Ein Wolf im Wald schaut in die Kamera.
Die Natur scheint zurückzukehren - und doch bestimmen wir, wie viel Raum sie einnehmen darf. Bildrechte: NFP marketing & distribution

Dokumentarfilm: "Auf der Jagd - Wem gehört die Natur?" Warum tötet man Wolf, Wildschwein und Reh?

Die Dokumentarfilmerin Alice Agneskirchner hat zwei Jahre an ihrem Film "Auf der Jagd - Wem gehört die Natur?" gearbeitet. Herausgekommen ist ein Film mit atemberaubenden Bildern von unseren heimischen Wildtieren, der uns in die Welt zwischen Hege, Pflege und Töten führt. Gehört die Jagd heute noch zu unserer Lebensweise oder ist sie Hobby und Spaß? Und wem gehört eigentlich die Natur, die sich der Mensch mit den Wildtieren teilt? Wer diesen Film gesehen hat, geht mit anderen Augen durch die Landschaft.

von Hans-Michael Marten, MDR KULTUR

Ein Wolf im Wald schaut in die Kamera.
Die Natur scheint zurückzukehren - und doch bestimmen wir, wie viel Raum sie einnehmen darf. Bildrechte: NFP marketing & distribution

Die Wölfe fühlen sich wohl in unserer Gegend. Und sie sehen großartig aus, wie es die seltenen Filmaufnahmen von wild lebenden Wölfen zeigen. "Wolfsterritorial", so der Fachausdruck, ist Brandenburg und Sachsen voll erschlossen – durch den Wolf. Es sind 45 Rudel, mehr Wölfe passen hier nicht her. Seit zwei Millionen Jahren geht der Wolf auf die Jagd und erst seit zweihunderttausend Jahren der Mensch. In ihrem gemeinsamen Jagdtrieb haben sie sich die Natur geteilt. Doch die Natur, wie beide sie kannten, gibt es nicht mehr. Es sieht zwar nach Natur aus, ist grün, blüht und duftet, doch in Deutschland regiert der Besitz. Wir leben in einer Kulturlandschaft. Der Dokumentarfilm "Auf der Jagd" von Alice Agneskirchner macht das eindringlich klar.

Regisseurin Alice Agneskirchner
Regisseurin Alice Agneskirchner Bildrechte: NFP marketing & distribution

Es gibt kaum Flecken in unserem Deutschland oder auch in Europa, die quasi niemandem gehören (…) Und dann ist das wirklich Erstaunliche, dass Deutschland eines der wildreichsten Länder auf der Welt ist – ohne dass wir wirklich Natur haben. Das fand ich so phänomenal, dass ich mir gedacht habe, da muss man doch mal nachgucken, wie das geregelt ist.

Regisseurin Alice Agneskirchner

Wald vor Wild

"Wem gehört die Natur?" fragt der Film und lässt Jäger, Tierschützer und Waldbesitzer zu Wort kommen. Das Rotwild, erfährt man, wurde vom Menschen in die Wälder vertrieben, die Wiesen und Felder gehören dem Bauern. Und: In Deutschland werden jährlich 1,2 Millionen Rehe geschossen. Rehe knabbern junge Bäume an, und das deutsche Waldgesetz schützt gnadenlos die Waldwirtschaft. "Wald vor Wild" heißt es. Die Wildbiologin Christine Miller, selbst Jägerin, kritisiert die flächendeckende Massentötung.

Wir haben eigentlich ganz gute Gesetze, die sagen: Wildtiere haben ein Lebensrecht. Sie sind Allgemeingut, sie gehören niemandem, sie gehören uns allen. Aber sie werden in einer Art und Weise bewirtschaftet, wo ich sage: Das ist einfach purer Raubbau.

Jägerin und Wildbiologin Christine Miller

Das Wild gehört allen, aber der Jäger tötet es – sicher: Nach staatlichen Abschussplänen. Und dennoch bleibt ein Unbehagen. Obwohl: Beim Wildschwein gibt es scheinbar Konsens. Es muss weg. Anders sieht es beim Reh aus. Da hat Bambi die Werte verschoben. Der Film will dem Zuschauer keine Meinung aufzwingen. Er beobachtet und hört zu.

Ein Gebirgsjäger und sein Bayerischer Gebirgsschweißhund.
Bildrechte: NFP marketing & distribution

Alice Agneskirchner zeigt mit ihrem Dokumentarfilm "Auf der Jagd" die Welt zwischen Hege, Pflege und Töten. Ein unaufdringlicher Diskurs, wie wir uns die Natur unterwerfen und wie wir mit unseren Wildtieren umgehen.

artour Do 03.05.2018 22:05Uhr 06:25 min

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Zurück zur Natur?

Töten macht nie Spaß. Aber wenn man weiß, warum man das macht, dann macht es auch Freude. Wir versuchen, die soziale Struktur zu erhalten. Geschlechterverhältnis, gesunder Wildbestand. Das ist eigentlich die Aufgabe vom Jäger.

Jäger im Film
Zwei Gämsen im Gebirge.
Gämsen stehen in den Alpen kurz vor ihrer Ausrottung. Bildrechte: NFP marketing & distribution

Unsere Gesellschaft definiere die Jagd jedoch als unnötig, sagt Regisseurin Agneskirchner. Ein dagegen sehr entspanntes Verhältnis zwischen Mensch, Tier und Natur zeigt ihr kurzer Ausflug im Film nach Kanada. Man spürt eine Gleichberechtigung und erahnt, wie sehr dieses Verhältnis in Deutschland gestört ist. Niemals würden kanadische Ureinwohner auf die Idee kommen, so viele Elche zu schießen, dass die Population ausstirbt. In den bayerischen Alpen wird das gerade praktiziert. Hier stört die Gams. Sie frisst die jungen Bäume, die als Lawinenschutz gepflanzt werden und steht somit kurz vor ihrer Ausrottung. Wald vor Wild. Dagegen kämpfen die Jäger. Sie laufen Sturm gegen die Abschussvorgaben. Verkehrte Welt? Nein. Erhalt des Artenreichtums, also Hege und Pflege, sind ein Gebot des Jägers. Aber eigentlich wissen wir das ja.

Weil das Tier ja niemandem gehört, müssen wir uns eigentlich alle die Frage stellen: Wieviel Natur wollen wir, wieviel Wildtier wollen wir in unserer Naturlandschaft? Die ja eine Kulturlandschaft ist. Und das ist eine Frage an alle.

Regisseurin Alice Agneskirchner

Ein paritätisches Nebeneinander zwischen Mensch und Wildtier wird es in Deutschland nicht mehr geben. Das hieße ja: Zurück zur Natur; und dann müsste man den Besitz neu regeln. Aber das will ja keiner. Oder?

Ein Jäger beobachtet das Wild von seinem Hochsitz.
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Di 08.05.2018 09:57Uhr 01:43 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-radio/video-trailer-auf-der-jagd-wem-gehoert-die-natur-100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 03. Mai 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2018, 09:35 Uhr

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