Wien Operntheater und Kärtnerstraße, um 1935
Bildrechte: IMAGO

Klassikerlesung Stefan Zweig: "Die Welt von Gestern"

Stefan Zweigs Autobiografie ist Lebensgeschichte, Vermächtnis und Zeitzeugnis. Im Exil blickt er zurück auf seine Vergangenheit und schildert voller Wehmut das heitere und kultivierte Leben in Wien vor dem Ersten Weltkrieg. Es liest Walter Andreas Schwarz.

Wien Operntheater und Kärtnerstraße, um 1935
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Stefan Zweig war in den dreißiger Jahren einer der meistgelesenen Schriftsteller Europas. Nach einer Hausdurchsuchung im Februar 1934 zog er von Salzburg nach England. 1940 emigrierte er über die USA nach Brasilien. In den letzten Jahren seines Lebens verfasste er sein autobiografisches Werk "Die Welt von gestern." Es sind Erinnerungen an eine Welt, die es nicht mehr gibt.

Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Landkarte: sie ist weggewaschen ohne Spur.

Stefan Zweig Die Welt von Gestern

In Wien und Europa

Zweig beschwört die Welt seiner Kindheit und Jugend herauf. Im Wien um die Jahrhundertwende wächst er in wohlhabenden Verhältnissen auf. "Goldenes Zeitalter der Sicherheit" nennt er jene sorglosen Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Das kulturelle Leben in der Donaumetropole pulsiert, man spricht über Musik, Kunst und Literatur. Das Theater ist von größerem Interesse als das Weltgeschehen.

Man lebte gut, man lebte leicht und unbesorgt in jenem alten Wien, und die Deutschen im Norden sahen etwas ärgerlich und verächtlich auf uns Nachbarn an der Donau herab, die, statt 'tüchtig' zu sein und straffe Ordnung zu halten, sich genießerisch leben ließen, gut aßen, sich an Festen und Theatern freuten und dazu vortreffliche Musik machten.

Stefan Zweig Die Welt von Gestern

Zweig studiert in Wien Philosophie, widmet sich aber mehr seinem Fortkommen als Schriftsteller. In Berlin will er das Leben der Bohème kennenzulernen. Nach der Promotion in Wien geht er nach Paris, er ist bezaubert von der Schönheit der Stadt, lernt hier Rilke und Rodin kennen. Zweig ist viel unterwegs und beobachtet das ungeheure Wachstum der europäischen Städte. Er reist nach Indien und Nordamerika und fühlt sich als Weltbürger.

Nie habe ich unsere alte Erde mehr geliebt als in diesen letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, nie mehr auf Europas Einigung gehofft, nie mehr an seine Zukunft geglaubt als in dieser Zeit, da wir meinten, eine neue Morgenröte zu erblicken. Aber es war in Wahrheit schon der Feuerschein des nahenden Weltbrands.

Stefan Zweig Die Welt von Gestern

Vom Weltbürger zum Heimatlosen

Der erste Weltkrieg setzt dem sorglosen Leben ein jähes Ende. Jubelnd ziehen die Massen in den Krieg, nicht ahnend, was auf sie zukommt. Zweig wandelt sich zum Pazifisten. Mitten im Krieg schreibt er sein Antikriegsdrama "Jeremias".

Stefan Zweig
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Die Nachkriegsjahre sind geprägt von Chaos, Hungersnot, Inflation und dem Verfall der bürgerlichen Werte. Zweig widmet sich verstärkt seinem literarischen Schaffen, schreibt Novellen, Dramen, Essays, Gedichte, Monografien, stetig wächst sein literarischer Erfolg.

Seinen internationalen Ruhm nutzt er, um sich für Pazifismus, Völkerverständigung und kulturellen Austausch einzusetzen. Zeitgleich wird er Zeuge, wie sich der lange Schatten des Faschismus über Europa legt. Zwar entrinnt Zweig der Todesgefahr, doch über den Verlust der Heimat kommt er nicht hinweg.

Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast.

Stefan Zweig Die Welt von Gestern

Stefan Zweig hat 'die Welt von Gestern' als Zeitzeuge aufgezeichnet und dabei nicht so sehr sein eigenes Schicksal festgehalten, sondern das seiner Generation. In seinen Erinnerungen beschwört der im Exil lebende Schriftsteller angesichts der Barbarei von Krieg und Nationalsozialismus noch einmal den Geist des alten Europas herauf.

Der Schriftsteller Stefan Zweig

Stefan Zweig, geboren 1881 in Wien, lebte von 1919 bis 1934 in Salzburg, emigrierte von dort nach England und schließlich 1941 nach Brasilien. Seine Novellenbände ("Brennendes Geheimnis", 1911; "Sternstunden der Menschheit", 1927) machten ihn ebenso bekannt wie seine großen Biografien ("Maria Stuart",1935; "Joseph Fouché", 1929.) 1942 vollendet er sein letztes und wohl bekanntestes Werk "Die Schachnovelle". Verzweifelt über den Verlust seiner - vor allem auch geistigen – Heimat Europa schied Zweig am 23. Februar 1942 in seinem Haus im brasilianischen Petrópolis freiwillig aus dem Leben.

Angaben zur Sendung Die Klassikerlesung
"Die Welt von gestern"
Von Stefan Zweig
(20 Folgen)

Sprecher: Walter Andreas Schwarz
Produktion: SDR 1991

Sendung:
03.09.-28.09.2018 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 03. September 2018, 04:00 Uhr

Stefan Zweig: "Die Welt von gestern"
Bildrechte: S. FISCHER Verlag

Buchtipp

Buchtipp

Stefan Zweig: "Die Welt von gestern"
Erinnerungen eines Europäers
Taschenbuch: 512 Seiten
Fischer Verlag 1985
ISBN: 978-3596211524
12,00 Euro

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