Sepiafoto einer Familie
Legendär: Eins von Christian Borcherts Familienporträts, für die er 1983 und dann noch einmal nach der Wiedervereinigung mehr als 80 Familien fotografiert hat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Festivalstart Borchert-Retrospektive: Dresdner Filmfest ehrt Fotografen

Legendär waren seine Fotos vom Wiederaufbau der Semperoper oder seine Familienporträts: Christian Borchert. Jetzt ist er in einer Restrospektive beim 31. Filmfest Dresden, das am Abend beginnt, neu zu entdecken. Bis Samstag stehen dort außerdem knapp 400 internationale Kurzfilme, Workshops und Podiumsdiskussionen auf dem Programm.

von Grit Krause, MDR KULTUR

Sepiafoto einer Familie
Legendär: Eins von Christian Borcherts Familienporträts, für die er 1983 und dann noch einmal nach der Wiedervereinigung mehr als 80 Familien fotografiert hat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fotografiert hat Christian Borchert schon seit seiner Kindheit, immer akribisch und immer mit großer Begeisterung. Aber auch das Medium Film entdeckte er frühzeitig für sich, wie der Kunsthistoriker Bertram Kaschek erzählt:

"Er hatte einen Ferienjob bei der Weinkellerei Robert Weber und der dortige Betriebsleiter stellte ihm seine Kamera zur Verfügung, einen Schmalfilmkamera, mit der er den Produktionsablauf dokumentieren durfte. Das war dann Teil seines Ferienjobs, und das bestärkte ihn, wie er selber auch in einem Interview gesagt hat, in seinem Berufswunsch, Kameramann werden zu wollen."

Der Fotograf Christian Borchert.
Der Fotograf Christian Borchert (1942 - 2000) Bildrechte: Filmfest Dresden

Selbst wenn ihm dieser Wunsch versagt blieb und er stattdessen ab 1960 Kopierwerktechnik in Potsdam-Babelsberg studierte, blieb er den bewegten Bildern zunächst treu. Er filmte seine Familie, die Filmboheme von Potsdam-Babelsberg, also seine Kommilitonen, und auch sein Lebensthema: Dresden, die Stadt, in der er aufgewachsen ist, war immer wieder Gegenstand seiner Arbeiten.

Lebensthema: Dresden

Der Fotograf Christian Borchert.
... und sein Lebensthema: "Dresden bei Tag und bei Nacht", 1964 Bildrechte: Filmfest Dresden

Speziell darin sieht Betram Kaschek, der als Stipendiat der Volkswagenstiftung an den Staatlichen Kunstsammlungen zu Christian Borchert forscht, dessen ästhetisch ambitioniertestes Filmmaterial: "Da sieht man auch am Schnitt – den er vermutlich gleich in der Kamera vorgenommen hat – wie er mit großem Sinn für filmische Dynamik diesen Stadtraum aufgenommen hat. Er zeigt vor allen Dingen Verkehrssituationen im öffentlichen Raum, anfahrende und abfahrende Straßenbahnen, anfahrende und abfahrende Autos oder Fahrräder oder Motorräder. Das heißt, die Dynamik einer Großstadt, die versucht er einzufangen in sehr bewegten Bildern, das sind 20 Minuten, die kaum je in ihrer Spannung nachlassen."

"Dresden bei Tag und Nacht" hat Bertram Kaschek daher auch – gemeinsam mit dem Filmwissenschaftler Claus Löser – für die Retrospektive beim Filmfest Dresden ausgewählt, ebenso wie den Animationsfilm "Don Quixote". Sein Schulfreund gestaltete die Puppen: "Hans Seidel war inspiriert durch einen Comic, den er in der Zeitschrift 'L'Humanité' gesehen hat über 'Don Quixote', womöglich war das sogar eine Zeichnungsfolge von Pablo Picasso. Das war Mitte der 50er-Jahre". Auch darüber gibt Borcherts überwiegend dokumentarischer Nachlass aus dem Jahr 1961 Auskunft, wie Kaschek weiß.

Vom Film zum Frame: Stadtgeschichte in 500 Bildern

Mitte der 60er-Jahre bricht sein filmisches Werk ab. Christian Borchert beendete seine Fotografenausbildung, wird wenig später Redakteur bei der "Neuen Berliner Illustrierten" und arbeitet schließlich ab 1975 als freischaffender Fotograf. Allerdings setzt er sich auch da zumindest mit filmischer Ästhetik auseinander. So filmt er Anfang der Achtziger Fernsehsequenzen ab und schneidet sie collagenhaft zusammen: Werbeaufnahmen, historische Dokumentationen und Ausschnitte aus Spielfilmen. Borchert veröffentlicht diese Arbeit nicht, beim diesjährigen Filmfest wird sie zu sehen sein. Bertram Kaschek erklärt, wie sie seine Art, Dokumentarfilme zu machen, beeinflusst hat:

"Offenbar hat er aus den Erfahrungen der frühen 80er-Jahre gelernt und sich nicht als Filmschnittmeister betätigt, sondern hat seine fotografischen Tugenden befragt und die Filme auf Einzelbilder hin durchgesehen." Kaschek zufolge sichtete Borchert 50.000 Meter Dokumentarfilme über Dresden. Aus diesen unzähligen Frames wählte er eine Serie von ungefähr 500 Bildern aus und fügte sie zu einer Bildsequenz über die Geschichte Dresdens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Prolog zur Ausstellung im Herbst

Letztlich war Christian Borchert dann doch zuallererst Fotograf und so ist die Retrospektive auf dem Filmfest Dresden vielleicht auch eine Art Prolog zur Borchert-Ausstellung, die – kuratiert von Betram Kaschek – ab Oktober in den Staatlichen Kunstsammlungen zu sehen sein wird. Ein Großteil seines Nachlasses befindet sich heute in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek.

Über die Retrospektive Filme von Christian Borchert – zu sehen beim Filmfest Dresden

10.04.2019 | 19:00 Uhr
Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek

13.04.2019 | 17:00 Uhr
Schauburg

Stichwort: Filmfest Dresden Vom 9.-14. April findet das Filmfest Dresden statt. Gezeigt werden Kurzfilme aus aller Welt. Das Filmfest gibt es seit 1989. Es wurde ursprünglich ins Leben gerufen, um die in der DDR verbotenen Filme zu zeigen. Später änderte sich der Schwerpunkt des Festivals hin zu Kurzspielfilmen und Animationsfilmen.

Während des Filmfests werden Preise in Höhe von insgesamt 66.000 Euro vergeben. Es ist damit eines der höchstdotierten Kurzfilmfestivals in Europa. Auch der Mitteldeutsche Rundfunk engagiert sich für das Filmfest Dresden. Er stiftet den mit 4.000 Euro dotierten Publikumspreis im Nationalen Wettbewerb. Zudem sendet das MDR FERNSEHEN die "MDR-Kurzfilmnacht" in der Nacht vom 12. zum 13. April, ab 00:20 Uhr.

Ein Schwerpunkt liegt in diesem Jahr auf Filmen aus und über Kuba, das in diesem Jahr den 60. Jahrestag der Revolution feiert. Erklärter Anspruch der Kuratoren ist es, die Realität jenseits von nostalgischer Buena Vista Social Club-Romantik zu zeigen.

Mehr über Festivals in der Region

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. April 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. April 2019, 19:38 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren