Ausstellung History in Fashion – 1.500 Jahre Stickerei in Mode
"History in Fashion – 1.500 Jahre Stickerei in Mode" zeigt Objekte aus der eigenen Sammlung des Museums und Arbeiten von jungen Textiltalenten. Bildrechte: Esther Hoyer

Ausstellung "History in Fashion – 1.500 Jahre Stickerei in Mode" Leipziger Grassimuseum zeigt Vielfalt des Stickens

Immer mehr Menschen besticken gern T-Shirts, Mützen und Jacken oder stellen Kunstwerke mit Garn und Nadel her. Sticken liegt wieder im Trend. Eine große Ausstellung im Leipziger Grassimuseum für angewandte Kunst zeigt, dass hinter der Geschichte des Stickens mehr steckt als 80er-Jahre-Kreuzstich-Stillleben oder Erziehungsinstrument zu häuslicher Weiblichkeit im 20. Jahrhundert. Vom 21. November 2019 bis zum 29. März 2020 läuft "History in Fashion – 1.500 Jahre Stickerei in Mode" und zeigt Objekte aus der eigenen Sammlung, die noch nie zu sehen waren, aber auch Arbeiten von jungen Textiltalenten. Ulrike Thielmann hat die Ausstellung besucht.

Ausstellung History in Fashion – 1.500 Jahre Stickerei in Mode
"History in Fashion – 1.500 Jahre Stickerei in Mode" zeigt Objekte aus der eigenen Sammlung des Museums und Arbeiten von jungen Textiltalenten. Bildrechte: Esther Hoyer

"Es stehet die Nadel nicht nur denen Damen wohlan, welche die Geburt in den bürgerlichen Stand gesetzet, sondern auch denen, die sich edel nennen und Edel seyn wollen." heißt es, mit erhobenem Zeigefinger, im "Neh- und Stickbuch" der Magadalena Helm von 1700, erschienen in Nürnberg.

Ausstellung "History in Fashion" im Leipziger Grassi Museum
Ein Blick in das "Neue Blumenbuch" von Maria Sybilla Merian Bildrechte: Karola Bauer

Nahezu zeitgleich wirkte dort auch Maria Sybilla Merian, bis heute bekannt für ihren natürlichen und lebhaften Abbildungen von Blumen und Pflanzen. Doch Merian war nicht nur Malerin und Zeichnerin, sie stickte auch: Blumen, Insekten, Vögel. Davon kündet das ebenfalls in Nürnberg erschienene "Neue Blumenbuch" Merians, das das Leipziger Grassimuseum für angewandte Kunst jetzt in seiner neuen Sonderschau zum Sticken zeigt. An Merians Beispiel, aber auch an anderen Stellen der Ausstellung, scheint oft auf, wie nah Stick-und Zeichenkunst beieinanderliegen.

Textilkünstler und Zeichner haben immer Hand in Hand gearbeitet. Viele waren begnadete Zeichner. Man kann oftmals unter der Stickerei noch die zeichnerische Kontur erkennen.

Olaf Thormann, Direktor des Grassimuseums für angewandte Kunst

Nach der Nürnberger "Malerordnung" war es Merian, wie allen Frauen, verboten, Gemälde professionell anzufertigen. Eine Praxis, die damals fast überall in Europa galt. So praktizierte Merian, die für Frauen erlaubten Techniken. Dazu gehörte auch das Sticken. So erklärt sich teilweise, warum sich so viele Frauen in der Kunst des Stickens übten. Dass die Stickerei keineswegs immer weiblich konnotiert war, davon versucht das Grassimuseum die Besucher in seiner furiosen neuen Ausstellung zu 1.500 Jahren Stickerei-Geschichte zu überzeugen.

Ausstellung "History in Fashion" im Leipziger Grassi Museum
Das älteste Exponat zeigt zwei Tänzerinnen im Spalt-und Stopfstich. Bildrechte: Karola Bauer

Das älteste Exponat stammt übrigens aus Oberägypten, aus dem 4. bis 7. Jahrhundert, und zeigt zwei Tänzerinnen im Spalt-und Stopfstich. Dass die Goldstickerei an den Höfen meist nur von spezialisierten Stickmeistern, Männern, ausgeführt werden durfte, erklärt sich durch die Kostbarkeit des Materials. Die Ausstellung unternimmt Exkurse in die hohe Zeit der Seidenstickerei in Frankreich, als in Lyon, einem Zentrum, natürlich auch viele Männer stickten, wegen des hohen Bedarfs des französischen Hofs.

Historische Stickkunst in Leipzig gesammelt

Die Ausstellung zeigt zudem, dass auch Leipzig eigene kleine Histörchen zum Kunsthandwerk der Stickerei zu bieten hat.

Das war für mich ein ganz schöner Aspekt an dieser Ausstellung, Leipziger Geschichte mit aufdecken zu können. Ein Beispiel ist der sächsische höfische Baurat Oskar Mothes, aus dessen Sammlung eine sehr schöne reich bestickte Hälfte einer Herrenweste aus dem Barock hier rein gekommen ist, die wir auch in der Ausstellung zeigen.

Stefanie Seeberg, Kuratorin der Ausstellung

Sticken in der zeitgenössischen Mode

Neben auratisch präsentierten Belegen für die Stickerei-Kunst der Jahrhunderte, unternimmt die Ausstellung große Anstrengungen, den Besuchern zu vermitteln, dass das Sticken durchaus eine Zukunft besitzt. So präsentiert man inmitten der historischen Exponate immer wieder Entwürfe berühmter Modelabels wie "Comme des Garcons" oder Hugo Boss, die zeigen, dass sich die Modemacher in den letzten Jahren gern von historischen Stick-Vorlagen inspirieren lassen.

Zudem präsentiert die Schau zeitgenössische Kunst, die mittels Stickerei agiert. So machten sich auch die Studierenden der Burg Giebichenstein in Halle ihre Gedanken. Künstlerinnen wie Shani Faroy oder Emma Leippe setzen sich in ihren Arbeiten dabei mit frauenfeindlichen Rollenbildern auseinander, um die einzuüben, auch die Stickerei bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts missbraucht wurde. So empfindet etwa Emma Leippe auf ihren transparenten Gewändern – per Plattstich in violett – jene violett-bläulichen Markierungen der Schönheitschirurgen nach, an Bauch oder Brust, kurz vor der OP. Künstlerinne wie Rosemarie Trockel oder Louise Bourgeois hatten einst damit begonnen, per Handwerkstechniken ihre Wut über die Unterdrückung der Frau zu artikulieren.

Ausstellung "History in Fashion" im Leipziger Grassi Museum
Auf ihren transparenten Gewändern verwewigt Textildesignstudentin Emma Leippe Markierungen von Schönheits-OPs. Bildrechte: Karola Bauer

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. November 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2019, 15:30 Uhr

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