Historisches Portrait von Laurence Sterne (1713 - 1768), aus dem 19. Jahrhundert
Historisches Portrait von Laurence Sterne (1713-1768), aus dem 19. Jahrhundert Bildrechte: IMAGO

Zum 250. Todestag am 18. März Laurence Sterne: "Tristram Shandy"

In seinem Roman "Tristram Shandy" erhob der englische Schriftsteller Laurence Sterne (1713-1768) die Abweichung zur Kunst. Mit seinem ungemein komischen, alle Erzählkonventionen sprengenden Werk wurde er zum Wegbereiter des modernen Romans. Sein Einfallsreichtum, skurriler Witz und seine hohe Sprachkunst erfreuen uns noch heute. Aus Sternes Klassiker liest Werner Finck.

Historisches Portrait von Laurence Sterne (1713 - 1768), aus dem 19. Jahrhundert
Historisches Portrait von Laurence Sterne (1713-1768), aus dem 19. Jahrhundert Bildrechte: IMAGO

Laurence Sterne hatte zwei Jahrzehnte lang ein recht beschauliches Leben als Landpfarrer in Sutton-on-the-Forest nahe York geführt, als er mit 45 Jahren beschloss, einen Roman zu schreiben. 1759 erschienen die ersten beiden Bände von "The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman", so der Originaltitel, und lösten in der kleinen nordenglischen Gemeinde einen Skandal aus. In London wurde das Werk zur Sensation und machte Sterne über Nacht zu einem gefeierten Star. Bis 1767 schrieb er weitere sieben Bände, den letzten vollendete er ein halbes Jahr vor seinem Tod.

Ein Leben voller Missgeschicke

Sternes Ich-Erzähler und Titelheld Tristram Shandy fängt bei der Schilderung seines Lebens im wörtlichen Sinne am Anfang an: Mit einem ausführlichen Bericht seiner Zeugung. Ohne Umschweife führt er den Leser zum elterlichen Ehebett, wo Mrs. Shandy während des Zeugungsaktes ihren Gatten mit der trivialen Frage, ob er auch daran gedacht hätte, die Uhr aufzuziehen, aus dem Konzept bringt. Damit nehmen die Missgeschicke in Tristrams Leben ihren Lauf.

Laurence Sterne: ''Tristram Shandy''
Titelblatt von "Tristram Shandy", London 1808 Bildrechte: IMAGO

Doch die Geschichte schreitet recht langsam voran, da der Erzähler sich immer wieder in Abschweifungen und Reflexionen verliert. Erst im dritten Band wird der Held endlich geboren, wobei ihm der ungeschickte Arzt Dr. Slop mit der Zange die Nase zerdrückt. Im vierten Band wird er auf den falschen Namen getauft und im fünften durch ein herabfallendes Schiebefenster unfreiwillig beschnitten. Im sechsten Buch bekommt Tristram von seinen Eltern eine Hose angepasst. Mit der Schilderung jener frühen Jahre erschöpft sich auch schon die angekündigte Autobiografie.

Walter, Toby und ihre Marotten

Weit ausführlicher erzählt Tristram von seinem Vater Walter und seinem Onkel Toby und deren Marotten. Walter Shandy, ein ehemaliger Kaufmann, betrachtet das Leben philosophisch und ergeht sich in allerlei abstrusen Hypothesen und Theorien, etwa über die schicksalshafte Bedeutung von Namen und Nasen. Uncle Toby, ein ehemaliger Offizier, seit einer Verletzung in der Leistengegend im Ruhestand, ist besessen von militärischen Belagerungen und Festungsbau. Mit seinem treuen Diener Trim stellt er in einem Garten die jüngsten Kriegsereignisse mit einer Spielzeugarmee nach. Dabei ist Uncle Toby so arglos, sanftmütig und herzensgut, dass er buchstäblich keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. Als ihn einmal eine recht dicke Fliege beim Mittagessen stört, fängt er sie mit der Hand, öffnet das Fenster und entlässt sie mit den Worten:

… geh, armes Ding, mach dich von hinnen, weshalb sollte ich dir ein Leids tun? --- Die Welt hat sicherlich doch Raum genug für dich und mich.

Laurence Sterne "Tristram Shandy"

Wegbereiter des modernen Romans

Es ist Sternes unnachahmlicher Humor, der den Reiz dieses Werks ausmacht, sowie sein raffiniertes und vergnügliches Spiel mit den Möglichkeiten des Erzählens. Der Schriftsteller stellt den englischen Roman des 18. Jahrhunderts auf den Kopf, durchbricht bewusst die Chronologie der Handlung mit zahllosen Anekdoten und Assoziationen und reflektiert dabei immer wieder über das eigene Schreiben.

Digressionen sind unbestreitbar der Sonnenschein; - sie sind das Leben, die Seele der Lektüre; --- nähmt Ihr sie zum Beispiel aus diesem Buch; -- Ihr dürftet mir gleich das ganze Buch mitnehmen; - kalter, ewiger Winter würde auf jeder seiner Seiten regieren …

Laurence Sterne "Tristram Shandy"

Nicht die Erlebnisse des Helden, sondern die Lektüre selbst wird bei Sterne zum Abenteuer. Das Werk strotzt vor phantastischen Einfällen: es gibt deplatzierte Kapitel und farbige Seiten, Sternchensymbole und vielsagende Pünktchen, erfundene Zitate und unzählige Zweideutigkeiten. Während in England einige Zeitgenossen das Werk als anstößig und vulgär ablehnten, fand Sterne in Frankreich und Deutschland zahlreiche Anhänger – Diderot war mit ihm befreundet, Goethe hat ihn bewundert und Nietzsche hat ihn den "freiesten Schriftsteller aller Zeiten" genannt. Heute gilt Laurence Sterne als ein Wegbereiter des modernen Romans. Viele der von ihm im "Tristram Shandy" verwendeten Erzähltechniken finden sich erst im 20. Jahrhundert bei Autoren wie James Joyce, Virginia Woolf, Marcel Proust und Samuel Becket wieder.

Der Schriftsteller Laurence Sterne

Laurence Sterne wurde 1713 in Clonmel (Irland) als Sohn eines englischen Fähnrichs geboren. Mit finanzieller Unterstützung eines reichen Onkels studierte er in Cambridge Theologie und wurde anglikanischer Pfarrer. Ab 1738 hatte er die Pfarrstelle in Sutton-on-the-Forest inne. 1741 heiratete er die vermögende Elizabeth Lumley. 1760 übersiedelte er nach London und erhielt eine Pfarrei in Coxwold. 1762 reiste er mit seiner Familie nach Frankreich. Seine Frau und seine Tochter ließen sich dort nieder und Sterne kehrte 1764 allein nach London zurück. Eine weitere Reise führte ihn 1765 nach Italien. Ab 1768 erschien Sternes zweiter großer Roman "A Sentimental Journey Through France and Italy", für das Lessing das deutsche Wort "empfindsam" erfand, das einer ganzen Epoche der deutschen Literatur ihren Namen gab. Das Werk blieb unvollendet. Laurence Sterne, der seit vielen Jahren an Tuberkolose litt, starb am 18. März 1768 in London.

Der Sprecher Werner Finck

Werner Finck wurde 1902 in Görlitz geboren. In Berlin gründete er 1929 das Kabarett "Die Katakombe" und wurde rasch populär. Er war ursprünglich kein politischer Kabarettist, doch mit seinen doppelsinnigen Wortspielen geriet er bald ins Visier der Gestapo. 1935 wurde das Kabarett geschlossen und Finck kurzfristig im Konzentrationslager Esterwegen interniert. Ab 1937 durfte er wieder im "Kabarett der Komiker" auftreten. Aus Furcht vor erneuter Haft meldete er sich 1939 als Kriegsfreiwilliger. Nach dem Krieg arbeitete er wieder als Kabarettist und Schauspieler. Von 1948 bis 1951 leitet er das das kabarettistische Theater "Die Mausefalle" in Stuttgart und Hamburg. Werner Finck hat in über 50 Filmen mitgespielt. Er starb 1978 in München.

Angaben zur Sendung Die Klassikerlesung:
Zum 250. Todestag von Laurence Sterne am 18. März 2018:
"Tristram Schandis Leben und Meynungen" von Laurence Sterne
(41 Folgen)

Sprecher: Werner Finck
Übersetzer: Johann Bode, Christoph Joachim
Produktion: NDR 1962

Sendung:
01.02.-29.03.2018 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

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Hörbuch Cover - Laurence Sterne: "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman"
Bildrechte: Der Hörverlag

Hörbuchtipp

Hörbuchtipp

Laurence Sterne: "Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman"
Hörspiel mit Peter Fricke, Stefan Merki, Bibiana Beglau u. v. a.
9 CDs, Laufzeit: 456 Minuten
der Hörverlag 2015
ISBN: 978-3844519433
29,99 Euro

Laurence Sterne: Leben und Meinungen von Tristram Shandy
Bildrechte: Insel Verlag

Buchtipp

Buchtipp

Laurence Sterne: "Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman"
Taschenbuch: 673 Seiten
Insel Verlag 2013
ISBN: 978-3458359685
14,50 Euro

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