Filmkritik "Wagenknecht": eine Doku, die zum Werbefilm gerät

Zwei Jahre lang hat Filmemacherin Sandra Kaudelka die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht begleitet. Und doch gelingt es ihr nicht, hinter Wagenknechts Maske zu schauen – unser Rezensent vermisst einen kritischen Blick.

Wagenknecht Film 2 min
Bildrechte: Edition Salzgeber

Mi 11.03.2020 15:05Uhr 02:29 min

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"Es ist Ihnen bekannt, dass ich mich entschieden habe, bei der Neuwahl der Fraktionsspitze nicht wieder zu kandidieren," erklärte Sahra Wagenknecht Anfang 2019. Und weiter: "Die Gründe dafür sind schlicht, dass meine Gesundheit mir Grenzen gesetzt hat. Und einen bestimmten Grad an Dauerstress, das wollte ich in dieser Form nicht mehr weitermachen."

Ihre Rücktrittserklärung ist am Anfang der Doku "Wagenknecht" zu hören, wenn wir Sahra Wagenknecht auf dem Fahrrad mit Helm sehen. Sie ist einen Berg in der Provence hochgefahren; macht ein Foto vom Gebirgs-Panorama. Aber auch da das gleiche Gesicht. Immer.

Die gleiche Rücktrittserklärung dann auch gegen Ende von Sandra Kaudelkas Porträt-Film. Ebenfalls im Off. Dabei sehen wir – das einzige Mal in der Doku – die Politikerin in einer privaten Umgebung, von hinten, wenn sie ihre Haare zu dieser Frisur flicht, mit der wir Sahra Wagenknecht aus den Medien kennen.

Das heißt aber nicht, dass sie in diesem Film als private Person sichtbar wird. Im Gegenteil: Beim Haareflechten sehen wir die Verwandlung einer Person, die wir nie sehen, von der wir nichts erfahren oder erleben. Aber das Medienprodukt, das hier geschaffen wird, ist immer da; das Dahinter wird nie sichtbar. Und so wird Sahra Wagenknecht dann – im Film, in dieser Szene (von hinten gefilmt, wie gesagt) – zurLinken-Politikerin am Rednerpult, im Bundes- oder auf einem Parteitag.

Wagenknecht Film
Die private Sahra Wagenknecht bleibt im Film versteckt. Bildrechte: Edition Salzgeber

Die beständige Figur Sahra Wagenknecht

Es ist erstaunlich, wie den ganzen Film über die Figur Sahra Wagenknecht immer den gleichen, fast unbewegten Gesichtsausdruck hat – und hier ist natürlich nichts Despektierliches über die Person Sahra Wagenknecht gemeint, die ich nicht kenne und die sich im Film nie zu erkennen gibt und von der die Filmemacherin Sandra Kaudelka auch nie nur einen Blick erhascht, der sie nie nahe kommt. Immer wirkt ihr Gesicht wie verpanzert. Weil Wagenknecht ja immer vor der Kamera agiert, egal, ob Sandra Kaudelka eine Parteitagsrede zitiert, oder ob sie die Politikerin in einer scheinbar intimeren Situation im Fond ihres Dienstwagens mit ihrem Pressesprecher und Chauffeur zeigt.

Wir sehen also Sahra Wagenknecht nie außerhalb der Figur "Wagenknecht" und ihre Äußerungen in das Mikro von Sandra Kaudelka wirken fast immer wie schriftreife Statements. Vor allem aber sehr beherrscht.

Wenn man die Klammer des Films bedenkt –Rücktrittserklärung am Anfang und am Ende -, dann ist der Film "Wagenknecht" auch Zeugnis einer riesengroßen Enttäuschung, verbunden mit der Absicht der Analyse des Politikbetriebes als gnadenlosem Ort.

Sahra Wagenknecht (Franktionsvorsitzende DIE LINKE) bei ihrer Rede auf dem Parteitag.
Den Politikbetrieb bezeichnet Wagenknecht im Film als "Schlangengrube ". Bildrechte: IMAGO

Kein kritischer Blick auf die Linken-Politikerin

Zwei Jahre lang hat die Filmemacherin Sandra Kaudelka Sahra Wagenknecht begleitet. Aber was dieser Film werden sollte, wird nie ganz klar. Die Botschaft, dass Politiker auch "nur Menschen" sind, ist zu banal, zumal ja das strukturelle Problem des Films darin besteht, dass der Mensch Wagenknecht hinter der Maske nicht sichtbar wird, nur offensichtlich am Ende der Karriere krank geworden ist.

Sahra Wagenknecht erscheint im Film aber gleichzeitig als Opfer des Politikbetriebes und der Machtkämpfe innerhalb der Linken, die sie selbst ja so gut zu beherrschen schien. So wird die Doku aber auch zu einem Hohelied, einem Werbefilm über diese Politikerin.

Das Problem an diesem Film ist, dass Sahra Wagenknecht immer die Hoheit über die Inszenierung ihres eigenen Bildes behalten hat. Nicht im juristischen, sondern im Sinne eines kritischen Blicks der Filmemacherin Sandra Kaudelka. Den vermisst man schmerzlich.

Wagenknecht Film
Ein kritischer Blick auf die Politikerin fehlt im Film, so wird die Doku zum Hohelied. Bildrechte: Edition Salzgeber
Informationen zum Film "Wagenknecht"
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Sandra Kaudelka
Im deutschen Kino ab: 12.03.2020
Produktionsland: Deutschland

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2020 | 17:40 Uhr