Kristine Bilkau
Kristine Bilkaus Debüt "Die Glücklichen" wurde hoch gelobt, jetzt hat sie ihren zweiten Roman vorgelegt. Bildrechte: Thorsten Kirves

Rezension: Kristine Bilkau - "Eine Liebe, in Gedanken" Kristine Bilkau: Von Lebenslügen und geplatzten Träumen

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Kristine Bilkau
Kristine Bilkaus Debüt "Die Glücklichen" wurde hoch gelobt, jetzt hat sie ihren zweiten Roman vorgelegt. Bildrechte: Thorsten Kirves

Manche Bücher schleichen sich durch die Hintertüre in die Köpfe ihrer Leser. Manche Bücher haben es nicht nötig, mit großer Geste aufzutrumpfen und auf jeder Seite die Raffinesse ihrer Verfasser zu demonstrieren. Die 1974 geborene Kristine Bilkau schreibt solche Romane. Ihr Debüt "Die Glücklichen" erwies sich als genaues Seismogramm einer gesellschaftlichen Schicht, die auf den ersten Blick ein gut situiertes Großstadtleben führt und zugleich von der untergründigen Angst beherrscht wird, dieses feste Gefüge über Nacht zu verlieren.

Leise Rebellion in der Pseudo-Idylle der 60-Jahre

Mit ihrem zweiten Roman "Eine Liebe, in Gedanken" geht Bilkau historisch zwei Schritte zurück, in die vermeintlich so restaurativen 60er-Jahre. Eine junge Frau, die Ich-Erzählerin, löst den Haushalt ihrer verstorbenen Mutter Antonia auf und fängt dabei an, mit alten Fotografien und Briefen vor Augen, deren verworrene Lebensfäden aufzudröseln. Das ist auf den ersten Blick kein sonderlich origineller Gedanke, doch was Kristine Bilkau daraus macht, ist das anrührende Porträt einer zielstrebigen Frau, die ihre entscheidende, ihre große Liebe nur "in Gedanken" zu führen vermochte.

Mit Anfang zwanzig lernt Antonia – in Hamburg – den wenig älteren Edgar kennen. Beide partizipieren an den Früchten des Wirtschaftswunders: Man gönnt sich kostenbewusste Abstecher in Nobelhotels, fährt mit dem ersten Gebrauchtwagen durch die Stadt. Und gleichzeitig unterlaufen beide – ohne zu Rebellen zu werden – die Vorschriften einer zumindest an der Oberfläche sittsamen Welt, in der zur Untermiete wohnende Frauen nach 22 Uhr keinen Herrenbesuch mehr empfangen dürfen.

Anrührendes Porträt einer selbstbewussten Frau

Mit wenigen Strichen zeichnet Bilkau die keineswegs nur restriktive Vor-68er-Zeit und stellt mit Antonia eine selbstbewusste Frau ins Zentrum.

Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

An ihrer gemeinsamen Zukunft mit Edgar zweifelt sie nicht – auch als der aus seiner beruflichen Perspektivlosigkeit ausbrechen will und das Angebot annimmt, eine Dependance seiner Firma im fernen Hongkong aufzubauen. Antonia signalisiert sofort, dass sie diese Zäsur nicht schreckt und dass sie diesen Schritt mit ihm machen möchte. Edgar reist voran, doch das Versprechen, seine Freundin nachzuholen, hält er nicht. So versandet diese Fernliebe zwischen Hamburg und Hongkong langsam – ein Schock, von dem sich Antonia nicht mehr erholen wird. Zwei Ehen scheitern, und bis an ihr Lebensende bleiben ihre Gedanken bei Edgar, der irgendwann nach Hamburg zurückkehrt und nichts davon weiß, dass es zu Antonias Gewohnheiten gehört, abends unauffällig an seinem Haus vorbeizufahren.

Ein bewegendes Buch in geschmeidigem Stil

'Eine Liebe, in Gedanken' ist ein glänzendes, bewegendes Buch, das ohne laute Töne auskommt.

Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Kristine Bilkau, deren betont schlichter und geschmeidiger Stil kaum falsche Töne kennt, begleitet die Figuren sanft, lässt die leise Melancholie eines Was-wäre-gewesen-wenn auf jeder Seite durchschimmern und zeigt, wie ein Leben aus den Fugen gerät, wie Zuversicht in Rastlosigkeit und Unsicherheit umschlägt. So ist "Eine Liebe, in Gedanken" zum einen das Porträt einer sehnsuchtsvollen Frau, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und sich nicht mit kleinbürgerlichen Lösungen zufriedengeben wollte. Und zum anderen spiegelt der Roman, wie ein solches Leben auf die Erzählerin, auf Antonias Tochter, ausstrahlt und wie diese, ohne dass "Eine Liebe, in Gedanken" das explizit macht, darüber nachzudenken beginnt, was sie selbst prägt und was sie selbst vielleicht zu erleben versäumt.

Kristine Bilkau
In "Eine Liebe, in Gedanken" hat Kristine Bilkau eigene Erfahrungen verarbeitet, wie manch zurückgelassenes Rätsel nach dem Tod ihrer Mutter. Bildrechte: Thorsten Kirves
Buchcover: Kristine Bilkau: Eine Liebe in Gedanken
Bildrechte: Luchterhand Literaturverlag

Informationen zum Buch Kristine Bilkau: "Eine Liebe, in Gedanken." Roman
Luchterhand, München 2018
256 Seiten, 20 Euro, gebunden
ISBN 978-3-630-87518-7

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 22. Mai 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2018, 15:22 Uhr

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