder Kouachi, würdigt Lançon während seines Krankenhausaufenthalts keines Gedankens. Stattdessen sinniert er über sein bisheriges, fast ausgelöschtes Leben nach, erhält Besuch von seiner Gefährtin Gabriela und seiner Ex-Frau Marilyn und weiß, dass die wichtigste Frau in seinem Leben erst einmal Chloé ist, seine grandios um ihn kämpfende Chirurgin. Die im Detail beschriebenen Operationen machen so einen großen Teil dieses Berichts aus.

Der gegen seinen Tod Kämpfende erinnert sich, reflektiert, liest – Proust, Thomas Mann oder Raymond Queneau – und versucht, das Gelesene auf sich und seine Erfahrungen zu beziehen. So wird "Der Fetzen" zu einem erschlagend-fesselnden, nach vielen Seiten hin offenen Buch, das auf sein fast unvermeidliches Ende zuläuft: auf das Massaker im Pariser Bataclan-Theater, Mitte November 2015.

Philippe Lançon: Der Fetzen
Bildrechte: Tropen Verlag

Informationen zum Buch Philippe Lançon: Der Fetzen
Aus dem Französischen von Nicola Denis
551 Seiten
Tropen-Verlag
Suttgart 2019
25 Euro
ISBN: 978-3-608-50423-1

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2019 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juli 2019, 14:48 Uhr

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