Internationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung Dokfilm: "In Search..." – Was es heißt, "beschnitten" zu werden

Die eigene Sexualität ausleben, das ist Millionen Frauen auf der Welt nicht mehr möglich. Sie wurden "beschnitten". Wie Beryl Magoko. Die junge Kenianerin, die inzwischen in Deutschland lebt, tritt in ihrem Dokumentarfilm "In Search…" eine Reise zurück in ihre Vergangenheit an, befragt ihre Mutter, trifft aber auch andere Frauen, die berichten von ihrem Schicksal und wie sie damit fertig werden. Der Film kommt zum Internationalen Tag gegen Genitalverstümmelung ins Kino.

von Pia Uffelmann, MDR KULTUR

Ein junge Frau sitzt auf einem Sofa und schaut nachdenklich. 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beryl Magoko sucht. Sie sucht einen selbstsicheren Umgang mit den Folgen ihrer Genitalverstümmelung, kurz FGM. In Deutschland wohnt sie seit einigen Jahren, hat hier an der Kunsthochschule für Medien Köln studiert. In ihrem Dokumentarfilm "In Search" ist sie die zentrale Person und Drehbuchautorin in einem, sie erzählt ihre eigene Geschichte und trifft Frauen, die ihr Schicksal teilen und auch über die Folgen Auskunft geben.

"In search" - Szene aus dem Dokumentarfilm von Beryl Magoko
Beryl Magoko trifft Frauen, die ebenfalls als Kind genital verstümmelt wurden. Bildrechte: Arsenal Filmverleih

Wie alt warst du, als du beschnitten wurdest?
Ich war zwischen fünf und sechs, in Burkina Faso. Ich erinnere mich an alles. Als ich verstümmelt wurde, spürte ich physischen Schmerz, und emotionalen Betrug. Fühlst du dich schuldig?
Natürlich, bis heute.
Da niemand deine Hand hielt, um dich zum Feld zu bringen, hast du Schuldgefühle, weil du denkst, du hättest bei deiner eigenen Verstümmelung mitgemacht. Und damit solltest du dich auseinandersetzen.

"Das Monster, das wir töten müssen"

Als ihre Genitalien verstümmelt wurden, war Beryl Magoko zehn Jahre alt. Von ihrem Umfeld unter Druck gesetzt, ging sie zur Beschneidung, ohne zu wissen, welche Schmerzen sie erwarten und wie ihre Gesundheit und ihr Sexualeben davon beeinträchtigt sein würden. Nachdem es passiert war, sagt sie, wusste sie sofort, dass es ein riesiger Fehler war. Um es zu verarbeiten, sucht Beryl den Rat betroffener Frauen: "Wenn du dich wirklich befreien willst, kannst du die Erinnerung nicht wegtun. Aber du kannst damit leben. Du musst lernen, wie du damit leben kannst. Du musst lernen, loszulassen. Du bist immer noch in einem Kreislauf drinnen. Du hast noch keine Tür gefunden, wo du raus kannst. Das geht nur, wenn du deine eigene Geschichte aufgearbeitet hast. Das ist unser Monster, das wir töten müssen."

"In search" - Szene aus dem Dokumentarfilm von Beryl Magoko
Die Freude über das Wiedersehen ist groß, doch fünf Wochen braucht Beryl, bis sie ihrer Mutter die Frage stellen kann: "Wolltest du das ?" Bildrechte: Arsenal Filmverleih

Der Film nimmt uns mit auf eine Reise nach Kenia, in ihre Heimat, zu ihrer Familie. In eine Welt, in der es zahlreiche Begründungen für die weibliche Genitalverstümmelungen gibt. Es sei Tradition, ein Initiationsritus, heißt es. Es kommen fadenscheinige Erklärungen wie die, dass die Genitalverstümmelung die Fruchtbarkeit erhöhen würde. Mit ihrer Mutter konnte sie nie darüber sprechen. Nun will sie es tun. Fünf Wochen verbringt sie mit dem Filmteam in Kenia. Doch erst drei Tage vor Abreise traut sich Beryl, ihre Mutter darauf anzusprechen: "Wolltest du, dass wir beschnitten werden?", fragt sie und die Mutter verneint, versucht zu erklären: "Aber ihr musstet trotzdem gehen. Damals war die Kirche nicht gegen Beschneidung. Leute haben beschnitten, weil es andere schon taten, als sie aufgewachsen sind." Sie erzählt, wie schlecht sie sich damals gefühlt habe.

Sehr persönliche Erzählweise

"In search" - Szene aus dem Dokumentarfilm von Beryl Magoko
Zunächst ist es ihr "unvorstellbar", sich einer Operation zu unterziehen. Bildrechte: Arsenal Filmverleih

Wie stark das weibliche Genital bei dem Ritual verstümmelt wird, ist unterschiedlich. Die WHO geht von vier Typen aus. Beryl erfährt, dass sie Typ 2 ist. Das bedeutet, dass den Frauen die Klitoris, die kleineren Schamlippen und manchmal auch die großen Schamlippen entfernt werden. Und somit fast alle Geschlechtsteile, die beim Sex Lust bereiten. Mittlerweile gibt es Operationen zur Rekonstruktion. Doch sich dafür zu entscheiden, ist für Beryl angesichts ihres Traumas nicht leicht: "Es ist wirklich schwer vorstellbar, dass jemand einen da unten wieder mit scharfen Gegenständen berührt. Das ist unvorstellbar. Und für viele Frauen ist das angsteinflößend: Nicht noch einmal! Weil die Erfahrung der Beschneidung noch so präsent und stark ist, dass es dein Leben zerstört. Wenn du daran denkst, dass dich Messer oder Klingen schneiden werden, hast du das Gefühl, jemand nimmt dein Herz wieder weg – nein! Deswegen versucht man, sich zu schützen."

"In search" - Szene aus dem Dokumentarfilm von Beryl Magoko
Sie geht den nächsten Schritt. Bildrechte: Arsenal Filmverleih

In seiner persönlichen Erzählweise liegt eine große Stärke dieses eindrücklichen Films, der so nahebringt, was die Genitalverstümmelung für Frauen wie Beryl bedeutet. Es geht ihr nicht nur um ihre eigene Geschichte: "Wir sind über 240 Millionen Frauen auf der ganzen Welt, die sich dieser Praxis unterziehen mussten. Wenn wir aufstehen und sagen, ich bin von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen und so hat es mein Leben beeinflusst, dann rettet man sich nicht nur selbst, indem man darüber spricht. Andere werden auch den Mut finden, ihre Erfahrung zu teilen."

Beryl entscheidet sich schließlich doch für die Rekonstruktion. Einen Schritt, den die mutige Frau durch "In Search…" so öffentlich gemacht hat wie nur irgend möglich. Der Dokumentarfilm wurder schon mit 20 Preisen ausgezeichnet, bei der Weltpremiere auf dem Leipziger DOK-Festival wurde "In Search..." ausgezeichnet mit dem Leipziger Ring.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 06. Februar 2020 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2020, 14:50 Uhr

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