Empfehlung Khaled Khalifas neuer Familienroman: Die Vorgeschichte des syrischen Bürgerkriegs

Bereits seit neun Jahren herrscht Krieg in Syrien. Khaled Khalifa erzählt in "Keine Messer in den Küchen dieser Stadt", wie es dazu kommen konnte und von einer Familie, die durch die Unterdrückung immer mehr zerfällt – ebenso wie ihre Stadt Aleppo und die syrische Gesellschaft.

Aleppo/Syrien im Dezember 2016
Der ssyrische Bürgerkrieg hat Aleppo fast vollständig zerstört. Bildrechte: IMAGO-STOCK/itar-tass

War es klug von den Syrern, vor neun Jahren gegen das Assad-Regime zu revoltieren? Falsche Frage. Der Bürgerkrieg in Syrien ist im März 2011 nicht einfach plötzlich ausgebrochen. Er hat sich lange vorher angekündigt und aufmerksame Beobachter, die seit Jahrzehnten verfolgen, wie die syrische Gesellschaft in Angst, Hass und Gewalt immer mehr auseinanderdriftet und sich in Dauerkrisen, Staatsstreichen und Diktaturen selbst zerstört, konnten die Katastrophe kommen sehen.

Aufmerksamer Beobachter

Einer der aufmerksamsten Beobachter ist der syrische Erzähler Khaled Khalifa. Seit fast dreißig Jahren beschreibt er in seinen Romanen den schleichenden politischen, sozialen und kulturellen Kollaps des Landes. 1964 in Aleppo geboren, gehört er einer Generation an, die im Leben nichts anderes gekannt hat als das diktatorische Regime der Assad-Familie. Er lebt in Damaskus im inneren Exil und hält sich als Drehbuch-Schreiber von TV-Serien über Wasser. Doch es sind seine regimekritischen Romane, die ihn zum prominentesten Autor des Landes gemacht haben und ihn als den wahren Biografen Syriens ausweisen.

Versteckspiel mit der Zensur

Khaled Kalifa, Autor, schaut vor seiner Buchvorstellung im orientalischen Institut der Universität Leipzig in die Kamera.
Der syrische Autor Khaled Khalifa. Bildrechte: dpa

Die meisten seiner Romane greifen nationale Tabu-Themen auf und sind daher in Syrien verboten. Deshalb werden sie in Beirut oder Kairo gedruckt und in Syrien nur unter dem Ladentisch verkauft oder sie kursieren im Lande als Raubkopien und pdf-Dateien. Nachdem Khalifas Bürgerkriegs-Roman "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" vor zwei Jahren zum Überraschungserfolg im deutschen Sprachraum wurde, bringt sein deutscher Verlag nun auch den Vorgänger-Roman von 2013 heraus: "Keine Messer in den Küchen dieser Stadt".

Um dem Zensor keine Handhabe zu bieten, nennt Khalifa darin keine realen Namen. Die Assads, Vater und Sohn, werden nirgendwo erwähnt, auch der Name Baath kommt nicht vor. Die Rede ist immer nur von "der Partei" und "dem Präsidenten". Das Leben des namenlosen Ich-Erzählers des Romans steht von Anfang an unter einem ominösen Stern: Er wurde im November 1970 geboren, an dem Tag, an dem sich "der Präsident" – also Hafiz Assad, der Vater des heutigen Diktators – an die Macht putschte, "der Mann, der uns das Leben verhunzt hat". Seit damals führen der Erzähler und seine Familie "ein unheilvolles Leben, das sich parallel zur Partei entwickelte".

Zermürbung über drei Generationen

Durch die Zeiten mäandernd erzählt Khaled Khalifa über drei Generationen hinweg die Geschichte einer gebildeten, kunstsinnigen Mittelstandsfamilie in Aleppo, die ein Parallelleben in stiller Gegnerschaft zum Regime zu führen versucht. Sie wird jedoch vom Zwang zum Personenkult um den Führer Assad, von der plärrenden Partei-Propaganda, der Knebelung durch die Diktatur und der Bespitzelung durch den allmächtigen Geheimdienst zermürbt. Khalifas Thema ist die Vorgeschichte des Bürgerkriegs – die allmähliche Zerstörung des Lebens in Syrien über ein halbes Jahrhundert hinweg, die schließlich in den offenen Bürgerkrieg mündet.

Der Vater hat die Familie früh im Stich gelassen und sich in die USA abgesetzt. Die Mutter, die Matriarchin der Familie, eine Lehrerin, bringt ihre vier Kinder in Aleppo allein durch, mithilfe ihres Bruders Nisâr, eines Musikers. Während der Erzähler, sein jüngerer Bruder und seine beiden Schwestern auf unterschiedliche Weise am syrischen Zwangsleben zuschanden gehen, versinkt die Mutter im Laufe der Jahre in Depressionen. Sie zieht sich in ein "inneres Parallelleben" zurück, verliert sich in verklärten Erinnerungen und phantasiert nostalgisch vom kultivierten Leben im alten Aleppo. Sie klagt ohne Unterlass nur über ein Thema: "Die Verwandlung ihrer wundervollen Stadt in einen Trümmerhaufen, der nach Militär und Parteigenossen stank".

Syrische Flüchtlinge kehren in ihr Heimatland zurück
Seit Generationen lenken die Assads die Geschicke in Syrien. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Xinhua

Der "Mörderort" Aleppo

Die Stadt Aleppo ist die eigentliche Heldin des Romans. Der reale Zerfall der altehrwürdigen Handelsmetropole, die nach jahrelanger Belagerung durch Assads Truppen 2016 fast vollständig zerstört wurde, bildet die Folie für den Zerfall der Roman-Familie, die unter dem überwältigenden Gefühl von Schande, Entwürdigung und erniedrigender Angst vor der Diktatur kaputtgeht. Die schönen alten Stadtviertel werden abgerissen, Aleppo verwahrlost, verdreckt, schwillt auf und wird nach und nach umwuchert von einem Slum-Gürtel. Das Familienhaus am Stadtrand, einst mit Blick auf Lattichfelder und Kirschbäume, wird von den Hütten landflüchtiger Zuwanderer ringsum erstickt und von den Partei-Lautsprechern niedergedröhnt – "ein Mörderort".

Der Niedergang der Helden

Khalifa zeichnet prägnant nach, wie unterschiedlich sich die einzelnen Familienmitglieder zu ihrem Niedergang verhalten. Die Pein des sozialen Abstiegs zerstört bei einigen den moralischen Kompass und zerreißt bei allen die Familienbande. Raschîd, der Bruder des Erzählers, verhält sich die längste Zeit still und geht ohne Hoffnung neben dem eigentlichen Leben her, nur um sich 2003 plötzlich dem Dschihad anzuschließen und in Bagdad gegen die Amerikaner zu kämpfen. Sein Ende ist Verzweiflung.

Haupteingang des internationalen Flughafen in Aleppo.
Der Roman erzählt die Geschichte des Niedergangs einer Familie - und der Stadt Aleppo. Bildrechte: Ahmad Salameh/SANA/dpa

Saussan, die temperamentvolle und sinnliche Schwester des Erzählers, schleudert drastisch zwischen den Extremen hin und her: Sie beginnt eine Affäre mit einem Offizier des Regimes, tritt der Baath-Partei bei, schließt sich einer studentischen Terror-Miliz des Geheimdienstes an, bespitzelt und denunziert ihre Kolleginnen. Danach schwingt sie ins andere Extrem. Sie lässt sich ihr Jungfernhäutchen reparieren und konvertiert zum radikalen Islam.

Allein dem Musiker Nizâr, dem Onkel der Geschwister, der liebenswürdigsten Figur des Romans, gelingt es, seine Integrität zu bewahren. Er lebt ein halb offenes Leben als Schwuler und muss sich als "Schwuchtel" beschimpfen lassen, auch von einigen nahen Verwandten, die dazu auffordern, ihn entweder umzubringen oder zu verleugnen, weil er die Familienehre besudle. Doch die Zeiten ändern sich, die aggressive Homophobie in der islamischen Gesellschaft ebbt mit der Zeit ab.

Doch dies ist auch schon die einzige Veränderung zum Besseren, die Khalifas Roman in Syrien feststellen kann.

Khaled Khalifa: Keine Messer in den Küchen dieser Stadt
Eine Familiengeschichte kurz vor dem Syrienkrieg Bildrechte: Rowohlt Verlag

Artikeltext Khaled Khalifa
"Keine Messer in den Küchen dieser Stadt"
Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich
Rowohlt Verlag, 280 Seiten
ISBN: 978-3-498-03582-2
€ 22

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Mai 2020 | 08:10 Uhr