Sensibel und unbestechlich Retrospektive: Wie Dresden den Fotografen Christian Borchert neu entdeckt

Christian Borcherts Fotografien von Künstlern, seine Familienbilder oder die Langzeitbeobachtung zum Wiederaufbau der Semperoper – sie alle gehören zum Bildgedächtnis des Ostens. Der Nachlass des gebürtigen Dresdners wird heute in der Sächsischen Landesbibliothek verwahrt, 1.000 seiner Fotos im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen. Dort startet nun eine große Retrospektive, die einen neuen Blick auf den Bilderschöpfer erlaubt, der ein sensibler Chronist des DDR-Alltags war.

von Birgit Fritz, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin

Eine Frau, die eine Milchtüte aus dem Plastebehälter in der Kaufhalle hochhebt, um sie eingehend auf ihre Verlässlichkeit zu prüfen. Wer hier aufgewachsen ist, kennt das Bild und die Situation gleichermaßen. Christian Borchert war ein Chronist des Alltags, den er eher mit unaufdringlicher Sympathie als beißendem Spott begleitete. Aber er war so viel mehr, wie die Retrospektive im Dresdner Residenzschloss, die auf einem mehrjährigen Forschungsprojekt fußt, zeigt. Sein Werk ist abgeschlossen, im Jahr 2000 starb er  bei einem Badeunfall in einem Berliner See.

Im Bildgedächtnis des Ostens

Christian Borchert, Konsum-Kaufhalle "Neustädter Markt", 1980, Silbergelatinepapier, 252 x 376 mm, 298 x 398 mm
Im Alltag entdeckt Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Andreas Diesend

Geboren wurde Borchert 1942 in Dresden-Pieschen. Kurator Bertram Kaschek erklärt, was die Stadt ihm bedeutete: "Dresden ist bei Christian Borchert nicht nur ein persönliches, biografisches Thema, in seinem Werk wird Dresden zur Chiffre des 20. Jahrhunderts: Dresden zeigt er als Stadt, die sozusagen alles mitgemacht hat, alle Systeme, alle Systemumbrüche, die exemplarisch ist für die Leiden, manchmal auch die Freuden des 20. Jahrhunderts." Borchert habe immer nach einem fotografischen Blick gesucht, der auf die Umstände der Zeit reagiere, erklärt Kaschek weiter. So bekäme sein Thema "eine persönliche Brechung".

Dekonstruktion des Opfer-Mythos der Stadt

Seine erste Kamera erhielt Borchert im Alter von zwölf Jahren: eine Mittelformat Rheinmetall Perfekta 6x6 mit begrenzten Einstellmöglichkeiten. Er war offenbar fasziniert von der Möglichkeit, ein Bild zu schaffen, seine Familie und die Wundmale der Stadt, die riesigen Leerstellen im trümmerberäumten Zentrum hat er gleichermaßen festgehalten. Jahre später und anders als z.B. Richard Peter sen. in seiner weitverbreiteten  Serie "Dresden – Eine Kamera klagt an", bleibt Borchert nicht bei der Anklage stehen, sondern dekonstruiert vielmehr den Opfermythos in einem Projekt, für das er ganz verschiedenen Dokumentarquellen nutzt. Welchen Aufwand Borchert betrieb, erzählt Kurator Bertram Kaschek: Innerhalb von fünf Jahren hat er 50.000 Meter Film gesichtet, Material, das Dresden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt.

Aus 50.000 Metern Film hat er ungefähr 500 Bilder ausgewählt für Ausstellungen und später für eine Publikation, die er zu einer großen Bildfolge gefügt hat. Das ist gewissermaßen ein Bilderatlas, ein riesiger Bilderreigen, der die Vorgeschichte der Zerstörung Dresdens zeigt.

Bertram Kaschek, Kurator

Einblicke in die Retrospektive des Kupferstichkabinetts Christian Borchert: Tektonik der Erinnerung

Rund 20 Jahre nach Christian Borcherts Tod gibt es in Dresden jetzt eine vierteilige Retrospektive. Die Hauptschau findet im Kupferstichkabinett statt, das auch einen Nachlass mit rund 1.000 Fotografien verwahrt.

Christian Borchert, Selbstporträt in Budapest, 1998 Silbergelatinepapier, 135 x 204 mm; 147 x 232 mm
Christian Borchert, Selbstporträt in Budapest, 1998 Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Herbert Boswank
Christian Borchert, Selbstporträt in Budapest, 1998 Silbergelatinepapier, 135 x 204 mm; 147 x 232 mm
Christian Borchert, Selbstporträt in Budapest, 1998 Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Herbert Boswank
Christian Borchert, Grenzübergang Bornholmer Straße, Berlin (Ost), 10. November 1989, Silbergelatinepapier, 252 x 378 mm, 298 x 398 mm
Christian Borchert, Grenzübergang Bornholmer Straße, Berlin (Ost), 10. November 1989 Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Andreas Diesend
Christian Borchert, Kamenzer Forstfest, 1986, Silbergelatinepapier, 252 x 377 mm, 299 x 399 mm
Christian Borchert, Kamenzer Forstfest, 1986 Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Andreas Diesend
Christian Borchert, Konsum-Kaufhalle "Neustädter Markt", 1980, Silbergelatinepapier, 252 x 376 mm, 298 x 398 mm
Christian Borchert, Konsum-Kaufhalle "Neustädter Markt", 1980 Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Andreas Diesend
Christian Borchert, Familie W. (Abteilungsleiter Bildende Kunst im Kulturamt; Pädagogische Mitarbeiterin), Dresden, 1993, Silbergelatinepapier, 187 x 280 mm, 237 x 298 mm
Christian Borchert, Familie W. (Abteilungsleiter Bildende Kunst im Kulturamt; Pädagogische Mitarbeiterin) Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Herbert Boswank
Christian Borchert, Nonnen vom Kloster Slatina, Rumänien, Kreis Suceava, 1977, Silbergelatinepapier, 184 x 281 mm, 206 x 300 mm
Christian Borchert, Nonnen vom Kloster Slatina, Rumänien, Kreis Suceava, 1977 Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Andreas Diesend
Christian Borchert, Semperoper. Blick durchs Bühnenportal in den Zuschauerraum, 1977, Silbergelatinepapier, 225 x 225 mm, 238 x 240 mm
Christian Borchert, Semperoper. Blick durchs Bühnenportal in den Zuschauerraum, 1977 Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Herbert Boswank
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Von harmlosen Freizeitvergnügungen der Massen, über Technikbegeisterung angesichts des Luftschiffes ZR III bis zum  Militarismus im Alltag. In Erhard Frommhold, Cheflektor im Verlag der Kunst, fand der Fotograf einen Mentor und Auftraggeber für Projekte und Bücher. Er unterstützte ihn auch, die regelmäßig zu erneuernde Fotoerlaubnis für die Baustelle der Semperoper zu erlangen. In vierwöchigen Abständen kam Borchert fortan aus Berlin, wo er mittlerweile lebte, um den Wiederaufbau als einen fortschreitenden  Prozess in einer Langzeitdokumentation festzuhalten.

Den Menschen nicht ihr Bild entreißen

Christian Borchert, Familie W. (Abteilungsleiter Bildende Kunst im Kulturamt; Pädagogische Mitarbeiterin), Dresden, 1993, Silbergelatinepapier, 187 x 280 mm, 237 x 298 mm
Aus der Reihe seiner Familienporträts Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Herbert Boswank

Neben der Reportagefotografie widmete sich Borchert auch eingehend der Porträtfotografie in inszenierten Situationen. Im Verlauf von knapp zwei Jahren fotografierte er über 200 Künstlerinnen und Künstler der DDR. Alle schauen direkt in die Kamera, ernst und gesammelt. Das war ihm später etwas zu aufgesetzt: "Und da hatte er nach einer größeren Entspanntheit gesucht und später auch stärker auf eine beobachtende Fotografie gesetzt. Das heißt, ihm war immer wichtig, dass man den Menschen ihr Bild nicht entreißt", betont Kaschek. Die Leute sollten wissen, dass sie von ihm fotografiert: "Dann hat er sie gewähren lassen, bis sie sozusagen in ihr eigenes Bild hineingewachsen sind."  

Zum Beispiel bei den Familienporträts, die er im ganzen Land aufnahm: Mutter, Vater, Kind aus unterschiedlichen sozialen Schichten in  ihrer selbstgewählten Umgebung, meist ist es das Wohnzimmer.   Wo es möglich war, wiederholte er die Aufnahmen rund 20 Jahre später,  1993 – nach einem Zeitenwechsel, der auch ihn zunächst lähmte. 

Neuer Blick auf den Bildersammler

Christian Borchert, Semperoper. Blick durchs Bühnenportal in den Zuschauerraum, 1977, Silbergelatinepapier, 225 x 225 mm, 238 x 240 mm
Aus dem Zyklus zum Wiederaufbau der Semperoper Bildrechte: Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen / Foto: Herbert Boswank

Die Ausstellung zeigt bekannte Bilder, aber auch Aufnahmen, die selten oder nie zu sehen waren, aber sie rückt auch Borcherts Arbeitsweise in den Blick. Man erfährt, wie er sein umfangreiches Material ordnete, wie er es bereithielt, um damit umgehen zu können. Ein konzeptueller Ansatz, der bisher wenig Beachtung fand, wie Björn Egging vom Kupferstichkabinett, das 1.000 von Borcherts Bildern verwahrt, erklärt dazu: "Ich glaube, dass diese Ausstellung den Blick auf Borchert verändert. Er ist natürlich bekannt als Chronist der DDR, aber dass er konzeptuell gearbeitet hat, dass er als Archivar mit eigenem Bildmaterial, das viele Jahrzehnte vorher entstanden ist, umging, das ist weniger bekannt." Borchert verwendete auch vorgefundenes fremdes Material, stellte die Bilder neu zusammen und machte daraus so ganz eigene Geschichten, wie Egging erklärt: "Das ist wirklich neu, das wissen viele nicht und darin liegt auch ein Stück weit seine Größe und seine Bedeutung." 

Mit dem Titel der Ausstellung "Tektonik der Erinnerung" wird eine gleichnamige Werkgruppe hervorgehoben, die formal aus dem Konzept der meisten Bildfindungen ausbricht. Sie ist verrätselter, auch poetischer, zeichenhafter. In fragmentierender Nahsicht, oft in nächtlicher Beleuchtung, hält Christian Borchert Orte fest als Chiffren eines Wandels – menschenleer.

Über die Ausstellung Christian Borchert. Tektonik der Erinnerung
Residenzschloss Dresden
26.10.2019—08.03.2020

Fast 20 Jahre nach Borcherts frühem Tod bietet das Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit einer vierteiligen Retrospektive den ersten umfassenden Überblick über sein vielseitiges Schaffen.

Zur Ausstellung gibt es ein Begleitheft, für den Februar 2020 ist das Erscheinen des Buches zur Ausstellung "Tektonik der Erinnerung" angekündigt.

Die Hauptausstellung in den Räumen des Kupferstichkabinetts im Dresdner Schloss wird von drei Satelitten begleitet:

"... eine eigenartige Entrücktheit". Christian Borcherts Blick auf Georg Kolbe Albertinum (1. OG)
26.10.2019- 26.01.2020

Auszug der Seele. Das Archiv Christian Borcherts in Fotografien von Maria Sewcz Studiolo im Renaissanceflügel, Residenzschloss (1. OG)
26.10.2019- 08.03.2020

Christian Borchert in Wuischke / we Wujezku
Wuischke / Wujezku, Außenmauer des "Haus am Czorneboh"
07.07.2019- 26.01.2020

Buchtipp Christian Borchert. Tektonik der Erinnerung
Hrsg. von Bertram Kaschek. Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Erscheint im Februar 2020 in deutscher und englischer Sprache im Leipziger Verlag Spector Books
434 Seiten, 38 Euro, Museumsausgabe: 28 Euro
ISBN: 978-3-95905-323-5

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2019, 10:31 Uhr

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