Ein Frühstücksgedeck auf roter Tischdecke.
Foto von Michael Crichton Bildrechte: Michael Crichton

Ausstellung Wie aus Essen Kunst wird

Mit Essen spielt man nicht? Für die Kunst schon. Die Kunsthalle Erfurt vereint in der Ausstellung "Food for your Eyes" internationale Food-Fotografen: Ein Künstler spielt Vegetarier gegen Fleisch-Esser ironisch gegeneinander aus - mit einem "Veggie-Butcher". Ein anderer lotet digitale Bildwelten aus und lässt Sojasoße wie die berühmte Welle von Hokusai aussehen. Besucher erwarten Pop-Art-Werke genauso wie Kunst aus dem Alltag, z.B. das sogenannte Food Porn, wenn Menschen ihr Essen fotografieren und ins Internet stellen. MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll hat sich die Ausstellung angesehen.

Ein Frühstücksgedeck auf roter Tischdecke.
Foto von Michael Crichton Bildrechte: Michael Crichton

MDR KULTUR: Die Kunsthalle Erfurt ist bekannt für spannende Ausstellungen zur Gegenwartskunst. Warum zeigt man jetzt auf einmal Fotografen, die in ihrer Arbeit um die Welt des Essens kreisen?

Ein Mann hält ein großes Messer in der Hand.
Foto von Sylvan Müller: der "Veggie-Butcher" Bildrechte: d

Andreas Höll: Die Ausstellungsmacher hat das Thema gereizt, weil das ein ganz besonderer Fall von angewandter Fotografie ist. Man ist es gewohnt, dass z.B. Modefotografien gezeigt werden in Kunstmuseen, nicht nur vom kürzlich verstorbenen Modemacher Karl Lagerfeld, sondern auch von Künstlern wie Jürgen Teller – und der gibt seinen Modefotografien eine experimentelle und manchmal auch subversive Note, wenn er die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks überschreitet. Kai-Uwe Schierz, der Direktor der Kunsthalle Erfurt, ist auf ein ganz besonderes Festival in Dänemark gestoßen, das ganz im Zeichen der sogenannten Food-Fotografie steht. Das "Foodfoto Festival" in Vejle ist eine internationale Biennale. Da wurden mehr als 200 Fotografen aus 25 Ländern eingeladen, und einen Teil dieser Künstler kann man jetzt in Erfurt entdecken.

Das Essen im 21. Jahrhundert scheint immer mehr zu einer Frage der Weltanschauung zu werden. Spielen ideologische Aspekte bei zeitgenössischen Food-Fotografen auch eine Rolle?

Ja, das ist definitiv ein Thema bei der Schau in Erfurt, da wird auch der klassische Konflikt zwischen den bekennenden Fleischfressern und den überzeugten Vegetariern zelebriert. Es gibt da zum Beispiel den Züricher Fotografen Sylvan Müller. Er wurde beauftragt, Bilder zu machen für das älteste vegetarische Restaurant in der Schweiz und hat dafür den "Veggie Butcher" erfunden ("Gemüse-Metzger"). Kai-Uwe Schierz von der Kunsthalle Erfurt hat erklärt, wie der Fotograf vorgegangen ist:

Sylvan Müller hat mit Modellen in einer typischen Fleischerei fotografiert und all diese Werkzeuge, die wir vom Fleischer kennen, benutzen lassen, um Kohlköpfe, Rüben und dergleichen zu zerteilen. Eine sehr schöne ironische Reprise auf das, was das vegetarische Lebensgefühl gegen das fleischliche Lebensgefühl setzt.

Kai-Uwe Schierz, Kunsthalle Erfurt

Weiter erklärt Schierz: "Auf der anderen Seite haben wir eine Fotoserie, die sich intensiv dem letzten Refugium des Mannes, nämlich dem Grillen, dem Barbecue widmet. Da wird Männlichkeit, Testosteron, all das zelebriert. Wenn man das in einer Ausstellung hat, das erzeugt eine sehr besondere Spannung."

Die Spannung zwischen Grill-Freunden und Vegetariern wird liebevoll inszeniert in der Erfurter Schau. Welche anderen aktuellen Themen werden verhandelt?

Die digitalen Bildwelten spielen auf jeden Fall eine große Rolle. Da gibt es Bilder zu sehen, die erinnern einen überhaupt nicht mehr an die traditionellen Aufnahmen, wie man sie aus Kochbüchern oder Hochglanzmagazinen kennt. Da gibt es etwa Christian Lohfink, der arbeitet mit einer vollautomatisierten Spezialkamera:

Lohfink hat sich darauf spezialisiert, Flüssigkeiten zu fotografieren, Flüssigkeiten in Bewegung. Er macht das mit einer Präzisionskamera mit entsprechenden Beleuchtungen, die nur noch durch den Computer gesteuert und synchronisiert werden können. Wir sehen eine große Welle aus Sojasoße, und die hat ironischerweise die Form von Hokusais Welle, also etwas, das wir aus der japanischen Druckgrafik kennen.

Kai-Uwe Schierz, Kunsthalle Erfurt

Gibt es noch weitere Legenden der Kunstgeschichte, die in der Erfurter Schau auftauchen?

Da sind auf alle Fälle die Helden der Pop-Art zu nennen: Den amerikanischen Fotografen Michael Crichton. Crichton bringt sehr präzise die eigene Kulturgeschichte auf den Punkt, die eigene Mentalitätsgeschichte aus dem Heimatland der Schnellrestaurants und der "Diners" mit ihrer Ästhetik aus blitzendem Chrom und grellbunten Interieurs.

Er inszeniert ein amerikanisches Frühstück, das in die 50er- oder 60er-Jahre gehören könnte, ganz im Pop Art-Stil, wie wir es in den besten Bildern von Andy Warhol kennen. Man könnte wirklich sagen, dieser Chrichton ist eine Reinkarnation von Warhol als Fotograf.

Kai-Uwe Schierz, Kunsthalle Erfurt

Wie ist es mit der Welt der internationalen Spitzenküche. Interessieren sich die Fotografen nicht für die Sterneköche und ihre Gourmet-Tempel?

Ganz in Gegenteil – denn auch die Haute Cuisine ist durchaus präsent in der Erfurter Schau. Da gibt es zum Beispiel eine Foto-Serie von Erik Olsson, der porträtiert einen schwedischen Spitzenkoch. Dieser hat sich mit seinem Restaurant zurückgezogen in den äußersten Norden des Landes, mitten in die Wälder. Dort empfängt er ein exklusives und zahlungskräftiges Publikum – obwohl die Gerichte eher minimalistisch und frugal ausfallen.

Immer mehr Leute fotografieren ihr Essen im Restaurant und stellen diese Bilder ins Internet. Spielt dieses Phänomen auch eine Rolle bei der Schau in Erfurt?

Ausstellung "Food for your eyes" in Erfurt
Foto von Geoff Lung Bildrechte: Geoff Lung

Durchaus, diesem Phämonen hat man den ironischen Namen "Food Porn" gegeben. Auf gut Deutsch könnte man das vielleicht als "Pornografie des Essens" beschreiben. Kai-Uwe Schierz hat dazu erklärt: "Interessant ist, dass die Art und Weise, wie diese Speisen fotografiert werden, nämlich direkt von oben, die hat eine Auswirkung gehabt auf die Stilistik professioneller Food-Fotografen. Die fingen vermehrt an, Speisen von oben im 90-Grad-Winkel zu fotografieren. So kann man sehen, dass auch Alltag den professionellen Fotografen inspiriert."

Blick in die Ausstellung.
Bildrechte: Kunsthalle Erfurt

Über die Ausstellung "Food for your Eyes"
Kunsthalle Erfurt
Zu sehen bis 31. März 2019

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 05. März 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. März 2019, 13:00 Uhr

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