Jaroslav Hašek kurz vor seinem Tod in einem Sanatorium
Jaroslav Hašek Bildrechte: dpa

Klassikerlesung | 01.03. - 29.03.2019 Jaroslav Hašek: Humoresken und Satiren

Als Schöpfer des braven Soldaten Schwejk wurde Jaroslav Hašek weltberühmt. Daneben hinterließ er ein umfangreiches Werk an Kurzprosa: mehr als tausend Humoresken, Satiren und Feuilletons. Eine Auswahl senden wir in dieser Klassikerlesung.

Jaroslav Hašek kurz vor seinem Tod in einem Sanatorium
Jaroslav Hašek Bildrechte: dpa

Jaroslav Hašek (1883-1923) führte ein unstetes und abenteuerliches Leben. Er war Anarchist, Landstreicher und Mitbegründer einer fiktiven Partei. Er betrieb einen Handel mit gestohlenen Hunden und schrieb als Redakteur der Zeitschrift "Welt der Tiere" Artikel über Lebewesen, die es nicht gab. Im Ersten Weltkrieg desertierte er und avancierte in der Roten Armee zum politischen Kommissar.

Die meiste Zeit lebte Hašek als Bohemien in Prag. Seinen Lebensunterhalt und gewaltigen Bierkonsum finanzierte er mit Texten, die er, oft unter Pseudonym, für verschiedene Zeitungen schrieb. Er saß jeden Tag in der Kneipe, trank und schrieb, meist kurze Texte, die er noch vor Redaktionsschluss abliefern konnte. Auf diese Weise entstanden zwischen 1901 und 1922 etwa 1.500 Satiren, Humoresken und Kurzgeschichten.

Prager Kneipengeschichten

Hašeks Texte basieren auf selbst Erlebtem, Gerüchten, Zeitungsberichten oder in der Kneipe aufgeschnappten Gesprächen. In vielen beschreibt er das Leben in Prag, schildert das ihn umgebende Milieu der Prager Unterschicht. Alltägliche Ereignisse verwandelt er in skurrile Geschichten.

Mit Witz und Ironie entlarvt Hašek menschliche Schwächen und Unzulänglichkeiten, attackiert Spießertum, Borniertheit und Obrigkeitsdenken. Er nimmt die Verlogenheit der Kirche aufs Korn, spottet über korrupte Vertreter des Staates und das Militär. Er erzählt von aufrechten Bürgern, verstockten Bürokraten, von Trunkenbolden, Pechvögeln und allerlei Sonderlingen. Dabei führen scheinbar harmlose Begebenheiten nicht selten in den Abgrund.

In "Die Geschichte vom Bildnis des Kaisers Franz Joseph I." landet ein Papierhändler vor dem Kriegsgericht, weil es ihm partout nicht gelingen will, seine einst erworbenen Porträts des Monarchen zu verkaufen.

Ein bitterböses Bild zeichnet Hašek von zwei Damen in "Das Jubiläum des Dienstmädchens Anna". Dass das 75-jährige Dienstmädchen, nachdem es 50 Jahre treu gedient hat, am Tag vor ihrem Jubiläum mit dem Kohlenkorb die Treppe herunterstürzt und stirbt, nehmen ihr Frau Rat Krausowa und Frau Tichowa doch sehr übel. "Diese Blamage, wenn wir die Feier absagen müssen", klagt Letztere. Und Frau Krausowa seufzt: "Es sieht ganz danach aus, als ob diese Person das absichtlich getan hätte."

In "Das Praktikantensterben in der Speditionsfirma Kobkán" verrät schon der Titel, dass es mit einigen Personen in dieser Geschichte kein gutes Ende nimmt. Dabei wünscht sich der Chef doch eigentlich nur ein unvergessliches Glückwunschschreiben zum Namenstag. Ein Praktikant nach dem anderen scheitert an dieser Aufgabe und nimmt sich das Leben. Der fünfte verweigert sich und landet im Irrenhaus.

Jaroslav Hašek, der 1923 mit nur 39 Jahren starb, erlebte den Welterfolg des Schwejk nicht mehr. Erst danach wurde die literarische Welt auch auf seine Kurzprosa aufmerksam. Zu seinen Lebzeiten galten seine Humoresken und Satiren als "Gossenliteratur". In einem ironischen Lobgesang pries der verkannte Schriftsteller sich selbst:

Nehmen sie zum Beispiel eine meiner ungewöhnlich gelungenen Kurzgeschichten. Und was sehen Sie, wenn Sie diese Seite für Seite umblättern? Dass jeder Satz seinen tiefen Sinn hat, dass jedes Wort an seinem richtigen Platz steht, dass alles in Einstimmung mit der Wirklichkeit ist.

Jaroslav Hašek Der große tschechische Schriftsteller Jaroslav Hašek

Der Schriftsteller Jaroslav Hašek

Jaroslav Hašek wurde 1883 in Prag geboren. Er besuchte das Gymnasium, machte eine Lehre in der Prager Drogerie Kokoška und absolvierte die Handelsschule. Schon mit siebzehn veröffentlichte er erste Gedichte und Skizzen.  Nach einer kurzen Anstellung bei einer Bank entschied er sich für ein Dasein als Schriftsteller.

Jaroslav Hašek
Jaroslav Hašek Bildrechte: dpa

Im Ersten Weltkrieg war Hašek Soldat der k.u.k. Armee. 1915, an der Ostfront, desertierte er, trat in die tschechische Legion ein und wechselt dann zur Roten Armee. 1920 kehrte er nach Prag zurück. Er begann mit der Arbeit am "Schwejk", der ab 1921 als Fortsetzungsroman erschien, jedoch unvollendet blieb. Jaroslav Hašek starb 1923 in Lipnice an Tuberkulose und den Folgen seiner Alkoholsucht.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Klassikerlesung
Leipziger Buchmesse 2019 – Gastland Tschechien:
Jaroslav Hašek: Humoresken und Satiren
(21 Folgen)

Sendung:
01.03. - 29.03.2019 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

Die Folgen 1, 2, 6, 7, 8, 15, 17 und 18 dieser Klassiklerlesung können Sie hier sieben Tage lang hören. Alle anderen Folgen können wir Ihnen aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zur Verfügung stellen. Das private Aufzeichnen von Radiobeiträgen ist jedoch zulässig. Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Seite "Radiobeiträge aufnehmen mit Computer oder Smartphone".

Inhalt der einzelnen Folgen Fr, 01.03.2019
Folge 1: Die Geschichte vom Bildnis des Kaisers Franz Joseph I.
Es liest: Eberhard Esche
Produktion: Rundfunk der DDR 1968

Mo, 04.03.2019
Folge 2: Wodka Jasov Wodka Jagadova
Es liest: Peter Sturm
Produktion: Rundfunk der DDR 1968

Di, 05.03. – Mi, 06.03.2019
Folgen 3 und 4: Mein Geschäft mit Hunden (2 Folgen)
Es liest: Nikolaus Paryla
Produktion: SFB 1973

Do, 07.03.2019
Folge 5: Die Plagen des Lokalreporters
Es liest: Gustl Weishappel
Produktion: BR 1983

Fr, 08.03.2019
Folge 6: Das Jubiläum des Dienstmädchens Anna
Die Pariser Wahrsagerin
Es lesen: Berti Deutsch und Peter Sturm
Produktion: Rundfunk der DDR 1968

Mo, 11.03.2019
Folge 7: Herrn Solivars Scheidung
Es liest: Otto Mellies
Produktion: Funkhaus Berlin 1991

Di, 12.03.2019
Folge 8: Drobileks Liebesabenteuer
Es liest: Horst Hiemer
Produktion: Funkhaus Berlin 1991

Mi, 13.03.2019
Folge 9: Mann und Weib in der Ehe
Es liest: Bernhard Minetti
Produktion: RIAS 1968

Do, 14.03.2019
Folge 10: Der Verkehr zwischen Eltern und Kind
Es liest: Bernhard Minetti
Produktion: RIAS 1968

Fr, 15.03.2019
Folge 11: Ein reelles Unternehmen
Es liest: Cornelius Obonya
Produktion: ORF 2008

Mo,18.03.2019
Folge 12: Als Adjutant des Stadtkommandanten von Bugulma
Es liest: Gustl Weishappe
Produktion: BR 1983

Di, 19.03.2019
Folge 13: Wie man ein feiner und vornehmer Mensch wird und andere Tipps für Lebenskünstler
Es liest: Peter Faerber
Produktion: ORF 2013

Mi, 20.03.2019
Folge 14: Die Erlebnisse eines Einbrechers
Es liest: Peter Faerber
Produktion: ORF 2013

Do, 21.03.2019
Folge 15: Das Praktikantensterben in der Speditionsfirma Kobkán
Es liest: Lutz Jahoda
Produktion: Funkhaus Berlin 1990

Fr, 22.03.2019
Folge 16: Der Ausflug der Genossen aus Vršovice nach Záběhlice
Es liest: Baldur Seifert
Produktion: hr 1983

Mo, 25.03.2019
Folge 17: Böhmische Küche
Eine Alkoholikeridylle
Es liest: Hans-Joachim Hanisch
Produktion: Rundfunk DDR 1988

Di, 26.03.2019
Folge 18: Eine
Der Kreishauptmann von Hořice
Es liest: Hans-Joachim Hanisch
Produktion: Rundfunk DDR 1988

Mi, 27.03.2019
Folge 19: Die Glocken des Herrn Hejhula
Es liest: Michael Thomas
Produktion: hr 1987

Do, 28.03. – Fr, 29.03.2019
Folgen 20 und 21: Die Affaire mit dem Hamster (2 Folgen)
Es liest: Peter Bause
Produktion: ORB 1992

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2019, 04:00 Uhr

Jaroslav Hašek: Die Ausrottung der Praktikanten der Speditionsfirma Kobkán
Bildrechte: Reclam Verlag

Buchtipp Jaroslav Hašek: Die Ausrottung der Praktikanten der Speditionsfirma Kobkán

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