Mühlviertel Österreich
Bildrechte: IMAGO

Zum 150. Todestag "Brigitta" und andere Prosa von Adalbert Stifter

Adalbert Stifter (1805-1868) galt lange als Naturdichter und biedermeierlicher Idylliker. Doch unter der harmonischen Oberfläche brodelt es. Erst spätere Generationen erkannten die Vielschichtigkeit seines Werks. Mit den Prosatexten dieser Klassikerlesung tauchen wir ein in Stifters eigentümliche und faszinierende Welt.

Mühlviertel Österreich
Bildrechte: IMAGO

Zeit seines Lebens zeigte Adalbert Stifter eine innige Verbundenheit zu seiner böhmisch-österreichischen Heimat. Den Böhmerwald, die Berge und Täler des Mühlviertels und das oberösterreichische Alpenvorland hat er in seinen Werken detailreich beschrieben. Seine meisterhaften Naturschilderungen haben ihm allerdings auch den zweifelhaften Ruf eines Heimatschriftstellers eingebracht. Friedrich Hebbel hat ihn in einem zynischen Epigramm Dichter "der Käfer und Butterblumen" genannt.

Geburtshaus des Dichters Adalbert Stifter in Horni Plana
Geburtshaus des Dichters Adalbert Stifter in Horni Plana Bildrechte: IMAGO

Dabei ist die Natur in Stifters Werk mehr als ein bloßer Handlungsort, sie durchdringt das Geschehen und spiegelt den Seelenzustand der Menschen. Stifters idyllische Szenerien können dabei unvermittelt ins Unheilvolle umschlagen, und die Natur zeigt häufig ihr zerstörerisches Potential.

Die Schönheit, aber auch das Abgründige in Stifters Werk haben sich Lesern und Kritikern erst allmählich erschlossen. Zu seinen Bewunderern zählten Nietzsche, Rilke und Kafka. Thomas Mann schrieb über ihn:

Stifter ist einer der merkwürdigsten, hintergründigsten, heimlich kühnsten und wunderlich packendsten Erzähler der Weltliteratur.

Thomas Mann Die Entstehung des Doktor Faustus, 1949

Stifter reagierte auf Hebbels Kritik, dass er nur das Kleine und Gewöhnliche abbilde, mit der berühmten Vorrede zur Sammlung "Bunte Steine", die 1853 erschien. Er formulierte darin sein "sanftes Gesetz", ein Welt- und Menschenbild, das sein literarisches Schaffen durchzieht. Demnach offenbare sich gerade im Kleinen und Unscheinbaren das große Ganze.

Stifter in der Klassikerlesung

Stifter ist mit seinen Erzählungen berühmt geworden, die sich anfangs an Romantik und Klassik orientierten, während sein nüchternes Spätwerk als Vorbote der Moderne gelten kann. In der Klassikerlesung hören Sie die Erzählungen "Katzensilber", "Brigitta" und "Die Mappe meines Urgroßvaters" sowie Stifters Beschreibung der berühmten totalen Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842 in Wien.

"Katzensilber" erschien 1853 in der Sammlung "Bunte Steine". Während die anderen fünf Erzählungen vorher in Journalen veröffentlichten wurden, hat Stifter den Text eigens für diese Anthologie verfasst.

Erzählt wird die Geschichte dreier Kinder, die in einem abgelegenen Teil des Landes auf einem stattlichen Hof leben. Auf einem ihrer Spaziergänge in den Bergen und Wäldern der Umgebung, die sie immer mit ihrer Großmutter unternehmen, begegnen sie einem fremden Mädchen und freunden sich mit ihm an. An einem schönen Herbsttag werden sie von einem gewaltigen Hagelsturm überrascht. Wie in vielen seiner Erzählungen schildert Stifter das Unwetter ausführlich und in seiner ganzen Bedrohlichkeit:

Die Zweige wurden herabgeschlagen, die Äste wurden abgebrochen, der Rasen wurde gefurcht, als wären eiserne Eggenzähne über ihn gegangen. Die Hagelkörner waren so groß, dass sie einen erwachsenen Menschen hätten töten können.

Adlabert Stifter "Katzensilber"

Eine tatkräftige emanzipierte Frau steht im Mittelpunkt der Erzählung "Brigitta", die Stifter erstmals 1843 veröffentlichte. Im Rückblick wird ihre Geschichte erzählt: Als Kind äußerlich so hässlich, dass sie von ihren Eltern keine Zuneigung empfangen hatte, entwickelte Brigitta früh eine innere Stärke. Die Schönheit ihrer Seele erkennt zuerst der hübsche Sohn des reichen Gutsbesitzers Stephan Murai, der sich zur Überraschung aller für Brigitta interessiert und sie heiratet. Mit der jungen Gabriela, in die sich Stephan Murai später verliebt, bricht das Unglück über ihre junge Ehe herein.

"Die Mappe meines Urgroßvaters" hat Stifter lange beschäftigt. Nach der Journalfassung von 1841/42 erschien eine zweite Fassung 1847 in den "Studien", zwei weitere Fassungen von 1864 und 1867 blieben unvollendet. Eingebettet in eine Rahmenhandlung wird die Geschichte des Arztes Augustinus erzählt. Als junger Mann bringt er durch einen Anfall jugendlicher Eifersucht seine Liebe zur jungen Margarita und sich selbst in Gefahr. Deren Vater, ein Obrist im Ruhestand, leitet Augustinus wieder auf den rechten Weg. Augustinus bewährt sich durch ein tätiges selbstloses Leben als Landarzt, das zu einer inneren Läuterung führt.

Mit dem Prosastück "Die Sonnenfinsternis vom 8. Juli", das bereits sechs Tage nach dem Ereignis im Jahr 1842 in einer Wiener Zeitschrift erschien, zeigt sich Stifter als genauer Naturbeobachter und grandioser Erzähler. Das Werk, das als eines der schönsten Texte Stifters gilt, vereint wissenschaftliche Betrachtung und Poesie.

Nie und nie in meinem ganzen Leben war ich so erschüttert von Schauer und Erhabenheit, so erschüttert wie in diesen zwei Minuten. Es war nicht anders als hätte Gott auf einmal ein deutliches Wort gesprochen, und ich hätte es verstanden.

Adalbert Stifter "Die Sonnenfinsternis vom 8. Juli"

Der Schriftsteller Adalbert Stifter

Adalbert Stifter wurde am 23. Oktober 1805 in Oberplan, heute Horní Planá, geboren. Nach der Gymnasialzeit studierte er in Wien Jura und Naturwissenschaften. Ohne Abschluss verdiente er als Hauslehrer seinen Lebensunterhalt. Bereits kurz nach dem Erscheinen seiner drei ersten Erzählungen 1839/1840 galt er als erfolgreicher Schriftsteller. Mit dem berühmten vierbändigen Erzählzyklus "Studie" erreichte er seinen literarischen Höhepunkt.

Adalbert Stifter in einem zeitgenössischen Stich
Adalbert Stifter Bildrechte: dpa

1850 wurde Stifter Schulrat und Inspektor der oberösterreichischen Volksschulen in Linz. Hier entstanden die Novellensammlung "Bunte Steine" (1853) und die Romane "Der Nachsommer"(1857) und "Witiko" (1865-1867). Schwer erkrankt an Leberzirrhose wollte sich Stifter in der Nacht vom 25. auf den 26. Januar 1868 das Leben nehmen. Er starb am 28. Januar 1868.

Angaben zur Sendung Die Klassikerlesung:
Zum 150. Todestag von Adalbert Stifter am 28. Januar:
"Brigitte" und andere Prosa von Adalbert Stifter
(22 Folgen)

Di, 02.01.- Fr, 05.01.2018
"Katzensilber" (4 Folgen)
Es liest: Marion van de Kamp
Produktion: Rundfunk der DDR 1970

Mo, 08.01. – Fr, 26.01.2018
"Brigitta" (15 Folgen)
Es liest: Christian Brückner
Produktion: NDR 1993

Mo, 20.01. – Di, 30.01.2018 (2 Folgen)
"Die Sonnenfinsternis am 8. Juli"
Es liest: Ernst Ginsberg
Produktion: NDR 1968

Mi, 31.01.2018
"Die Mappe meines Urgroßvaters"
Es liest Horst Drinda
Produktion: Rundfunk der DDR 1977

Sendung:
02.-31.01.2018 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

Die Erzählungen "Katzensilber" und "Die Mappe meines Urgroßvaters" können Sie hier 7 Tage lang hören. Alle anderen Folgen dieser Klassikerlesung können wir Ihnen aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zum Hören anbieten. Das private Aufzeichnen von Radiobeiträgen ist jedoch zulässig. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Seite "Radiobeiträge aufnehmen mit Computer oder Smartphone".

Cover: "Brigitte" und andere Prosa von Adalbert Stifter
Bildrechte: dtv

Buchtipp

Buchtipp

Adalbert Stifter: "Sämtliche Erzählungen"
nach den Erstdrucken
Taschenbuch: 1648 Seiten
dtv 2017
ISBN: 978-3423146258
28,00 Euro

Meistgelesen bei MDR KULTUR