Johann Karl Wezel: Belphegor
Johann Karl Wezel (1747-1819), Schriftsteller und Philosoph aus Sondershausen Bildrechte: Stadt Sondershausen

Klassikerlesung | 02.02. - 28.02.2019 Johann Karl Wezel: "Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne"

Johann Karl Wezel (1747-1819), Schriftsteller und Philosoph aus Sondershausen, ist heute nur wenigen bekannt. Sein satirischer Roman von 1776 über die ernüchternde Reise des Idealisten Belphegor durch die ganze Welt war lange Zeit vergessen und wurde erst 1959 von Arno Schmidt wieder in Erinnerung gebracht. Zum 200. Todestag Wezels senden wir Auszüge aus dem Roman. Es liest Rolf Boysen.

Johann Karl Wezel: Belphegor
Johann Karl Wezel (1747-1819), Schriftsteller und Philosoph aus Sondershausen Bildrechte: Stadt Sondershausen

Johann Karl Wezel, ein Zeitgenosse Goethes, 1747 in Sondershausen geboren, galt als vielseitiger Schriftsteller der Sturm-und-Drang-Zeit. Er verfasste Gedichte, Romane, Lustspiele und Satiren. Mit einigen seiner Bücher, insbesondere dem komischen Roman "Hermann und Ulrike" war er zunächst sehr erfolgreich. Reisen führten ihn nach St. Petersburg, Paris und London. Nach Aufenthalten in Berlin, Wien und Leipzig kehrte Wezel um 1790 in seine Geburtsstadt zurück. Gesellschaftlich isoliert und offenbar psychisch schwer verstört, verbrachte er hier seine letzten drei Lebensjahrzehnte. Als er 1819 starb, war sein literarisches Werk beinahe in Vergessenheit geraten.

Frevel an der armen Menschheit

Als ein Buch "ehrwürdigsten Gott-, Welt- und Menschenhasses" pries Arno Schmidt (1914-1979) Johann Karl Wezels "Belphegor" und stellte ihn in eine Reihe mit Swifts "Gullivers Reisen" (1726) und Voltaires "Candide" (1759). In seinem eindrucksvollen Radio-Essay "Belphegor und wie ich die Welt hasse" von 1959 widmete Schmidt sich Wezels satirischem Roman, der zu seinen Lieblingsbüchern zählte.

Wezels Zeitgenossen fanden an dem bitterbösen Werk weniger Gefallen. Christoph Martin Wieland, der den Schriftseller zunächst gefördert hatte, zeigte sich entrüstet:

Was zum Henker ist Sie nun wieder angekommen, diesen neuen Frevel an der armen Menschheit zu begehen, diesen verwünschten Belphegor […] sie haben aus der Menschl. Natur und der Geschichte der Menschheit ein so verzogenes, verschobenes, affentheurliches und Naupengheuerliches Unding gemacht, daß unser Herr Gott gewiß seine Arbeit in ihren Gemälden nicht erkennen wird.

Christoph Martin Wieland Brief an Johann Karl Wezel vom 22.7.1776

Die schlechteste aller möglichen Welten

Wezel warnt seine Leser bereits im Vorwort: wer "lieber ideale Schilderungen von ganz guten Menschen und ganz glücklichen Welten lesen" möchte, für den sei dieses Büchlein nicht geeignet.

Recht unsanft beginnt der Roman mit einem Tritt in den Hintern. Belphegor wird von seiner Geliebten, der schönen Akante, aus dem Haus geworfen, als er all sein Geld für sie ausgegeben hat. Sein Freund Fromal, ein kühler Rationalist, rät dem Unglücklichen, in die die Welt hinauszuziehen. Das würde ihn von seinem Gram und seiner Empfindlichkeit kurieren.

Von seinem Freund bald auch mit Geld ausgestattet, begibt sich Belphegor auf eine höchst abenteuerliche Reise. Noch glaubt er an das Gute, doch überall trifft er auf Missgunst, Neid, Unrecht und Grausamkeit. Er versucht zu helfen und scheitert, wird verraten, verprügelt, verliert ein Auge und einen Finger. Und schleppt sich doch weiter, ein unverbesserlicher Idealist. Er gerät in einen Bauernkrieg, entkommt nur knapp dem Tod und findet Zuflucht beim Pfarrer Medardus. Der treuherzige Magister glaubt an die Vorsehung und hofft selbst im größten Unglück auf eine bessere Zukunft und ein Glas Apfelwein.

Ich glaube frisch weg, daß alles gut und weise angeordnet ist […] Jede Freude genossen, wie sie sich anbietet, jeden Puff angenommen, wie er kömmt, und immer gedacht: wer weiß, wozu es gut ist? – das heißt klug gelebt.

Johann Karl Wezel Belphegor

Belphegor und sein Begleiter Mardadus werden von einer Wasserhose in die Walachey verschlagen und als Sklaven verkauft. Hier trifft Belphegor auf seine alten Freund Fromal. Gemeinsam setzen die drei ihre Odyssee fort, dann reißt das Schicksal sie auseinander und sie treffen sich andernorts wieder.

Belphegor verschlägt es nach Afrika und Arabien, in die Mongolai und nach Nordamerika. Er kommt ins Land Bilidulgerid und ins Königreich Niemeamaye. Doch überall gibt es Elend, Leid, Krieg und Zerstörung. Die Menschen werden von Gier und Vorzugssucht getrieben. Belpgehor muss einsehen, dass auch er Neid und Machtgelüste empfindet. Völlig desillusioniert resümiert er:

Der Mensch - ist das ärgste Ungeheuer der Hölle. Ich bin mir selbst gram, ein Mensch zu seyn.

Johann Karl Wezel Belphegor

Am Schluss des Romans lässt Belphegor sich mit seinen zwei Freunden in Virginia nieder, um in Anlehnung an Voltairs Candide "zu säen, zu pflanzen, zu begießen, zu erndten". Doch die Idylle ist nicht von Dauer. Als Belphegor vom amerikanischen Unabhängigkeitskrieg erfährt, wird er erneut von seinem Enthusiasmus ergriffen und zieht in den Kampf für die Freiheit.

Wezel schuf mit seinem Roman eine bittere Satire auf menschliches Verhalten. Er kritisierte ungerechte Machtstrukturen, sowie die den aufklärerischen Optimismus seiner Zeitgenossen. In seiner bissigen Fabel widerlegt er die Leibnizsche These von der "besten aller möglichen Welten"

Der Schauspieler Rolf Boysen

Rolf Boysen wurde 1920 in Flensburg geboren. Nach kaufmännischer Ausbildung und Kriegsdienst begann er seine schauspielerische Ausbildung in Hamburg. Sein Debüt gab er 1948 am Stadttheater Dortmund.

Schauspieler Rolf Boysen
Rolf Boysen Bildrechte: dpa

Es folgten weitere Engagements und Gastspiele an den Schauspielhäusern in Kiel, Hannover, Bochum, Berlin, Wien und Düsseldorf. Boysen gehörte viele Jahre zum Ensemble der Münchner Kammerspiele sowie des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Er spielte unter großen Namen wie Fritz Kortner und Erwin Piscator. Noch mit über 80 Jahren gab er am Bayerischen Staatsschauspiel einen bewegenden Shylock in "Der Kaufmann von Venedig". Rolf Boysen war außerdem als Sprecher und Synchronsprecher tätig.

Für sein Lebenswerk wurde er u. a. mit dem Bayerischen Theaterpreis, dem Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München und 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er starb am 16. Mai 2014 in München.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Klassikerlesung
"Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne"
Von Johann Karl Wezel
(19 Folgen)

Sprecher: Rolf Boysen
Produktion: Hessischer Rundfunk 1980

Sendung:
02.02. - 27.02.2019 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

"Belphegor oder Wie ich Euch hasse"
Radio-Essay von Arno Schmidt
Produktion: Hessischer Rundfunk 1959

Sendung:
28.02.2019 | 15:10 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 01. Februar 2019, 04:00 Uhr

Rolf Boysen liest "Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne"
Bildrechte: insel taschenbuch

Buchtipp Johann Karl Wezel: Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne

Johann Karl Wezel: Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne

Taschenbuch, 343 Seiten
Insel Verlag 1992
ISBN-13: 978-3458324768

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