Bildnis des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Bildrechte: dpa

Klassikerlesung | Vor 400 Jahren: Beginn des Dreißigjährigen Krieges Der abenteuerliche Simplicissimus

Von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Grimmelshausens 1668 erschienenes Hauptwerk gilt als berühmtester deutscher Roman des Barock. Er zeichnet darin ein detailreiches Bild der deutschen Gesellschaft vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges. Sein Held mit der Narrenkappe fasziniert noch heute. Es liest Werner Rundshagen.

Bildnis des Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Bildrechte: dpa

Als 1668 "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622-1676) erschien, war der Dreißigjährige Krieg seit zwanzig Jahren vorbei, doch nur langsam erholte sich das Land. Der um 1622 in Gelnhausen geborene Schriftsteller, der aus einer verarmten thüringischen Adelsfamilie stammte, hatte die Wirrnisse und Schrecken jener Zeit aus nächster Nähe erlebt -  als Trossjunge, Soldat und zuletzt als Regimentsschreiber. Seine Geburtsstadt wurde bereits 1634 von kaiserlichen Truppen zerstört.

Der abenteuerliche Simplicissimus

Der Krieg und seine Folgen bilden den Hintergrund für die abenteuerliche Lebensgeschichte des Melchior Sternfels von Fuchshaim, die Grimmelshausen in dem zunächst fünfbändigen Werk erzählt.

Als einfältiger Hirtenjunge, der nicht mal seinen Namen kennt, wächst er auf einem Bauernhof im Spessart auf. Als Zehnjähriger erlebt er einen brutalen Überfall umherziehender Soldaten auf den elterlichen Hof. Er rettet sich in den Wald, wo ihn ein Eremit aufnimmt, der ihn wegen seiner Einfalt "Simplicius" nennt. Er lehrt ihn Lesen, Schreiben und christliche Religion. Nach zwei Jahren erklärt ihm der Einsiedler, dass er bald sterben wird und gibt Simplicius drei Lehren mit auf den Weg: Er solle sich selbst erkennen, böse Gesellschaft meiden und Versuchungen widerstehen.

Das Original-Titelblatt des Barockromans «Simplicissimus» aus dem Jahr 1669.
Original-Titelblattdes "Simplicissimus" aus dem Jahr 1669 Bildrechte: dpa

Nach dem Tod des Einsiedlers zieht Simplicius in die vom Krieg verwüstete Welt hinaus. Er gelangt nach Hanau und wird dort Page des Gouverneurs, der ihn wegen seiner Naivität zum Narren erklärt und zwingt, ein Kalbsfell zu tragen. Er wird von Kroaten entführt, landet bei den kaiserlichen Truppen und kommt als "Jäger von Soest" zu Ruhm und Geld. Es folgen Duelle, Gefangenschaft, Heirat. Sein Weg führt ihn nach Paris, wo er als  "Beau Alman" die Damenwelt beglückt, er begibt sich auf eine Pilgerfahrt zum Schweizer Kloster Einsiedeln, reist nach Wien, wo er Hauptmann wird und kehrt schließlich in den Schwarzwald zurück. Hier erfährt er, dass er adliger Herkunft und der Einsiedler sein Vater ist.

Eine weitere Reise führt Simplicius nach Moskau. Er gerät in Tatarische Gefangenschaft, wird nach Korea gebracht, erlebt Abenteuer in Japan, Macau und Rom, bis er sich im Spessart als Einsiedler niederlässt. Eine Fortsetzung des Romans, die 1669 erschienene Continuatio, lässt Simplicius erneut aufbrechen. Er erleidet Schiffbruch und strandet auf einer paradiesischen Insel im Indischen Ozean, wo er erneut ein Eremitendasein beginnt und sein Leben aufschreibt.

Eine Welt voller Gefahren

Die Welt, die Grimmelshausen im "Simplicissmus" eindrucksvoll beschreibt, ist voller Gefahren. Der Krieg ist omnipräsent, überall toben Schlachten, marodierende Banden ziehen durchs Land, das Leben der Menschen ist von großer Unsicherheit geprägt. Das muss auch Simplicius auf seinem wechselhaften Lebensweg immer wieder erfahren.

Also wurde ich beizeiten gewahr, daß nichts Beständigers in der Welt ist, als die Unbeständigkeit selbsten.

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Der abenteuerliche Simplicissimus

Grimmelshausen bedient sich in seinem Roman einer direkten und lebensnahen Sprache, die er mit derbem Humor und Sarkasmus paart. Noch zu Lebzeiten des Autors wurde das Werk zu einem großen Erfolg und erlebte mehrere Neuauflagen. Mit Simplicius, der den Narren spielt, um zu überleben in einer aus den Fugen geratenen Welt, hat er eine Figur von bleibendem Wert geschaffen. Über den ersten großen Roman deutscher Sprache schrieb Thomas Mann:

Es ist ein Literatur- und Lebens-Denkmal der seltensten Art, das in voller Frische fast drei Jahrhunderte überdauert hat und noch viele überdauern wird, ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit, bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt …

Thomas Mann Vorwort zur schwedischen Übersetzung des "Simplicissimus", 1944

Der Schriftsteller Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen gilt heute als wichtigster Erzähler des 17. Jahrhunderts. Über sein Leben, besonders die frühen Jahre, ist nur wenig bekannt. Den Dreißigjährigen Krieg erlebte er an verschiedenen Orten Deutschlands. 1649 heiratete er Katharina Henninger und trat vorher zum Katholizismus über. Er war Burg- und Gutsverwalter am Oberrhein und zeitweise auch als Gastwirt tätig. Ab 1667 ließ er sich als bischöflich-straßburgischer Schultheiß im rheinischen Renchen nieder. Im selben Jahr erscheinen seine ersten beiden Bücher "Der Satyrische Pilgram" und "Die Historie vom keuschen Joseph in Egypten". Nach dem großen Erfolg des "Simplicissimus" verfasste er weitere Bände, die um Figuren und Episoden des Romans kreisen.

Zur Verwirrung um seine Person hat der Autor selbst beigetragen, da er für seine Veröffentlichungen eine Reihe von Pseudonymen,  meist in Form kunstvoller Anagramme verwendete, wie German Schleifheim von Sulsfort und Samuel Greifensohn von Hirschfeld. Erst 1837 gelang es die Anagramme zu entziffern. Grimmelshausen starb am 17. August 1676 in Renchen.

Der Sprecher Werner Rundshagen

Werner Rundshagen (1921-2008) war ein gefragter Rundfunk- und Hörspielsprecher. Er spielte an verschiedenen deutschen Theatern und begann in den 1950er-Jahren mit einer umfangreichen Sprechertätigkeit. Er hat zahlreiche Bücher für NDR Kultur vorgelesen und in über 50 Hörspielen mitgewirkt, unter anderem in "Paul Temple und der Fall Alex", in "Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas und in "Der Herr der Ringe".

Angaben zur Sendung Die Klassikerlesung:
Vor 400 Jahren: Beginn des Dreißigjährigen Krieges
"Der abenteuerliche Simplicissimus"
Von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
(21 Folgen)

Sprecher: Werner Rundshagen
Regie: Lothar Schock
Produktion: SWF 1971

Sendung:
01.05.-31.05.2018 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der Abenteuerliche Simplicissimus Teutsch
Bildrechte: dtv

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch

Broschiert: 652 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-13: 978-3423123792
16,90 Euro

Cover: Der abenteuerliche Simplicissimus
Bildrechte: Die Andere Bibliothek

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch

Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch

Aus dem Deutsch des 17. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser
Gebundene Ausgabe: 772 Seiten
Die Andere Bibliothek 2018
ISBN-13: 978-3847720195
26,00 Euro

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