Szenenbild 'Hänsel und Gretel' am DNT Weimar
Emma Moore als Gretel in Christian Sedelmayers Inszenierung. Bildrechte: Candy Welz

Opernkritik "Hänsel und Gretel" in Weimar: ein musikalisches Fest

Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" ist in Deutschland der Klassiker, um in der Weihnachtszeit die lieben Kleinen mit der Oper bekannt zu machen. So hält man es auch am Deutschen Nationaltheater in Weimar - dort feierte das Stück nun Premiere. Genau 125 Jahre, nachdem es in der Klassikerstadt auch uraufgeführt wurde.

von MDR KULTUR-Opernkritiker Uwe Friedrich

Szenenbild 'Hänsel und Gretel' am DNT Weimar
Emma Moore als Gretel in Christian Sedelmayers Inszenierung. Bildrechte: Candy Welz

Kalte, nackte Betonwände. Und der Vater kommt angetrunken mit ein paar Bierkasten auf die Bühne. 125 Jahre nach der Uraufführung wird "Hänsel und Gretel" in Weimar zur sozialkritischen Parabel. Regisseur Christian Sedelmayer, der auch für das Bühnenbild zuständig ist, lässt das Stück in der Gegenwart in einem Prekariatshaushalt spielen. Die Kinder dort haben eine sprühende Fantasie, bemalen die kahlen Wände mit Kreide. Sie nicht nicht mehr ganz klein, stecken eher in der Pubertät. Gretel probiert den Büstenhalter der Mutter aus. Und wenn diese kommt und schimpft, nehmen die Kinder sie nicht ernst. Auch nicht, als sie schließlich in den Wald geschickt werden.

Von Natur keine Spur

Dieser Wald gleicht in Weimar einer Art Autobahnzubringer, einer unwirtlichen Stadtlandschaft. Hänsel und Gretel spielen dort eher im Müll, als dass sie nach Erdbeeren suchen. Bis zur Pause ist diese sozialkritische Schiene sehr spürbar. Im Dritten Bild, wenn es ins Knusperhaus geht, wird es aber märchenhafter und traditioneller. Wunderbarerweise fliegt die Hexe dann auch, und singt ihren Hexenritt tatsächlich auf dem Besen reitend. Diese Schauwerte bedient Christian Sedelmayer durchaus - sein Hauptaugenmerk liegt dabei aber auf der Coming-of-Age-Geschichte, also: Heranwachsende Jugendliche müssen sich in Gefahren bewähren, um sich vom Elternhaus abzunabeln.

Musikalisch einwandfrei

Inszeniert wird Humperdincks Oper in Weimar genau 125 Jahre, nachdem schon die Uraufführung des Werks dort stattgefunden hat. In gewisser Weise ist es also ein Heimspiel: Die Staatskapelle hat einen wunderbaren Abend unter Dominik Beykirch - für mich eine der größten Dirigentenbegabungen unserer Tage. Bei Hänsel und Gretel hat er die Stimmen der Uraufführung, die ja damals Richard Strauss geleitet hat, studiert und sich dessen damalige Anmerkungen zu Herzen genommen: Das ist zum Teil sehr flott, aber unglaublich präzise. Dann wieder sehr langsam. Beykirch regt seine Sänger dazu an, sich wirklich darum zu kümmern, was sie an Text transportieren. Und auch die harmonischen Welten fächert er großartig auf.

Tatsächlich eine Einsteigeroper

Auch die Sänger überzeugen. Uwe Schenker-Primus als Vater macht die Hexenerzählung wirklich gruselig. Hänsel und Gretel sind Emma Moore und Sayaka Shigeshima, eine jugendliche Sopranistin also und eine doch sehr fleischige, auch erotische Mezzosopranistin. Die beiden passen sehr gut zusammen und man merkt auch: Ja, sie sind nicht mehr sechs, sondern eher 14 Jahre alt. Alexander Günther als Hexe agiert bedrohlich, zum Teil auch witzig. Das ist musikalisch wirklich ein Fest!

Grundsätzlich bin ich oft ein wenig skeptisch, ob man Kindern und Jugendlichen wirklich "Hänsel und Gretel" als erste Oper "antun" sollte. Aber wenn es so gemacht ist, wie am Deutschen Nationaltheater in Weimar, dann spricht überhaupt nichts dagegen.

Szenenbild 'Hänsel und Gretel' am DNT Weimar
Diese Hexe fliegt tatsächlich - Szenenbild aus "Hänsel und Gretel" am DNT Weimar. Bildrechte: Candy Welz

Informationen zur Oper Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel"

Märchenspiel in drei Bildern
Dichtung von Adelheid Wette

Musikalische Leitung: Dominik Beykirch
Regie und Bühne: Christian Sedelmayer

Nächste Aufführungstermine:
02.12. | 15:00 Uhr
02.12. | 19:00 Uhr
17.12. | 18:00 Uhr
23.12. | 15:00 Uhr
23.12. | 19:00 Uhr
06.01. | 16:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. November 2018 | 09:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2018, 15:30 Uhr

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