Szene aus Das Prinzip Montessori
Die Dokumentation "Das Prinzip Montessori" zeigt den Alltag der Kinder in einem Montessori-Kindergarten in Frankreich Bildrechte: Neue Visionen Filmverleih

Filmkritik Wie das Montessori-Prinzip Kinder glücklich macht

Die Pädagogin Maria Montessori hat ihre Methode 1907 begründet. Im Zentrum steht das Kind mit seinem natürlichen Verlangen zu lernen. Heute gibt es weltweit mehr als 40.000 Montessori-Schulen. Der Dokumentarfilm "Das Prinzip Montessori – Die Lust am Selber-Lernen" von Alexandre Mourot ist eine Langzeitbeobachtung aus dem ältesten Montessori-Kindergarten Frankreichs. Der Verzicht auf Interviews erzeugt zunächst Langeweile. Doch in Wahrheit sieht man seltene Momente reinen Glücks, findet unser Kritiker.

von Hartwig Tegeler, MDR KULTUR-Filmkritiker

Szene aus Das Prinzip Montessori
Die Dokumentation "Das Prinzip Montessori" zeigt den Alltag der Kinder in einem Montessori-Kindergarten in Frankreich Bildrechte: Neue Visionen Filmverleih

Als Alexandre Mourot seine kleine Tochter in ihren ersten Lebensjahren mit ihrer unbändigen Energie beobachtete, dachte er sich mit ihren Lieblingsspielzeugen Aktivitäten aus, die sie voranbringen sollten. "Doch schon mit sechs Monaten wollte sie nicht mehr auf mich hören", so der Regisseur. "Sie verfolgte ihre eigenen Interessen. Meine erste Lektion hieß also: Versuche nicht, sie zu steuern, sondern respektiere ihre Spontaneität."

So begann sich Mourot für die Montessori-Pädagogik zu interessieren und begab sich mit seiner Kamera von Mai 2015 bis Juni 2017 in Frankreichs ältesten Montessori-Kindergarten, "Kinderhaus" genannt. Ausgerüstet mit der Kamera, Neugierde und der Frage an die Ärztin und Reformpädagogin: Welche Botschaft richtet sie an Eltern und an Lehrende?

Lange Einstellungen mit Kindern

Und wir sehen ihnen nun zu im Dokumentarfilm "Das Prinzip Montessori": 28 Kindern im Alter von zweieinhalb bis sechs Jahren. Sophie, Victoria, Camille, Géraud und die anderen beim Spielen oder Arbeiten mit den Materialien, den Gläsern, den Teppichen, die aufgerollt werden, den Buchstaben, den Büchern. Zu diesen langen Einstellungen mit den Kindern sind kurze Eindrücke und Beobachtungen des Filmemachers im Off zu hören:

Täglich sehe ich kleine Szenen, die mich berühren. Tausend Erfahrungen eines großartigen Miteinanders. Ich verstehe, warum Maria Montessori stets für das Prinzip großer Gruppen gemischten Alters eintrat.

Regisseur Alexandre Mourot "Das Prinzip Montessori"

Außerdem, dazu zu hören: Texte von Maria Montessori, in denen die Philosophie dieser Pädagogik deutlich wird. Grundsätzliches, das bei den Kindern, die die Doku in ihrem Alltag des Lernens zeigt, sichtbar wird.

Das Kind machen lassen

Szene aus Das Prinzip Montessori
Regisseur Alexandre Mourot verzichtet in "Das Prinzip Montessori" auf Interviews mit Experten. Der Zuschauer soll sich selbst ein Bild machen - ähnlich wie sich Kinder bei Montessori selbst ein Bild von der Welt machen sollen. Bildrechte: Neue Visionen Filmverleih

So erklärt Montessori: "Es ist ihm nicht wichtig, was die anderen wissen. Das Kind will selbst lernen. Die Welt selbst erfahren. Sie durch eigene Anstrengungen kennenlernen. Wir müssen das Kind machen lassen, denn sein Leben wird von seiner Fähigkeit abhängen, selbständig zu handeln."

Entscheidend ist für die Montessori-Pädagogen nicht das Ergebnis dieser Handlung, sondern die Haltung, in der das Kind die Sachen tut. In den Worten Montessoris: "Wichtig ist nicht, dass das Kind gut mit dem Material umgehen kann, sondern dass das seine Aufmerksamkeit weckt."

Der Kern dieser Pädagogik ist die selbständige Handlung des kleinen Menschen. Für die Montessori-Pädagogen geht es darum, das dem Kind immer innewohnende Potenzial zur Entfaltung zu bringen in der Begegnung mit Klängen, Farben, Geräuschen, Formen und all dem, was im Kinderhaus in großer Klarheit und Ordnung – keine Ablenkung! – bereit steht.

In der Gruppe gelten klare Regeln

Maria Montessori hatte entdeckt, dass Kleinkinder sehr sensibel auf die äußere Ordnung und die Gepflogenheiten des Lebens reagieren. Sie hat ihnen schnell eine Übereinstimmung der inneren Ordnung und dem Gefühl der inneren Sicherheit, das der inneren Ordnung folgt, in den Kinderhäusern verschafft. Außerdem sind die Klassenregeln bei Montessori sehr wichtig: Zum Beispiel kann ein Kind nicht einfach andere Kinder, die gerade arbeiten, stören. Die Freiheit darf nie zu Lasten der Anderen gehen.

Jeder Mensch hat seinen ganz eigenen Rhythmus. So individuell wie die Form seines Körpers. Ihn zu verändern, verursacht Leiden.

Aus einem Text von Maria Montessori

Ein anstrengender Film, doch Durchhalten lohnt sich

Der Dokumentarfilm "Das Prinzip Montessori" ist ein unglaublich anstrengender Film wegen seiner strengen Form. Denn die ganze Zeit sehen wir ja "nur" die Kinder und ihre Lehrer. Eben keine Interviews mit Experten – auch keine Gegenrede gegen das Montessori-Prinzip. Es geht dabei auch nicht darum, erklärt Alexandre Mourot im Interview, als Filmemacher Situationen, die dort zu sehen sind, zu interpretieren oder zu bewerten, sondern der Zuschauer soll einen eigenen Deutungsspielraum bekommen.

Es geht um die Beobachtung, zu der uns dieser Film einlädt und damit das Prinzip der Montessori-Pädagogik auch auf das Medium des Dokumentarfilms quasi überträgt. So entsteht eine einfache, auf den ersten Blick schlichte Dramaturgie. Unsere emotionale Reaktion im Kino, die direkte Übersetzung, ist das Gefühl von Langeweile.

Alexandre Mourots Film ist nicht nur was für Eltern, sondern generell für solche, die sich für Menschen interessieren.

Hartwig Tegeler, MDR KULTUR-Filmkritiker
Szene aus Das Prinzip Montessori
Scheinbar Nebensächliches macht Kinder glücklich: Géraud gelingt es zum ersten Mal, Reis aus einem Krug in den anderen zu gießen. Bildrechte: Neue Visionen Filmverleih

Also, warum sollten wir uns 105 Minuten lang anschauen, wie die Kinder im ältesten Montessori-Kindergarten Frankreichs Montessori-Pädagogik erfahren, warum sollten wir diesen langsamen Fluss der Bilder aushalten?

Antwort: Um dem Staunen, der Konzentration, der Verblüffung und dem reinen Glück zuzuschauen, wenn beispielsweise Géraud, der kleine Junge, das erste Mal Reis aus einem kleinen Krug in einen anderen gießt. Reines, natürliches Glück. Kriegt man sonst selten zu sehen, im Leben wie im Kino. Um das geschenkt zu bekommen – wie hier, im Film "Das Prinzip Montessori" - sollte man schon durchhalten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. September 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2018, 09:55 Uhr

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