Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Zweiter Teil- Titelblatt der Erstauflage, 1786
Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Zweiter Teil. Titelblatt der Erstauflage, 1786 Bildrechte: Deutsches Textarchiv/ Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Klassikerlesung | Zum 225. Todestag von Karl Philipp Moritz Karl Philipp Moritz: Anton Reiser

Karl Philipp Moritz (1756-1793) führte ein bewegtes Leben. Er war Schauspieler, Lehrer, Prediger, Philosoph, Redakteur und Schriftsteller. In seinem autobiografischen Roman "Anton Reiser" schildert er die Kindheit und Jugend eines aus ärmlichen Verhältnisse stammenden hochbegabten jungen Mannes und dessen Streben nach Anerkennung und Erfolg. Es liest Ernst August Schepmann.

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Zweiter Teil- Titelblatt der Erstauflage, 1786
Karl Philipp Moritz: Anton Reiser. Zweiter Teil. Titelblatt der Erstauflage, 1786 Bildrechte: Deutsches Textarchiv/ Zentral- und Landesbibliothek Berlin

Karl Philipp Moritz' psychologischer Roman Anton Reiser erschien in vier Bänden zwischen 1785 und 1790. Moritz verarbeitet darin seine eigene Kindheit und Jugend. In schonungsloser Selbstanalyse sucht er – 100 Jahre vor Freuds Psychoanalyse – nach den Ursprüngen seines Lebenswegs.

Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt werden, weil die Beobachtungen großenteils aus dem wirklichen Leben genommen sind.

Karl Philipp Moritz Anton Reiser, Vorrede, erster Teil

Leidvolle Kindheitserfahrungen

Eine entscheidende Rolle für die spätere Entwicklung seines Titelhelden sieht Moritz in frühen Kindheitserfahrungen. Anton Reiser wächst in der düsteren Atmosphäre eines ärmlichen, streng religiös geprägten Elternhauses auf. Sein Vater hängt dem Quietismus an, seine Mutter dem lutherischen Pietismus. Die religiösen Unterschiede führen zu ständiger Zwietracht zwischen den Eltern. Als Kind erfährt er weder Zuneigung noch Geborgenheit – mit weitreichenden Folgen. In seiner Jugend leidet Anton Reiser unter großer Unsicherheit und geringer Selbstachtung, ist aber zugleich getrieben von Ehrgeiz und Geltungssucht.

Es war die unverantwortliche Seelenlähmung durch das zurücksetzende Betragen seiner eignen Eltern gegen ihn, die er von seiner Kindheit an noch nicht hatte wieder vermindern können. Es war ihm unmöglich geworden, jemanden außer sich wie seinesgleichen zu betrachten – jeder schien ihm auf irgendeine Art wichtiger, bedeutender in der Welt als er zu sein.

Karl Philipp Moritz Anton Reiser

Die Eltern, die die Begabung ihres Sohnes nicht erkennen, schicken ihn früh zu einem Hutmacher nach Braunschweig in die Lehre. Der strenge Meister treibt den sensiblen Jungen durch Schinderei und Demütigung zu einem Selbstmordversuch.

Flucht in Welt der Bücher und des Theaters

Nach Abbruch der Lehre darf Anton Reiser in Hannover eine Freischule besuchen. Pastor Marquardt, bei dem er seinen Konfirmandenunterricht erhält, wird auf den talentierten Jungen aufmerksam und es gelingt ihm, ein Stipendium zu bekommen. Auf dem Gymnasium macht Reiser schnell Fortschritte, leidet jedoch darunter, auf Freitische und Almosen angewiesen zu sein. Er fühlt sich von Lehrern und Mitschülern verachtet, flüchtet in die Welt der Bücher und entdeckt das Theater, für das er eine besondere Leidenschaft entwickelt.

Er fand sich hier gleichsam mit allen seinen Empfindungen und Gesinnungen wieder, welche in die wirkliche Welt nicht paßten. – Das Theater deuchte ihm eine natürlichere und angemeßnere Welt, als die wirkliche Welt, die ihn umgab.

Karl Philipp Moritz Anton Reiser

Sein Wunsch nach Ruhm und Anerkennung führen schließlich zu Reisers Entschluss, die Schule zu verlassen und Schauspieler zu werden. Doch auch diese Bemühungen scheitern. In Gotha erhält er kein Engagement und als er nach langen Fußmärschen endlich bei einer Schauspielgruppe in Leipzig ankommt, muss er feststellen, dass sich die Truppe gerade aufgelöst hat.

Damit endet der Roman abrupt, die hochfliegenden Träume Anton Reisers erfüllen sich nicht. Anders als sein Held schaffte Karl Philipp Moritz den sozialen Aufstieg. Er gelangte zu einigem Ansehen als Professor, Hofrat und Mitglied der preußischen Akademie der Wissenschaften. In seinem Roman blickt er auf seine Kindheit und Jugend mit der Distanz des gereiften Mannes, betrachtet kritisch die eigenen Irrwege und warnt in aufklärerischer Absicht vor den Folgen falscher Erziehung. Goethe, der Moritz 1786 in Rom kennenlernte, schrieb über ihn:

Er ist wie ein jüngerer Bruder von mir, von derselben Art, nur da vom Schicksal verwahrlost und beschädigt, wo ich begünstigt und vorgezogen bin.

Johann Wolfgang von Goethe Brief an Charlotte von Stein, Rom, 13.-16. Dezember 1786

Der Schriftsteller Karl Philipp Moritz

Karl Philipp Moritz, geboren 1756 in Hameln, wuchs wie sein Alter Ego Anton Reiser in ärmlichen, vom Pietismus geprägten Verhältnissen auf. Nach vergeblichen Versuchen, Schauspieler zu werden, einem abgebrochenen Theologiestudium und kurzer Lehrtätigkeit in Potsdam, erhielt er 1778 eine Stelle als Gymnasialprofessor in Berlin.

Zeitgenössische Darstellung des Schauspielers und Schriftstellers Karl Philipp Moritz (1756-1793)
Karl Philipp Moritz (1756-1793) Bildrechte: dpa

1782 unternahm er eine Englandreise, deren Beschreibung seinen Ruf als Schriftsteller begründete. Unter dem Titel "Magazin zur Erfahrungsseelenkunde" gab Moritz zwischen 1783 und 1793 die erste psychologische Fachzeitschrift in Deutschland heraus. 1786 reiste er nach Italien, wo er eine freundschaftliche Beziehung zu Goethe entwickelte. Auf seiner Rückreise nach Deutschland besuchte er Goethe in Weimar. Durch die Vermittlung Herzog Karl Augusts wurde er 1791 Professor an der Akademie der Künste. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Alexander von Humboldt und Ludwig Tieck.

Moritz starb mit nur 36 Jahren an einem chronischen Lungenleiden 1793 in Berlin. Neben "Anton Reiser" und dem weniger bekannten Roman "Andreas Hartknopf" hinterließ er zahlreiche Schriften zu psychologischen und pädagogischen Themen. Mit seinen Aufsätzen zur Ästhetik gab er wichtige Impulse für die Kunstauffassung der Weimarer Klassik.

Der Sprecher Ernst-August Schepmann

Ernst-August Schepmann, geboren 1931 in Hattingen, studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Danach spielte er 50 Jahre lang an diversen Theatern, unter anderem in Wiesbaden, Stuttgart, München, Berlin und Wien. Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler ist er ein gefragter Rundfunksprecher, der in vielen Hörspielen und Lesungen mitgewirkt hat.

Angaben zur Sendung Die Klassikerlesung
Zum 225. Todestag von Karl Philipp Moritz am 26. Juni:
"Anton Reiser"
Ein psychologischer Roman
Von Karl Philipp Moritz
(21 Folgen)

Sprecher: Ernst August Schepmann
Produktion: Radio Bremen 1980

Sendung:
01.06.-29.06.2018 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

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Karl Philipp Moritz: Anton Reiser
Bildrechte: Fischer Verlag

Karl Philipp Moritz Anton Reiser

Anton Reiser

E-Book
Printausgabe: 448 Seiten
Fischer Verlag
ISBN: 978-3104019291
3,99 Euro

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