Die DEFA-Legende auf einer Theaterbühne im Harz Festival "Theaternatur": Paul und Paula müssen an die frische Luft

An einen DEFA-Klassiker wagt sich das Festival "Theaternatur" und fragt: Wie stand es um die freie Liebe in der DDR und wie sieht es heute damit aus? Kaum wiederzuerkennen diese "Legende vom Glück ohne Ende". Unser Kritiker lobt das Spiel der Darsteller, wenngleich zuviel Video-Beiwerk davon ablenke und der Bühnenversion die subversive Kraft des Filmes fehle. Noch bis 25. August dauert das Festival unter dem Motto "Grenzen:Los", das auf das Jubiläum des Falls der Mauer anspielt, die kurz hinter Benneckenstein als innerdeutsche Grenze stand.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Der Film war Kult. Offenbar nicht nur bei der Generation der damals Jungen im Osten, sondern auch bei denen, die im vereinten Deutschland geboren oder aufgewachsen sind – und hier in Benneckenstein Theater machen. Nicht so die ganz jungen, aber die Generation von 25 bis Mitte; Ende 30. Das wären dann die Kinder der Eltern, die damals diesen Film gesehen, aber in einem anderen Land gelebt haben. Dort soll ja nicht alles schlecht gewesen, hört man immer wieder. Gerade was die Rolle der Frau betrifft. Und das mit der Liebe soll viel unkomplizierter gewesen sein als heute. Ja, auch in der DDR wurde wild geliebt und gegen Konventionen verstoßen. In einer Gesellschaft mit starren Regeln. Das ist das, was dieser Film so wundervoll zeigt und das, was wahrscheinlich einen großen Reiz auf die Generation der heutigen Pauls und Paulas ausübt. Denen setzen weder Honecker noch seine greise Garde enge Grenzen, aber vielleicht #Metoo und seine Folgen.

Die Axt im Haus erspart nicht mehr den Mann

Wenn eine Frau heute Nein sagt, heißt das Nein. Bei Paul und Paula lässt sich der Mann eine Axt reichen und schlägt sich unter Anteilnahme der Hausgemeinschaft den Weg frei zur Geliebten. Das ginge heute nicht ohne Polizei ab, war natürlich auch damals nicht alltäglich. Wie das damals war mit der Liebe und wie es heute damit aussieht, wie wir sind und was wir machen – das ist der Fragebogen, den die vierköpfige Truppe abarbeiten will.

Probenfoto Aufführung "Die Legende von Paul und Paula", Theater Natur in Benneckenstein.
Probenfoto zur Aufführung "Die Legende vom Glück ohne Ende - (Paul und Paula)" Bildrechte: Frank Drechsler

Auf der Bühne lässte sich das an einer Szene festmachen, die wohl der eine oder andere noch aus dem Film kennt. Paul kommt von der Armee überraschend nach Hause, erwischt seine Frau mit einem anderen im Bett. Er zieht sich das Koppel von der Uniform und der arme Nebenbuhler kriegt so richtig was auf den Arsch. Im Film. Die originale Sequenz wird im Stück auch auf die große Leinwand im Hintergrund projiziert. Unten auf der Bühne gibt es das spielerische und erotische Gegenprogramm.

Zu viel Beiwerk, dafür zu wenig subversive Kraft

Denn der Bühnen-Paul von heute will nicht mehr gewalttätig werden, sondern sich lieber dazulegen. Zum Kuscheln. Was man dann auch tut. Wiederum gefilmt von einer durchs Geschehen geisternden jungen Frau mit Handkamera. Willkommen im Reich der verwackelten Originalbilder. Das ist ja heute ein gern verwendetes Mittel, um für Drive zu sorgen. Für den sollten eigentlich die Schauspieler sorgen, im Spiel miteinander. Das könnten sie auch. Denn die vier, die hier agieren sind gut. Sie können spielen: Emotionen, Brüche, Wendungen der verschiedene Figuren sind zu sehen. Man möchte rufen: Hey vertraut euch doch mal selbst, lasst das Beiwerk oder reduzierte es auf die Momente, wo es wirklich was bringt.  

Paula (Angelica Domröse) und Paul (Winfried Glatzeder)
Das Original - immer noch legendär: Mit Angelica Domröse und Winfried Glatzeder Bildrechte: MDR/PROGRESS Film-Verleih/Norbert Kuhröber

Wer mit dem Film aufgewachsen ist, dem wird sein Paul- und Paula-Erlebnis bzw. seine Erinnerungen daran ganz schön um die Ohren gehauen. Das geht in Ordnung. Wenn man vom Alter her der Vater der Schauspieler und Schauspielerinnen sein könnte. Stichwort: Alter, weißer Mann. Nur leider gibt es keinen Gegenentwurf. Der Inszenierung fehlt die subversive Kraft, die dem Film innewohnt. Trotzdem ist es gut, dass es sie gibt: Dass sich eine Gruppe junger Leute daran abrackert, diesen Kult ihrer Eltern zu hinterfragen. Dass sie dabei zu Antworten kommen, die zu dünn sind, ist die eine Seite der Medaille.

Die andere ist, dass der Kritiker sich mit seiner Begleitung im Prinzip das ganze Restwochenende darüber unterhalten hat. Insofern erzielt diese Inszenierung eine Wirkung. Das war auch am Morgen danach bei verschiedenen Gesprächen in der Frühstückslobby des Hotels an der Waldbühne zu hören. Viele Besucher älteren Semesters, die am Abend dabei waren, hatten immer noch Redebedarf.

Theater von Relevanz in der Provinz

Und das scheint mir dieses Festival "Theaternatur" in besonderer Weise zu schaffen. Eine junge, großstädtisch geprägte Generation von Theatermachern, trifft, draußen im Wald, auf ein ganz normales Publikum. Und man lernt sich dadurch ein bisschen besser kennen.

Gelegenheit besteht noch bis zum 25. August und unter dem Motto "Grenzen:Los", das auf das 30jährige Jubiläum des Falls der Mauer anspielt, die dort oben im Harz, kurz hinter Benneckenstein ja als innerdeutsche Grenze stand. Thema auch in der "Legende von Sorge und Elend" und in #Berlin.Berlin. Das Stück schaut aus der Sicht von vier Autoren unterschiedlichen Alters aus Ost und West auf die Zeit der Mauer, auf das, was sie mit den Menschen in Ost und West gemacht hat - e in Gastspiel vom Theater Strahl in Berlin, inszeniert von Jörg Steinberg, der bis vor kurzem in Halle am Neuen Theater war und dafür in diesem Jahr mit dem Friedrich-Luft Theater Preis ausgezeichnet wurde. Sehr zu empfehlen als Theater von Relevanz in der Provinz und an der frischen Luft.

Informationen zum Stück "Die Legende von Paul und Paula" Die Legende vom Glück ohne Ende
(Nach Paul und Paula)

13.14./16./19./24./25. August
20:30 – 22:45 Uhr

Waldbühne – Kulturrevier Harz e.V.
Benneckenstein
Bahnhofstr. 22c
38877 Oberharz am Brocken

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. August 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. August 2019, 16:07 Uhr

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