Hand verdeckt Portrait von William Shakespeare
Edward St Aubyn hat Shakespeare etwas entstaubt Bildrechte: IMAGO

Edward St Aubyn: "Dunbar und seine Töchter" Shakespeares "King Lear" reloaded

Edward St Aubyn hat die Shakespearsche Geschichte von "König Lear" in die englische Wirtschafts- und Medienwelt unserer Tage transportiert. Entstanden ist der pointenreiche, spritzige Gesellschaftsroman "Dunbar und seine Töchter".

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Hand verdeckt Portrait von William Shakespeare
Edward St Aubyn hat Shakespeare etwas entstaubt Bildrechte: IMAGO

Zum 400. Todestag von William Shakespeare im Jahr 2016 startete das Hogarth-Shakespeare-Projekt – zu dem acht renommierte Autorinnen und Autoren eingeladen wurden – die unverwüstlichen Theaterstücke Shakespeares zu adaptieren und in unsere Gegenwart zu versetzen. In Deutschland realisiert der Münchner Knaus Verlag dieses Vorhaben und hat bereits mehrere dieser unterschiedlich gelungenen Versionen vorgelegt, darunter von Margaret Atwood, Anne Tyler oder Howard Jacobson.

"König Lear" in Neufassung

Edward St Aubyn
Der Schriftstsller Edward St Aubyn lebt in Notting Hill, London Bildrechte: IMAGO

Wenn nun der 1960 geborene Edward St Aubyn die Aufgabe übernimmt, sich mit Shakespeares "König Lear" zu befassen, hätte man auf keinen besseren Gedanken kommen können. Denn der aus ältestem britischen Hochadel stammende St Aubyn hat sich in der Vergangenheit (in seinen fünf "Melrose"-Romanen) als Meister darin erwiesen, komplizierten, ränkereichen und demütigenden Familienverhältnissen auf die Spur zu kommen. So ist er bei der Geschichte Lears bestens aufgehoben und transponiert diese in die englische Wirtschafts- und Medienwelt unserer Tage.

Der Medienkönig und seine Töchter

Henry Dunbar, ein achtzigjähriger kanadischer Mediengigant, der nicht nur von ferne an die Gestalt Rupert Murdochs erinnert, ist St Aubyns gebrochener Held. Wie Lear hat er drei Töchter von sehr unterschiedlicher moralischer Integrität. Und wie bei Shakespeare täuscht sich der Mächtige in den Seinen – ein Motiv übrigens, das man hierzulande auch aus dem Märchen "Die Salzprinzessin" der Brüder Grimm kennt.

Die beiden älteren Töchter Abigail und Regan nämlich halten die Zeit für gekommen, sich das Imperium ihres Vaters unter den Nagel zu reißen, und entwerfen, rechtzeitig vor einer entscheidenden Aufsichtsratssitzung, eine teuflische Intrige: Ein treuer Adlatus des Vaters, Wilson, wird entlassen, und ein gekaufter Psychiater ist gerne bereit, Dunbar per Gutachten für unzurechnungsfähig zu erklären. So bringt man den wutschnaubenden Alten fernab der Großstadtwelt in einem Sanatorium im Lake District unter, von wo aus er die Geschicke seines Reiches nicht mehr beeinflussen soll.

Seine gutherzige, von ihm einst enterbte Tochter Florence will das nicht wahrhaben, scheint anfangs jedoch keinen Zugang zum unerschütterlich geliebten Vater finden zu können.

Ganz nebenbei eine intelligente Wirtschaftsanalyse

St Aubyn präsentiert so mit der ihm eigenen Schärfe und stilistischen Brillanz einen pointenreichen, spritzigen Gesellschaftsroman, der ein familiäres Intrigen-Inferno zum Ausgangspunkt einer klugen Analyse des Wirtschaftslebens macht. Eng an die Handlungsstränge (und mitunter auch an die Dialoge) des "König Lear" geknüpft, entfaltet der Roman einen dichten Spannungsbogen und zeigt einen alternden Mogul, der nicht auf dem Abstellgleis verharren will.

Da hilft nur noch Hubschraubereinsatz

Mit Hilfe eines Krankenhausgefährten, des nur noch von Whiskyflasche zu Whiskyflasche denkenden Komödianten Peter Walker, gelingt Dunbar die Flucht aus der Anstalt – wobei ihm eine von den bösen Töchtern übersehene Schweizer Kreditkarte wertvolle Dienste erweist.

Shakespeare - Abbildung aus "Berühmte Männer und Frauen", Barcelona 1877
Shakespeare bleibt aktuell - auch in der Neuinterpretation von Edward St Aubyn Bildrechte: IMAGO

Trotz aller körperlichen Gebrechen schlägt er sich ins cumbrische Hochmoor und stellt seine Zähigkeit unter Beweis. Im Dickicht versteckt er sich vor den erregten Verfolgern, die sogar einen Hubschrauberpiloten anheuern, um den Ausreißer einzufangen und außer Gefecht zu setzen.

Wer von den drei Schwestern als Erste zum Vater gelangen wird, ist die eine Frage. Die andere kreist um Existenzielleres;, darum, wie der auf sich allein gestellte, mit der Natur ringende Dunbar nun auf sein Leben und seine Verfehlungen zurückblickt.

Vorzüglich schafft es St Aubyn dabei, urkomische Szenen auszumalen und kurz darauf seinen gebeutelten Protagonisten in eine elementare Krise zu stürzen. Der Rückblick aufs eigene Leben ist kein Spiel, kein Machtgeschachere mehr. Und dank der klarsichtigen Florence bietet sich ihm eine letzte Chance: Das Vergangene lässt sich zwar nicht mehr rückgängig machen, doch die Sicht auf das Vergangene kann eine andere werden.

König Lear hat in Henry Dunbar einen würdigen literarischen Nachfahr gefunden.

Rainer Moritz, Literaturkritiker
Edward St Aubyn: "Dunbar und seine Töchter"
Bildrechte: Random House, Knaus

Angaben zum Buch Edward St Aubyn: "Dunbar und seine Töchter"
Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen
Originaltitel: "Dunbar"
Roman, 253 Seiten, gebunden
Knaus Verlag
ISBN 978-3-8135-0689-3
20,00 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Dezember 2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2017, 00:00 Uhr

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