Dokumentarfiilm DOK Leipzig: "Grenzland" von Andreas Voigt zeigt deutsche und polnische Schicksale

Regisseur Andreas Voigt knüpft an seinen gleichnamigen Film von 1992 an und erzählt 30 Jahre später erneut Geschichten aus dem Grenzland zwischen Polen und Deutschland. Was ist aus der Heimat der damaligen Protagonistinnen und Protagonisten geworden? Was hat sich in den Leben verändert? Welche Konflikte haben sich gelöst, welche sind geblieben und welche sind neu hinzugekommen? "Grenzland" ist ein Dokumentarfilm, in dem ein zweites Mal auf eine strukturschwache Region geschaut wird.

Filmszene "Grenzland"
Filmszene "Grenzland" Bildrechte: DOK Leipzig 2020 / Grenzland / Andreas Voigt

Die ruhige, gelassene, fließende Landschaft von der Lausitz bis zu Stettiner Haff, im Zentrum von Europa, bildet den Schauplatz von "Grenzland". Regisseur Andreas Voigt hat die filmische Reise schon einmal gemacht. Mit seinem neuen Dokumentarfilm knüpft er ganz bewusst an seinen eigenen, gleichnamigen Film "Grenzland – eine Reise" von 1992 an. Was hat sich verändert in der Grenzregion? Die Kamera durchstreift diese Gegend, die vielschichtiger und heterogener ist als es auf den ersten Blick scheint.

Bewegung als zentrales Thema

Migration ist das bestimmende Thema, das durch alle Begegnungen durchscheint, ohne dass Regisseur Voigt es herausstellen muss. Es ist dieser Region eingeschrieben, in der viele Menschen Wurzeln woanders haben. Das Publikum lernt eine australische Familie kennen, die sich auf polnischem Grund an der deutsch-polnischen Grenze niedergelassen hat. Die Frau erzählt, was für eine großartige Freiheit sie in Polen genießen. Man erfährt vom Leben eines jungen Syrers, der vor fünf Jahren nach Deutschland gekommen ist, in einer Lackiererei arbeitet und sich ein Häuschen gekauft hat, um es auszubauen. Es wird eine Frau mit griechischen Wurzeln vorgestellt, deren Großvater im griechischen Bürgerkrieg in diese Richtung geflohen ist, geblieben ist und eine Deutsche geheiratet hat. Eine von Voigts ehemaligen Protagonistinnen ist aus dem Westen zurückgekehrt und jobbt nun im Casino.

Wir wollten alle Fiesen killen 21 min
Bildrechte: Dok Leipzig/Wir wollten alle Fiesen killen/Bettina Ellerkamp, Jörg Heitmann

Aber es gibt auch Einheimische, beispielsweise den alten Fischer, der aber ursprünglich von der anderen Oder-Seite kommt und seit 1945 dort nicht mehr lebt. Oder der aus der Region stammende Schäfer. "Grenzland" handelt vom Bleiben oder Gehen, noch öfter aber vom Kommen.

Warum bewegen wir Menschen uns, so lange es uns gibt? Wir bewegen uns auch aus ökonomischen Gründen, aus Gründen des Klimas und der Produktion letztendlich. Und wir müssen uns bewegen, weil wir durch schreckliche Ereignisse, durch Krieg zum Beispiel, oder Naturkatatsrophen, aus der Landschaft, bei der wir glauben, unsere Heimat zu haben, vertrieben werden. Also das ist eine ständige Suche nach einem Ort zum Bleiben oder zum Leben.

Regisseur Andreas Voigt über "Grenzland"

Der Blick auf die Landschaft ist verbunden mit den Träumen und der Geschichte seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Eine junge polnische Frau möchte ihr bisheriges Leben aufgeben und zum Studieren nach Großbritannien gehen. Sie hat etwas Exemplarisches, was verdeutlicht, warum es die jungen Menschen aus dieser Gegend treibt.

Der Regisseur Andreas Voigt erhält am 20.01.2017 in München bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises im Prinzregententheater seine Auszeichnung.
Regisseur Andreas Voigt 2017 bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreis Bildrechte: dpa

Es ist ja eine strukturschwache Gegend, […] die Alten sterben und die Jungen gehen weg und es kommen Pioniere in die Gegend, die sozusagen auch was bewegen. […] Diese junge Frau [...] sieht einerseits diese Chance, vor dem Brexit noch rüberzukommen und ihr Informatikstudium zu beginnen, und das andere, das formuliert sie auch ganz deutlich mit jugendlicher Kraft und Erwartung und Hoffnung, dass sie sagt, ich habe das Gefühl, das was hier passiert, [...] das möchte ich mir von meiner polnischen Regierung nicht vorschreiben lassen.

Regsisseur Andreas Voigt über "Grenzland"

Quintessenz des Lebens

"Wissen Sie, was fehlt? Etwas, auf das ich mich freuen kann." Das sagt ein älterer, arbeitsloser Mann in Hoyerswerder, den Regisseur Andreas Voigt auf seiner "Grenzland"-Reise links und rechts der Oder auf einer Parkbank anspricht. Vor ihnen sackt ein weiterer Plattenbau in sich zusammen. Es klingt wie die Quintessenz eines Lebens: Von einem, der blieb und nicht fortging – immer der Arbeit nach.

Mit traumwandlerischer Sicherheit findet Voigt diesen einen Augenblick, in dem sich etwas löst, eine Emotion, eine tiefe Verbundenheit aufscheint.

Der Film "Grenzland"
Dokumentarfilm von Andreas Voigt
Produktion: Deutschland / Polen 2020
100 Minuten

"Grenzland" läuft am 30.10.2020 von 20 Uhr bis 21:40 Uhr im Hauptbahnhof Osthalle (Eintritt frei) und am 31.10.2020 von 17:15 Uhr bis 18:52 Uhr in der Schauburg in Leipzig.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Oktober 2020 | 08:45 Uhr