Exponat in der Ausstellung "Der Scherz – die heitere Seite der Aufklärung" im Gleimhaus
Jean-Baptiste Pater: Blindekuh, um 1730, Ausschnitt Bildrechte: Röbbig München (Foto: Luigi Caputo)

"Es kichert aus den Regalen": Gleimhaus zeigt heitere Seite der Aufklärung

Aufklärung? Das klingt nach Schule, Nathan dem Weisen und ernsten Fragen der Moral. Das Gleimhaus in Halberstadt zeigt uns jetzt "Die heitere Seite der Aufklärung". Am Sonnabend eröffnet die Ausstellung, die heitere Lyrik mit Malerei, Plastik und Grafik der Epoche vergnüglich zusammenführt. Anlass ist der 300. Geburtstag des Dichters, Mäzens und Sammlers, der auch ein Pionier der "Scherz-Kultur" war. Aus Anlass seines 300. Geburtstages richtet seine Geburtsstadt ein ganzes Festjahr aus.

von Sandra Meyer, Landeskorrespondentin für MDR KULTUR in Sachsen-Anhalt

Exponat in der Ausstellung "Der Scherz – die heitere Seite der Aufklärung" im Gleimhaus
Jean-Baptiste Pater: Blindekuh, um 1730, Ausschnitt Bildrechte: Röbbig München (Foto: Luigi Caputo)

Carpe Diem – Nutze den Tag! Was für viele heute gewünschtes Lebensmotto ist und deshalb als Slogan auch in Wellnessoasen aufscheint, war – Wer hätte das gedacht – auch Credo der Aufklärung. Nicht nur die Vernunft und später das Gefühl waren prägend für diese Epoche, sagt die Leiterin des Gleimhauses Ute Pott, neben der ernsthaften gab es eine heitere und amouröse Seite.

Ute Pott, Direktorin des Gleimhauses
Ute Pott, Direktorin des Gleimhauses Bildrechte: dpa

Gerade diese mittlere Phase der Aufklärung war im höchsten Masse witzig, selbstironisch. Man hat versucht, im Scherz neue Kommunikationsformen zu prägen. Man merkt zum Beispiel den Briefen an, dass sie sich selbst beömmelt haben beim Schreiben.

Ute Pott, Leiterin des Gleimhauses

"Man hört es aus den Regalen kichern"

Exponat in der Ausstellung "Der Scherz – die heitere Seite der Aufklärung" im Gleimhaus
Stockgriff mit Damenbüste, 1765 Bildrechte: Daniela Kumpf, Wiesbaden (Foto: Ursula Seitz)

Ein Pionier dieser heiteren Kultur war der junge Gleim. Pott zufolge steht er für die Haltung, das Diesseits feiern und in anregender Gesellschaft verbringen zu wollen. Mit seiner scherzhaften Dichtung von Wein, Weib und Lebensfreude war er als junger Autor zum Literaturstar geworden und hatte viele Nachahmer, wie die Ausstellung zeigt: "Man sieht allein schon im ersten Raum unendlich viele Bücher, die den "Scherz" im Titel haben, was deutlich macht: Die Leute wollten das."

Und: Man hört es in der Ausstellung sogar aus den Regalen kichern und kann sich vorstellen, dass sich die damalige Gesellschaft die Briefe, die Schäferlyrik gerne vorgelesen oder im Rollenspiel dargeboten hat. Mit "heiter" ist dabei kein Witze-Reißen gemeint, sondern die Kunst der amourösen Anspielung – man plauderte rund ums Stelldichein: "Man redete über Freundschaft, Liebe, Natur, aber immer auch fundiert mit einer Grundidee von Moral und Tugend", sagt Ute Pott und betont, dass nicht Hedonismus die Lebenseinstellung war nach dem Motto: "Hauptsache, ich habe meinen Spaß, sozusagen auf Dauer gestellte Party." Die Morallehre der Zeit bliebt Fundament, allerdings verbunden mit der Einstellung:

Der Mensch ist nicht nur Vernunft, im Spielerischen kann er auch erkennen.

Ute Pott, Leiterin des Gleimhauses

Mit allen Sinnen

Exponat in der Ausstellung "Der Scherz – die heitere Seite der Aufklärung" im Gleimhaus
Liebespaar mit Vogelbauer, 1736, Bildrechte: Sammlung Prof. Goepfert, Düsseldorf (Foto: Christoph Münstermann)

Und diese hintergründige Heiterkeit wurde nicht nur in der Literatur aufgegriffen, sondern auch in der Kunst: So zeigen Grafiken und Gemälde, wie man sich in geselliger Runde neckte oder flirtete. In einigen Porzellanplastiken seien die erotischen Anspielungen zu erkennen, erklärt Kurator Raimer Lacher. Bildwelt des Rokoko und Literatur spielten zusammen: "Das heißt, die Dichtung wird verbildlicht und die Bilder des Rokoko bekommen durch die Dichtung eine Sprache." Die Flöte oder der Vogelbauer seien "amouröse Andeutungen": Die Flöte stehe für das Phallische und was mit dem Vogel gemeint sei, "das liegt ja natürlich auch in der Sprache bis heute". 

Der Scherz, das Vergnügen als Errungenschaft

Sprich: Im Rokoko frönte man mit allen Sinnen der Lust und Lebensfreude. Dazu gehörte das Tanzen, Singen, Spielen und auch eine leuchtende Farbigkeit. Man betrachtete das Leben quasi durch eine Rosa-Brille – was auch auf Kritik stieß. Vertreter von Vernunft und Religion, Moral und Arbeitsethos fühlten sich durch den Scherz provoziert, erklärt Lacher. So warf man dem Rokoko Belanglosigkeit und Frivolität vor. Ungerechterweise wie Raimer Lacher findet:

Der Scherz, das Vergnügen – das sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern Errungenschaften. Und zwar maßgeblich des 18. Jahrhunderts, der Generation Gleims. Ich würde fast sagen, das sind Errungenschaften einer Jugendbewegung der damaligen Zeit.

Raimer Lacher, Kurator der Ausstellung

Und diesem damaligen Zeitgeist kann man in der Schau nachspüren, nicht nur durch das farbige Ausstellungsdesign, sondern auch durch witzige Details in der Präsentation. Und wie das Ganze auch ins Heute passt – erzählen allein zwei Worte: Carpe Diem

Das Gleimhaus. Dort lebte Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803).
Das Gleimhaus. Dort lebte Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803). Bildrechte: dpa

Über die Ausstellung "Scherz - die heitere Seite der Aufklärung"
15.06.2019 - 15.09.2019

Gleimhaus
Domplatz 31
38820 Halberstadt
Tel. 03941 / 6871-0

Öffnungszeiten
Di - So und feiertags:
10 - 16 Uhr (November - April)
10-17 Uhr (Mai - Oktober)

Das Gleimhaus ist eines der ältesten deutschen Literaturmuseen, eingerichtet im Jahr 1862 im ehemaligen Wohnhaus des Dichters und Sammlers Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803). Hier wird der Nachlass Gleims, seine Bilder, Bücher und Briefe, geordnet, erforscht und aufbewahrt. 

Gleim trug zum Beispiel die größte Porträtgalerie wichtiger Denker des 18. Jahrhunderts zusammen, den sogenannten "Freundschaftstempel" – Lessing, Klopstock, Herder, Jean Paul, Anna Louisa Karsch, Elisa von der Recke und viele andere sind hier in ihren Porträts zu sehen. Außerdem baute Gleim eine umfangreiche Bibliothek und eine bedeutende Handschriftensammlung auf. In diesem Zusammenspiel von Bildern, Büchern und Briefen gilt Gleims Nachlass als einmaliges kulturgeschichtliches Dokument des Zeitalters der Aufklärung mit seiner Freundschaftskultur.

Exponat in der Ausstellung "Der Scherz – die heitere Seite der Aufklärung" im Gleimhaus 4 min
Bildrechte: Röbbig München (Foto: Luigi Caputo)

MDR KULTUR - Das Radio Sa 15.06.2019 07:45Uhr 04:03 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juni 2019 | 08:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2019, 04:00 Uhr

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