Vom Erwachsenwerden in der NS-Diktatur Das Jugendbuch "Bis die Sterne zittern" spielt in Leipzig

Heinrich, Harro, Hilma, Josephine, Pit und der kleine Edgar, sie alle passen nicht so recht in das Straßenbild von 1936. Sie tragen karierte Hemden und kurze Hosen - auch die Mädchen. Sie treffen sich in Leipzig an der Paul-Gerhardt-Kirche oder am Uniontheater - heute das UT Connewitz in der Wolfgang-Heinze-Straße - und provozieren so die Öffentlichkeit. "Leipziger Meuten" hießen solche oppositionellen Jugendcliquen. Erforscht wurden sie von dem Leipziger Historiker Sascha Lange, und Johannes Herwig haben sie zu einem Roman inspiriert.

Der 16-jährige Harro wird erwachsen - das ist nicht leicht, schon gar nicht im Jahr 1936. In der Schule gibt es Ärger und seine Eltern, eigentlich Sozialdemokraten, legen plötzlich eine ungewohnte Angepasstheit an den Tag und wollen, dass ihr Sohn in die HJ eintritt. Weil es manchmal besser sei, "mit der Zeit zu gehen". Harro aber will mit der Nazi-Ideologie nichts zu tun haben.

Eines Tages gerät er in eine Keilerei mit der HJ - und bekommt Hilfe von Gleichgesinnten. Die oppositionelle Jugendclique um Heinrich, Hilma, Josephine, Pit und den kleinen Edgar nimmt ihn auf. Sie alle tragen ihr Anderssein öffentlich zur Schau, ecken an mit einem unerhörten Kleiderkodex - sogar die Mädchen tragen kurze Hosen und rauchen auf der Straße. Die Jugendlichen unternehmen Wochenendfahrten, zum Beispiel an die Lübschützer Teiche, lesen verbotene Schriften, planen provokante Aktionen, legen sich mit der HJ an. Und natürlich verliebt sich Harro...

Indem Harro seine Haltung nach außen trägt, hat er das Gefühl, Teil einer großen Sache zu sein. Bevor er Heinrich und die anderen kennenlernt, hatte er Paul, seinen Freund. Doch Paul war Jude und in der Schule Schikanen ausgesetzt, Harro konnte ihm nicht helfen. Er hat deswegen ein schlechtes Gewissen. Paul ist inzwischen geflohen und Harro fragt sich immer noch, was eigentlich mit denen ist, die zu schwach sind, um gegen den Strom zu schwimmen? Wie findet man seine Haltung in diesem System: als Täter, als Mitläufer, als Gegner? Es ist schwer, solch eine Entscheidung zu treffen, denn sie bleibt nicht folgenlos. Und eines Tages steht die Gestapo auch vor Harros Tür...

Ich spürte, wie fern mir die Welt der Erwachsenen geworden war; jetzt, wo ich selbst fast als einer zählte. Ich erinnerte mich, wie ich als kleiner Junge groß werden wollte, so schnell wie möglich. Mittlerweile sah ich in den Erwachsenen vor allem diejenigen, die die Freiheit zerstören. Ich wollte nicht zu ihnen gehören.

Zitat aus "Bis die Sterne zittern"

Das Phänomen der Leipziger Meuten

Aufhänger für Johannes Herwigs Roman sind die "Leipziger Meuten", die der Leipziger Historiker Sascha Lange erforschte. Etwa 1.500 Mädchen und Jungen sollen Mitte der 1930er-Jahre in Leipzig, in so genannten "Meuten" - oppositionelle Jugendcliquen - organisiert gewesen sein. Sie kamen aus dem Arbeitermilieu, lehnten die HJ ab und wollten ihre Freizeit selbstbestimmt gestalten. Gemeinsam besuchten sie Rummelplätze, unternahmen Ausflüge und planten Aktionen wie die Verteilung von Zetteln mit HJ-feindlichen Parolen.

Vor 1933 waren sie oftmals in Verbänden der Arbeiterbewegung, in bündischen Jugendgruppen oder bei den Pfadfindern organisiert gewesen. Doch sämtliche dieser Organisationen wurden ab 1933 von den Nazis verboten - ab da bestand die HJ als alleinige Jugendorganisation, wenn auch die Mitgliedschaft in ihr bis 1939 offiziell freiwillig war. Die Leipziger Meuten schafften es zum Teil, die HJ auf der Straße zurück zu drängen. Doch ab 1938 wurden sie zunehmend verfolgt - es kam zu Verhaftungen, Verurteilungen und Zwangseinweisungen in Erziehungslager.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. September 2017 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. August 2017, 11:09 Uhr