Julia Ebner
Die Wissenschaftlerin und Autorin Julia Ebner Bildrechte: IMAGO

Sachbuch-Kritik Wie sich Rechtsextremismus und Islamismus gegenseitig verstärken

Die Autorin Julia Ebner hat sich undercover in rechtsextreme und islamistische Netzwerke eingeschleust. So fand sie auf beiden Seiten viele Gemeinsamkeiten. Ein überzeugend recherchiertes Buch, sagt unser Kritiker.

von Bastian Wierzioch, MDR KULTUR

Julia Ebner
Die Wissenschaftlerin und Autorin Julia Ebner Bildrechte: IMAGO

Zwei Seiten einer Medaille

Die Ausgangsthese der gebürtigen Wienerin Julia Ebner ist, Islamismus und Rechtsextremismus seien zwei Seiten derselben Medaille. Die Wissenschaftlerin, die in London beim Institute for Strategic Dialogue arbeitet, belegt dies, indem sie die Ideologien und strategischen Ziele beider Lager analysiert. Ebner schreibt, die Drehbücher des globalen Dschihadismus und des Rechtsextremismus ähnelten sich stark.

Beiden Lagern gehe es darum, die Bevölkerung zu spalten, demokratische Akteure gegeneinander auszuspielen, den politischen Diskurs zu bestimmen und durch Provokationen die Selbstzerstörungskräfte von Gesellschaften freizusetzen. Über all dem stünden die Haupterzählungen beider Lager. Auf islamistischer Seite heißt es: "Der Westen führt einen Krieg gegen die Muslime". Auf rechtsextremer Seite heißt es "Muslime führen einen Krieg gegen den Westen". Zwei Seiten derselben Medaille.

In ihrem Sachbuch arbeitet Julia Ebner von dieser These ausgehend die Wechselwirkungen heraus, die beide Milieus aufeinander ausüben, vor allem die wechselseitige Radikalisierung.

Aus: Julia Ebner – "Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen" "Die perfekte Komplementarität der rechtsextremen Auffassung, dass 'der Islam sich im Krieg mit dem Westen befindet', und des Narrativs islamistischer Extremisten, dass 'der Westen sich im Krieg mit dem Islam befindet', spiegelt die Einheit der Gegensätze wider. Der eine ermöglicht dem anderen zu gedeihen. Da sie dieselben Geschichten erzählen, verstärken und steigern sie sich gegenseitig."

Umfangreiches Arbeitspensum

Cover: Julia Ebner:  "Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen"
Für ihr Buch hat Julia Ebner auch undercover in der rechten Szene geforscht. Bildrechte: Christina Herborg/WBG-Verlage

Konkret stellte Ebner für ihr Sachbuch statistische Analysen an und weist dadurch nach, dass es Korrelationen zwischen rechtsextremen und islamistischen Anschlägen gibt. Sie beobachtete soziale Netzwerke und sprach mit politischen Entscheidungsträgern, Psychologen, Hackern, Geheimdienstoffizieren, Terroropfern, ehemaligen Dschihadisten, militanten Rechtsextremisten und islamistischen Extremisten.

Zudem schleuste sie sich verdeckt in extremistische Netzwerke ein wie in die islamistische Organisation Hizb ut-Tharir. Ebenfalls undercover nahm sie an Treffen der rechtsextremen English Defense League Teil und recherchierte verdeckt in Österreich in den Reihen der rechtsextremen Identitären Bewegung rund um den Ex-Neonazi Martin Sellner. Der Aufwand hat sich gelohnt.

Ideologische Schnittmengen und strategische Gemeinsamkeiten

Der Katalog der ideologischen Gemeinsamkeiten, den die Autorin aufruft, ist lang: Beide Lager, Islamisten wie Rechtsextremisten, hetzen gegen die etablierte Politik und etablierte Medien. Beide Seiten dämonisieren Andersdenkende und politische Gegner, verbreiten apokalyptische Zukunftsvisionen und fühlen sich in ihrer jeweiligen Identität angegriffen. Beide Lager stellen sich als Opfer dar und teilen die Welt in Gut und Böse ein, pflegen Schwarz-Weiß-Narrative. Dabei dürfte vielen, die sich intensiv mit Extremismus auseinandersetzen, diese Übersicht im Großen und Ganzen bereits bekannt sein.

Doch beide Ideologie-Gebäude vergleichend zusammenzubinden, so wie es die Autorin tut, stellt einen neuen und gewinnbringenden Ansatz dar. Das gilt auch für ihre Analyse der strategischen Gemeinsamkeiten. Sie stellt fest, das Ziel beider Seiten bestehe darin, die Bevölkerung zu verunsichern und zu spalten. Und so schürten beide Lager Hass oder riefen direkt zur Gewalt auf. In diesem Zusammenhang zeigt Ebner auch, wie der im Internet verbreitete Hass zu realer Gewalt führen kann.

Schwarz-Weiß-Narrative und Identität

Der Begriff "Identität" spiele für Islamisten wie für Rechtsextremisten die zentrale Rolle, stellt die 26-Jährige klar, denn vor allem Identitäts-Krisen seien Triebkräfte für Radikalisierung. Auf islamistischer Seite werde unter dem Label Identität versucht, Muslime in dem Gefühl zu bestärken, gesellschaftlich marginalisiert zu sein. Gleichzeitig werde dazu aufgerufen, sich aufzulehnen gegen Stigmatisierung.

Rechtsextreme Identitätspolitik wiederum versuche, den extrem rechten Diskurs in Richtung Mitte zu verschieben. Ausgrenzendes wie Rassismus solle in den Alltagsdiskurs integriert werden. Im Zuge dessen würden Menschen muslimischen Glaubens pauschal diffamiert als das Böse, das die Identität des Westens bedrohe. So führten beide Seiten bewusst eine gefährliche Frontstellung herbei.

Julia Ebner
Julia Ebner, geboren 1991 in Wien, arbeitet am Institute for Strategic Dialogue in London. Bildrechte: Theiss/WBG-Verlage

Die Schlussfolgerungen, die Julia Ebner zieht, sind nicht beruhigend. Der Autorin zufolge werden in der islamistischen Groß-Erzählung reale Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung ausgebeutet und benutzt, um das Narrativ "Muslime sind Opfer eines westlichen Krieges gegen den Islam" zu befördern. In der Konsequenz sollen dadurch Muslime dazu gebracht werden, Terroranschläge zu verüben. Auf der anderen Seite befördere die extreme Rechte gezielt Rassismus und Diskriminierung gegenüber Menschen muslimischen Glaubens. Und so lautet Ebners stärkste These: Die extreme Rechte verstärke die islamistische Terror-Bedrohung.

"Die extreme Rechte verstärkt die islamistische Terror-Bedrohung"

Aus: Julia Ebner – "Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen" "Die extreme Rechte macht nicht nur sich selbst gefährlicher, sie verstärkt auch die vom islamistischen Extremismus ausgehende Bedrohung. Trump verschaffte dem IS und al-Qaida eine Gelegenheit zu beweisen, dass das gewählte Establishment rassistisch und antimuslimisch ist. Sein Sieg legitimierte das extremistische Narrativ als getreues Abbild der Realität."

Ebner untermauert ihre These unter anderem, indem sie statistisch nachweist, dass es an Orten mit einer besonders aktiven rechtsextremen Szene die meisten islamistischen Terroranschläge gibt, so wie in Nizza, im englischen Luton oder in Dinslaken bei Duisburg. Zugegeben: Neu ist diese These nicht. Ähnlich äußerten sich im MDR zum Beispiel Islambeauftragte der katholischen Kirche. Deren These: Je stärker Muslime diskriminiert werden, desto mehr schotten sie sich ab, was zu Radikalisierung führen kann. Nichtsdestotrotz ist es enorm gewinnbringend zu lesen, wie Julia Ebener ihre Thesen in "Wut" begründet. Und so ist dieses – sehr gut geschriebene – Buch der bisher wichtigste Titel zum Thema Extremismus in diesem Jahr. Ganz große Empfehlung!

Angaben zum Buch: Julia Ebner: "Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen"
wbg Theiss
336 Seiten
ISBN: 978-3-8062-3701-6
19,95 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Mai 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 07:10 Uhr