Ausstellungstipp Kunstmuseum Erfurt zeigt erschütternde Aufnahmen der Fotografin Lee Miller

Lee Millers Fotografien sind schockierende Zeitdokumente des Zweiten Weltkriegs. Nun sind sie in der Ausstellung "Lee Miller: To believe it" in der Erfurter Kunsthalle zu sehen, darunter auch bisher unbekannte Buchenwald-Aufnahmen.

Schwarz-weiß-Aufnahme: Eine Frau (Lee Miller) trägt einen vom US-Militär ausgeliehenen Helm.
Die Kriegsfotografin Lee Miller Bildrechte: Lee Miller Archives

In der Erfurter Kunsthalle läuft aktuell die Ausstellung "Lee Miller: To believe it" mit über 100 Werken der Fotografin. Ein Großteil ihrer Aufnahmen sind im Zweiten Weltkrieg entstanden. Ab 1944 begleitete Lee Miller die amerikanischen Truppen von der Landung in der Normandie über die Befreiung von Paris bis zur Kapitulation Deutschlands. Mit ihren Kriegsfotografien schuf sie beeindruckende und schockierende Dokumente der Zeitgeschichte.

Vom Model zur Kriegsfotografin

Lee Miller: Fire Masks London England 1941
Lee Miller: Fire Masks London England 1941 Bildrechte: Lee Miller Archives

Lee Miller wird 1907 geboren. Als junge Frau ist sie ein begehrtes Model für berühmte Modefotografen der 20er-Jahre, wie Edward Steichen oder George Hoyningen-Huene. Ab 1929 wird sie Muse des Fotografen, Regisseurs und Malers Man Ray in Paris. Er fotografiert sie immer wieder – am liebsten nackt. Mit Man Ray arbeitet sie auch gemeinsam hinter der Kamera. Ab 1932 gründet sie erst in New York ein Fotostudio und lebt später eine Weile in Kairo. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geht sie nach London. Ab 1944 fotografiert Lee Miller für das US-Militär als Kriegsberichterstatterin und liefert erschütternde Aufnahmen.

Dokumente des Grauens

Lee Miller: Soldaten öffnen Zug mit Leichen bei Konzentrationslager Dachau
Lee Miller: Soldaten öffnen einen Zug mit Leichen im Konzentrationslager Dachau Bildrechte: Lee Miller Archives

Unmittelbar erlebt Lee Miller die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau. Als die US-Soldaten ein mit Leichen gefüllten Zug entdecken, klettert sie in den Waggon hinein, um ein besseres Bild zu bekommen. "Dort dokumentiert sie wirklich das Grauen und dokumentiert es in einer Art und Weise, wie es sich kaum jemand anderes getraut hat", erklärt Daniel Blochwitz, Kurator der Ausstellung.

In der Ausstellung ist auch eines der berühmtesten Bilder von Lee Miller zu sehen. Es zeigt sie in Adolf Hitlers Badewanne in dessen Münchner Wohnung. Ihre Stiefel, noch dreckig vom Besuch im KZ Dachau kurz zuvor, hat sie auf Hitlers weißem Handtuch abgetreten. Aufgenommen hat das Bild Lee Millers Foto-Kollege David Scherman am 30. April 1945 – wie sich später herausstellen sollte: jener Tag, an dem sich Hitler das Leben nahm.

Lee Miller in Adolf Hitlers Badewanne
Lee Miller in Adolf Hitlers Badewanne Bildrechte: Lee Miller Archives

Lee Miller dokumentiert das Grauen in einer Art und Weise, wie es sich kaum jemand anderes getraut hat.

Daniel Blochwitz, Kurator der Ausstellung.

Bisher unbekannte Buchenwald-Aufnahmen

Die Erfurter Kunsthalle zeigt auch seltene Aufnahmen aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Fünf Tage nach der Befreiung des Lagers 1945 dokumentierte Lee Miller die Knochenreste der Verbrannten und die Verbrennungsöfen. Sie erlebt den Besuch der Weimarer Bürgerinnen und Bürger in Buchenwald, die die Verbrechen vor ihrer Haustür ansehen sollten.

Lee Miller: Released prisoners in striped prison dress
Lee Miller: Befreite Gefangene in Buchenwald Bildrechte: Lee Miller Archives

Mit surrealistischem Blick

Die surrealistische Bildsprache hat ihr erlaubt, sehr nah ranzugehen.

Daniel Blochwitz, Kurator der Ausstellung

Auch Fotos aus Lee Millers Zeit bei den Pariser Surrealisten sind zu Beginn der Ausstellung zu sehen. Arbeiten, die auch auf ihre Kriegsfotografie Wirkung zeigen: "Die surrealistische Bildsprache hat ihr erlaubt, sehr nah ranzugehen. Wo andere Fotojournalisten gescheut haben, konnte sie, fast automatisch, bestimmte Dinge fotografieren", so Ausstellungs-Kurator Blochwitz. "Für mich ist Lee Miller eine der stärksten fotografischen Positionen des 20. Jahrhunderts", resümiert er. "Sie hat sehr viel Bewegung reingebracht, in die Fotografie. Die Leute kennen mittlerweile ihr surrealistisches Werk, aber es gibt nicht so viele, die tatsächlich den Umfang ihrer Kriegsfotografie kennen."

Viele ihrer Kriegsfotografien sind bisher so unbekannt, weil Miller den Großteil der schockierenden Fotos bis an ihr Lebensende in einem Pappkarton auf dem Dachboden versteckte. Erst nach ihrem Tod 1977 wurden die nicht publizierten Fotos entdeckt – und berühmt.

Die wenigen, die sie publizieren ließ, schickte sie mit den Worten "Believe it!" an die Vogue. Unter diesem Satz wurde die Reportage von Lee Miller abgedruckt und auch die Schau in der Kunsthalle Erfurt nimmt ihn als Überschrift. 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bietet die Ausstellung die Gelegenheit, Lee Millers Kriegsfotografie umfassend kennenzulernen und ruft die Schrecken dieser Zeit in Erinnerung.

Lee Miller: Visitor's tour Buchenwald Germany 1945
Lee Miller: Besuchertour Buchenwald, Deutschland 1945 Bildrechte: Lee Miller Archives

Mehr Informationen zur Ausstellung "Lee Miller: To believe it" in der Kunsthalle Erfurt
Bis 18. Oktober 2020

Adresse:
Fischmarkt 7
99084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr
Donnerstag, 11 bis 22 Uhr

24. Dezember, 30. und 31. Dezember geschlossen.

Eintritt:
6 Euro, ermäßigt 4 Euro
Erster Dienstag im Monat frei

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 06. August 2020 | 22:10 Uhr