Ein nachgestellter Fahnenappell mit jungen Männern aus Syrien.
Szene aus "Fortschritt im Tal der Ahnungslosen" Bildrechte: Joanna Piechotta / tsb

Berlinale Auseinandersetzung mit Pegida: "Fortschritt im Tal der Ahnungslosen"

Florian Kunert reist mit seinem ersten Langfilm "Fortschritt im Tal der Ahnungslosen" in seine sächsische Heimat. Vor dem Hintergrund der Pegida-Demonstrationen in Dresden treffen sich ehemalige Werksarbeiter und syrische Flüchtlinge zu einem ganz besonderen Integrationskurs in der Ruine des Kombinats "Fortschritt" in Neustadt-Sachsen. Der Film von Kunert ist keine klassische Dokumentation, sondern ein Experiment. Er arbeitet mit Regieanweisungen und lässt seine Protagonisten in GST-Uniform zum Fahnenappell antreten, den Chor DDR-Lieder anstimmen und eine Schulstunde in Staatsbürgerkunde abhalten. Der Regisseur versteht den Film als Zeichen für gelebte Fremdenfreundlichkeit in Sachsen.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Filmredakteur

Ein nachgestellter Fahnenappell mit jungen Männern aus Syrien.
Szene aus "Fortschritt im Tal der Ahnungslosen" Bildrechte: Joanna Piechotta / tsb

Florian Kunert, 1989 in Neustadt in Sachsen geboren, hat die DDR nie wirklich erlebt. In seiner Geburtsstadt gab es damals das größte Landmaschinenkombinat der DDR. Es hieß "Fortschritt" und stellte unter anderem Traktoren und Mähdrescher her, die auch nach Syrien verkauft worden waren. Das Kombinat existiert nicht mehr. Die Gebäude werden abgerissen. Das zeigt der Film. Er zeigt aber auch, wie junge Männer aus Syrien, die als Geflüchtete in Neustadt gestrandet sind, mit ehemaligen Kombinats-Mitarbeiten ins Gespräch kommen.

Praxis des Miteinanders

Regisseur Florian Kunert studierte Dokumentarfilmregie in Kuba und Köln.
Regisseur Florian Kunert studierte Dokumentarfilmregie in Havanna und Köln. Bildrechte: Joanna Piechotta / tsb

Wenn sie sich ihre Erinnerungen erzählen und auch gegenseitig vorspielen, ist das auch eine Art von therapeutischer Arbeit. Und plötzlich sind die scheinbaren Gegensätze, die "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" seit 2014 behaupten, im konkreten Fall wie aus der Welt gebracht. Anders gesagt: Die Praxis des Miteinanders führt die Theorie des Gegeneinanders hier ad absurdum. Deshalb ist dieser Film so bemerkenswert.

nachgestellt: Schulstunden in Staatsbürgerkunde
Nachgestellt: Schulstunde in Staatsbürgerkunde Bildrechte: Joanna Piechotta / tsb

Christian Tuschling ist einer der Protagonisten. In den 60er-Jahren hat er in Berlin seinen Ingenieur für Landtechnik gemacht und war dann als Kundendienstingenieur weltweit, auch in Syrien, unterwegs. Er spricht Arabisch und tourt heutzutage mit seiner Vortragsreihe "Länder, Leute, Landmaschinen" durch die Lande, damit "Fortschritt" nicht vergessen wird. Gut 50.000 Menschen hatten in dem Kombinat gearbeitet. Außerdem singt Tuschling auch noch als Bass im "Heimatchor Polenztal", der auch dreimal im Film auftritt. Singt "Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer"; singt "Auferstanden aus Ruinen" und steht dabei in der Kombinatsruine, während sich draußen die Bagger durch den Beton fressen. Zuletzt auch das FDJ-Lied "Bau auf, bau auf!" irgendwo auf dem Abbruchgelände. Danach geht der Chor nach links aus dem Bild. Richtung Abendsonne.

Gemeinsame Erinnerungsarbeit - halb Spiel, halb ernst

Es gibt auch eine Szene, die sieht nach Fahnenappell aus. Die vier jungen Syrer stecken in GST-Uniformen. In der DDR-Zeit war die GST, die Gesellschaft für Sport und Technik, eine Art vormilitärische Massenorganisation. Die ehemaligen Kombinatsarbeiter aus Ostdeutschland kommandieren: "Links, um!" und heften ihnen Orden um. Da müssen dann selbst die Syrer lachen. Die gemeinsame Erinnerungsarbeit ist halb Spiel, halb ernst. Das merkt man besonders in einer Szene, in der die jungen Syrer durch die Werksgebäude rennen, die so demoliert aussehen, wie das zerbombte Aleppo.

Mit einem Holzknüppel und einem demontierten Gasrohr spielen sie Guerillakampf. Bevor sie einen der Ihren exekutieren, schießen sie noch ein Selfie. Als digitale Trophäe.

Einspruch auf der Berlinale

Männer in GST-Uniformen
Flüchtinge in GST-Uniformen sorgten für Kritik auf der Berlinale Bildrechte: Joanna Piechotta / tsb

In der Premiere auf der Berlinale kommt dann auch Einspruch gegen solche Bilder. Das könne man nicht machen: syrische Geflüchtete in GST-Uniformen stecken. Merkwürdigerweise wird die Exekution mit Selfie nicht thematisiert. Die Deutsche-Vergangenheits-Befindlichkeit immer noch stärker als die heutigen Bilder von fern der Heimat? – Das ist eine der Fragen, die der Film aufwirft.

Pegida-Demonstrationen als Motivation

Frau und Mann mit Bild von Erich Honecker
Szene aus: "Fortschritt im Tal der Ahnungslosen" Bildrechte: Joanna Piechotta / tsb

Florian Kunert sagt im Gespräch nach der Premiere vor dem Kinopublikum, die Pegida-Demonstrationen seien für ihn der Anlass für seinen Film gewesen. Für diesen Film, der nur einmal eine Pegida-Demo mit wehende Fahnen vor der Dresdner Frauenkirche zeigt. Das ist hier aber auch gar nicht so wichtig. Eine andere Szene zeigt, wie Herr Tuschling ein altes Honeckerbild im Abrissgebäude abhängt. Aus dem Off ruft der Regisseur noch "Action!" und fragt dann, wie Honecker war? Wie das Leben war? Tuschling antwortet: "Wir haben in Würde und Anstand gelebt."

Protagonisten auf der Berlinale.
Die Protagonisten nach der Premiere. Bildrechte: Stefan Petraschewsky

Ganz am Ende haben die jungen Syrer einen Mähdrescher wieder zum Laufen gebracht. Gemeinsam mit einem der alten Kombinatsarbeiter fahren sie über eine Wiese, zünden Feuerwerk und lassen bunte Luftballons fliegen. Dann ist die Kamera im Führerhaus. Ein junger Syrer sitzt am Steuer. Der Deutsche daneben. Er legt seine Hand auf die Hand am Steuer. Eine winzige Alltäglichkeit, die hier aber viel aussagen kann.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Februar 2019 | 07:30 Uhr

Informationen zum Film "Fortschritt - im Tal der Ahnungslosen. Ein Dokumentarfilm von Florian Kunert"
Premiere: Berlinale 2019 – Internationales Forum des Jungen Films
Deutschland 2019, 67 Minuten, deutsch/arabisch mit englischem Untertitel

Regie: Florian Kunert (Debütfilm)
Drehbuch: Florian Kunert
Dramaturgie: Herbert Schwarze

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Zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2019, 14:44 Uhr

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