Schriftsteller Lutz Seiler
Schriftsteller Lutz Seiler Bildrechte: IMAGO

Buchempfehlung "Kruso": Lutz Seiler über die Flucht aus der DDR über die Ostsee

Inselabenteuer und Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft: "Kruso", der erste Roman von Lutz Seiler, schlägt einen Bogen vom Sommer 1989 bis in die Gegenwart. Schauplatz ist Hiddensee - in der DDR ein Zwischenstopp in die Freiheit, nämlich derjenigen, die über die Ostsee fliehen wollten. Die einzigartige Recherche, die diesem Buch zugrunde liegt, folgt den Spuren jener, die bei ihrer Flucht verschollen sind und führt dabei bis nach Kopenhagen, in die Katakomben der dänischen Staatspolizei. Der Roman wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnet. Er wurde zudem fürs Theater adaptiert und für die ARD verfilmt.

von Michael Hametner, MDR KULTUR-Literaturredakteur

Schriftsteller Lutz Seiler
Schriftsteller Lutz Seiler Bildrechte: IMAGO

Schauplatz des Romans "Kruso" ist die Insel Hiddensee – diese kleine, langgestreckte Eiland westlich von Rügen. Ihre Lage als Insel in der Ostsee, ihre Nähe zur dänischen Insel Møn, die bei gutem Wetter zu sehen ist, machte sie in der DDR-Zeit zu einem Sehnsuchtsort der Freiheit. Das Besondere dieses Inseldaseins, das vor allem Menschen anzog, die sich dem politischen Druck in der DDR entziehen wollten, bestimmt den Hintergrund des Romans.

Hierher kommt Anfang 1989 Edgar Bendler: Er kommt nicht zufällig – es ist eine Flucht vor seinem bisherigen Leben. Seine Freundin ist auf tragische Weise ums Leben gekommen, das Studium der Germanistik erfüllt den selbst Gedichte verfassenden Ed nicht. Am Anfang des Romans läuft er über die Insel, sucht eine Möglichkeit, um als Saisonarbeiter Geld zu verdienen und vor allem, um Quartier zu finden. Und so gerät er in den "Klausner", ein Betriebsferienheim mit Gaststätte im Norden der Insel. Dort lernt er Kruso kennen, den heimlichen Inselkönig, und entdeckt allmählich dessen Arche für "Schiffbrüchige des Landes", wie Kruso jene nennt, die von Hiddensee aus über die Ostsee in die Freiheit fliehen wollen. Der Roman erzählt die Freundschaft zwischen Ed und Kruso bis zu Krusos Tod und darüber hinaus.

Ein Inselbuch, Roman einer Freundschaft und ein Totengedenkbuch

Lutz Seiler hat einen Inselroman, einen Abenteuerroman, den Roman einer Freundschaft geschrieben – aber "Kruso" ist der bisher singuläre Roman-Versuch, den Flüchtlingen, die von Hiddensee aus übers Meer in die Freiheit wollten und dabei ums Leben gekommen sind, ein Denkmal zu setzen. Edgar erfüllt Krusos Vermächtnis (Kruso stirbt 1993), dass keiner, dessen Flucht über die Ostsee gescheitert ist, verloren sein darf. Das wäre das dritte Verschwinden dieser Menschen: Erst die heimliche Flucht, dann – im Fall des Scheiterns - das Verschwinden unter Wasser und dann die Anonymität als Toter. Im zutiefst bewegenden Epilog des Romans erzählt der Schriftsteller Lutz Seiler von seiner Recherche bei dänischen Behörden. Er stößt auf die Zahl von 174 Todesopfern seit 1961 – 15 von ihnen ohne Namen. Aber der Roman ist nicht nur ein bewegender epischer Nachruf auf die Toten des DDR-Grenzregiemes. Er ist auch ein philosophischer Roman über die Freiheit.

Ob Roman-Figuren wie der "gute Soldat", ob "Rimbaud" von der Klausner-Besatzung oder Grit und andere Schiffbrüchige ein reales Vorbild haben, wird der Leser nicht feststellen können. Lutz Seiler hat vor allem den Roman der außergewöhnlichen Freundschaft zwischen Kruso und Edgar geschrieben: wie sich in dieser Freundschaft langsam die Rollen vertauschen, wie der Hilfsbedürftige dem Freund zum Helfer wird und der Freund den anderen fast umbringt. Das allein schon ist ein großer Romanstoff! Zusammen mit dem hohen Anteil an historischer Wahrheit ist "Kruso" einer der besten DDR- und Wenderomane, der seit 1990 vorgelegt worden ist. Ein Wenderoman, in dem der Stoff eindrucksvoll Roman geworden ist!

Roman eines Lyrikers

Das Buch
"Kruso" von Lutz Seiler ist 2014 im Suhrkamp Verlag erschienen und wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2014 ausgezeichnet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seiler erzählt mit höchster Sinnlichkeit die Vorgänge rund um den Klausner. Anschaulich bis zum Ekel beim Lesen sind die Szenen in der Abwaschküche, wenn Teller vorgereinigt werden oder Abflüsse verstopfen. Alles in dem Roman ist nicht nur zu lesen, sondern zu hören, zu riechen, zu schmecken. Wenn immer wieder bei anderen Romanen in Kritiken Sätze zitiert werden, die ein Fall für den Lektor gewesen wären, dann müßte man bei Seiler eine Sammlung besonders eindrucksvoller Sätze zusammenstellen. Er braucht nicht die Zeitangabe "November 1989", denn das weiß man sofort, wenn Seiler schreibt: "Ungehemmt fuhr der Sturm über das schmale Eiland, als sollte es noch einmal gereinigt werden vor dem Untergang."

Wortmächtige Sprache, ein großer Roman, ein bedeutender Autor – vielleicht das Buchereignis in diesem Herbst! Sicher wird "Kruso" mit zu den Nominierten der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gehören.

Über den Autor

Lutz Seiler ist gelernter Maurer und Zimmermann. Während seiner NVA-Zeit begann er, Gedichte zu schreiben. Bis 1990 studierte er Germanistik in Halle (Saale) und in Berlin. Von 1993 bis 1998 war er mit Birgit Dahlke, Klaus Michael und Peter Walther Herausgeber der Literaturzeitschrift Moosbrand. Seiler lebt in Wilhelmshorst und Stockholm. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Bremer Literaturpreis, dem Fontane-Preis, dem Uwe-Johnson-Preis und 2014 mit dem Deutschen Buchpreis. Der Roman wurde auch fürs Theater adaptiert und für die ARD verfilmt.

Angaben zum Buch Lutz Seiler: "Kruso", erschienen bei Suhrkamp, gebunden, 484 Seiten, 23 Euro, ISBN: 978-3518424476

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Kompakt | 05. September 2018 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juni 2015, 15:40 Uhr

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