Buchkritik "Sommer bei Nacht": Neue Romanreihe von Jan Costin Wagner

Jan Costin Wagner wurde vor allem für seine Kriminalromane um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa bekannt, für die er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Wagners Bücher werden von der Kritik als psychologische Meisterstücke gelobt, in denen der Autor immer auch gängige Erwartungshaltungen unterlaufe. Jetzt hat er mit "Sommer bei Nacht" eine neue Reihe begonnen, mit einem neuen Ermittlerteam. MDR KULTUR-Literaturkritikerin Andrea Gerk schaut auf den Neuanfang.

Jan Costin Wagner
Jan Costin Wagners Bücher gelten als psychologische Meisterstücke. Bildrechte: IMAGO

Was zu Beginn von Jan Costin Wagner Roman "Sommer bei Nacht" passiert, ist zweifellos einer der schlimmsten aller Eltern-Albträume: Man geht gemeinsam auf den Schulflohmarkt, ist einige Minuten abgelenkt und wenn man sich nach seinem Kind umdreht, ist es verschwunden. Weggelockt von einem Mann, der – obwohl er zwei große Teddy-Bären bei sich hatte – keinem groß aufgefallen ist.

Deshalb gibt es von ihm wohl auch keine Spur, keine Hinweise, außer den unscharfen Bildern einer Überwachungskamera und die Ahnungen des pensionierten Kommissars Landmann, der sagt: "Die Bären waren Hingucker, aber dennoch hat niemand genau hingesehen. Blicke haben den Mann gestreift, aber niemand hat ein zweites Mal hingesehen. Weil der Mann und die Bären eine Einheit waren. Es entstand kein Widerspruch."

Ein Phantom mit Teddybär

Cover: Jan Costin Wagner „Sommer bei Nacht“
"Sommer bei Nacht" ist der Auftakt einer neuen Serie des Schriftstellers. Bildrechte: Verlag Galiani Berlin

Ben Neven, einer von Jan Costin Wagners neuen Ermittlern, vertraut dem Rat seines erfahrenen Kollegen, der zu seinen aktiven Zeiten "der Mathematiker" genannt wurde, weil niemand in so messerscharfen Gleichungen zu denken vermochte wie er. Der leicht übergewichtige, weich und flauschig wirkende Mann, den Ben Neven und sein Kollege Christian Sandner in "Sommer bei Nacht" suchen, um einen entführten Jungen zu retten, bleibt zunächst ein Phantom. Bis die beiden auf einen nie aufgeklärten weiteren Fall von Kindesentführung in Österreich stoßen. Auch hier war ein Teddybär im Spiel, auch hier hat die Mutter den Jungen nur einen kurzen Moment aus den Augen gelassen.

Es sind alles verändernde Kippmomente, die keiner kommen sieht, die seelischen Schieflagen, in die sie Menschen so tief rutschen lassen, dass diese nie mehr herausfinden und die unerklärlichen Abgründe menschlicher Gefühle. Das sind die großen Themen dieses großartigen Romans, der nicht zuletzt eine poetische Studie über unsere Ängste, deren Wahrnehmung und Bewältigung ist. Letztlich sind so gut wie alle Figuren, die Wagner auftreten und in diesem vielstimmigen Text erzählen lässt, zutiefst verstörte Menschen.

Ermittler mit Traumata

Die Täter – deren Perspektive Wagner auch anspielt – aber auch die Ermittler schleppen ungeklärte Traumata mit sich herum. So hat Christian Sandner als Jugendlicher erleben müssen, wie ein Mädchen, in das er verliebt war, in seinen Armen gestorben ist. Die erwachsene Tochter des pensionierten Kollegen Landmann nimmt sich – in den Tagen der Ermittlung – das Leben. Und der verheiratete Kommissar Ben Neven empfindet bei konfiszierten Computerbildern, die er bei einer Ermittlung hat mitgehen lassen, eine verbotene Lust.

Ein latent pädophiler Ermittler, der einen Fall von Kindesmissbrauch erfolgreich aufklärt, ein Kinderschänder, der wie ein Teddybär durchs Leben stolpert – Jan Costin Wagner bringt in "Sommer bei Nacht" alle Gewissheiten und Grenzen ins Wanken. Dabei erklärt er nichts oder nimmt etwa die Täter in Schutz – ganz im Gegenteil. Der Fall, der an den monströsen Missbrauchsfall auf dem Campingplatz in Lüdge erinnert, zeigt unmissverständlich, welche Verheerungen Kindesmissbrauch anrichtet und lotet das Unsägliche mit unglaublich präzisen poetischen Mitteln aus. Ein aufwühlender, fesselnder Roman, mit dem Jan Costin Wagner einmal mehr ein großes Stück Literatur gelingt.

Über den Roman Jan Costin Wagner: "Sommer bei Nacht"
Verlag: Galiani Berlin
320 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-86971-208-6

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Februar 2020 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Februar 2020, 08:07 Uhr

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