Staffel 4 gestartet: Warum "Haus des Geldes" die derzeit beste Serie ist

Gerade läuft Teil 4 der durchgeknallten und hochspannenden Bankräuber-Story "Haus des Geldes" auf Netflix. Die spanische Serie mit dem Originaltitel "La Casa de Papel" mit dem Professor und seiner kriminellen Crew um Tokio, Rio und Nairobi im Zentrum ist nicht nur durch das Lied "Bella Ciao" zum Kult geworden. Unser Kritiker Jörg Taszman hat auch die neue Staffel in nur drei Tagen verschlungen und ist immer noch begeistert.

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Bildrechte: Netflix/Tamara Arranz Ramos

Mi 15.04.2020 09:24Uhr 02:08 min

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Es sind vor allem die Figuren, die einen bei "Haus des Geldes" so mitfiebern lassen: Da gibt es den sogenannten Professor, einen Perfektionisten, der eine ganze Bande von Dieben, Panzerknackern und Kleinkriminellen um sich schart. Sie geben sich schillernde Künstlernamen: Tokio, Berlin, Denver, Rio, Helsinki, Lissabon, Bogota, Palermo und Nairobi wachsen einem einfach ans Herz. Das sind nicht alle hartgesottene Gangster, sondern Individualisten, die mit dem Gesetz auf Kriegsfuß stehen, mitunter aus sehr nachvollziehbaren Gründen.

Der linkische, aber geniale Professor bringt seine Leute zuerst in die spanische Banknotendruckerei und in der aktuellen Staffel in die Nationalbank Spaniens, während er ihnen als Mastermind von außen hilft. Und weil Polizei und Geheimdienst sie raffiniert und gnadenlos bekriegen und es auch innerhalb der Bankräuber immer wieder heftige Konflikte gibt, ist die vierte Staffel wahnsinnig spannend.

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Die Serie "Haus des Geldes" ist bei Netflix die erfolgreichste nichtenglischsprachige Serie. MDR KULTUR-Filmkritiker Jörg Taszmann empfiehlt sie gerade jetzt in der Krise.

MDR KULTUR - Das Radio Di 14.04.2020 16:10Uhr 09:34 min

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Die Serie "Haus des Geldes" ist bei Netflix die erfolgreichste nichtenglischsprachige Serie. MDR KULTUR-Filmkritiker Jörg Taszmann empfiehlt sie gerade jetzt in der Krise.

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Die Frauen stehlen den Männern die Show

Gerade die Frauenfiguren sind stark, komplex, intelligent, verletzlich, aber mitunter knallhart. Die beiden Banküberfälle werden von zwei Psychopathen geleitet, Berlin und Palermo. Beide sind Vollmachos, mitunter gehörig frauenfeindlich und vor allem die weiblichen Gangster Tokio und Nairobi rebellieren gegen diese Männer, weil sie auch auf ihr Bauchgefühl hören und nicht zu Killern werden wollen.

Auf der Polizeiseite sind die leitenden männlichen Einsatzleiter überforderte Machtmenschen, aber die Ermittlerinnen stehlen ihnen die Show, weil sie intelligenter und auch gerissener sind.

Und gerade die vielschichtigen Liebesbeziehungen – auch Homosexualität spielt eine wichtige Rolle –, die Eifersüchteleien und das wunderbare Pathos sorgen dafür, dass man in "Haus des Geldes" auch immer wieder mit den Tränen kämpft und ihnen auch freien Lauf lassen kann.

Auf der Polizeiseite sind die leitenden männlichen Einsatzleiter überforderte Machtmenschen, aber die Ermittlerinnen stehlen ihnen die Show, weil sie intelligenter und auch gerissener sind.

Jörg Taszman, MDR KULTUR-Serienkritiker

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Emotionen und Pathos machen "Haus des Geldes" zu einer der packendsten Serien. Bildrechte: Netflix/Tamara Arranz Ramos

Die Serie wird zum Phänomen

Eigentlich war nach zwei Staffeln mit insgesamt 22 Folgen "Haus des Geldes" perfekt zu Ende erzählt, produziert vom spanischen Sender Antena 3 und 2017 von Netflix ins Programm genommen. Dort wurde die Serie zu einem Sleeper, also einer Erfolgsgeschichte die sich immer mehr zu einem Phänomen entwickelte. Netflix hatte mit diesem internationalen Erfolg überhaupt nicht gerechnet. Die Serie wurde zunächst kaum beworben und zu einem schleichenden Hit Dank Mund-zu-Mund-Propaganda. Ich erlebte zu Weihnachten 2018 erstmals auf einer kleinen Weihnachtsfeier wie sich sechs Leute völlig begeistert über "Haus des Geldes" unterhielten. Das waren auch nicht die typischen Netflix-Zuschauer, sondern eine ältere Generation, die man sonst in Programmkinos findet. Ab Staffel drei packte Netflix dann die ganz große Werbemaschine aus. Im Sommer 2019 war beispielsweise der Wiener Hauptbahnhof mit Riesenpostern von Tokio, Rio, Denver, und Nairobi beklebt. Den neu produzierten Staffeln sieht man auch an, dass Netflix viel Geld in die Hände genommen hat. Zu Beginn der dritten Staffel bspw. fliegt ein Zeppelin über Madrid und wirft Millionen von Euros ab. Denn die Bankräuber werden wie Robin Hoods gefeiert.

Perfektes Entertainment mit Gesellschafskritik

Haus des Geldes bietet neben wirklich fesselnder Unterhaltung auch Kapitalismuskritik gepaart mit einem gesunden Schuss Anarchismus. In einer der schönsten Szenen singen der Professor und der Gangster Berlin gemeinsam "Bella Ciao". Das Lied der italienischen Partisanen avancierte auch wegen der Serie zum Welthit und zur Hymne.

Demonstrierende für Klimaschutz oder mehr Rechte tragen die typischen Dalí-Masken und roten Schutzanzüge der Bankräuber. Der Professor entpuppt sich im Laufe der Serie zum Idealisten und Kämpfer und ruft zum Widerstand gegen die Staatsgewalt auf. Die staatlichen Organe werden sehr unvorteilhaft, brutal und verschlagen dargestellt. Spanien ist in dieser Serie eine Demokratie mit stark autoritärer Attitüde. Wenn man sich anschaut, wie brachial die Zentralregierung in Madrid gegen friedlich Demonstrierende in Barcelona vorging, wie radikal die Ausgangssperre in Corona-Zeiten ist, bei der man nicht einmal spazieren gehen darf, dann beruht das sicherlich auf gewissen Tatsachen. Die Serienmachenden bedienen geschickt diese Klaviatur der Gesellschafskritik, ohne dabei zu subversiv zu sein.

Haus des Geldes bietet neben wirklich fesselnder Unterhaltung auch Kapitalismuskritik gepaart mit einem gesunden Schuss Anarchismus.

Jörg Taszman, MDR KULTUR-Serienkritiker

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Der Professor ist ein idealistischer Krimineller, der das Bankensystem kritisiert und zum Widerstand gegen die Staatsgewalt aufruft. Bildrechte: Netflix/Tamara Arranz Ramos

Die beste Serie der Welt

In der vierten Staffel machen die Bankräuber viele unlogische, dumme Fehler, trotzdem funktioniert die Mischung. Es wirkt alles noch packender, noch sentimentaler, noch absurder, noch aberwitziger. "Haus des Geldes" ist derzeit einfach für mich die beste Serie der Welt. Leider ist der Cliffhanger am Ende der vierten Staffel sehr fies und das Warten jetzt schon fast unerträglich. Wann aber wegen Corona überhaupt die fünfte Staffel gezeigt wird, bleibt die große Frage.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. April 2020 | 16:10 Uhr