Autor Daniel Kehlmann
Daniel Kehlmann Bildrechte: dpa

Lesung | 07.05. – 05.06.18 Daniel Kehlmann: Tyll

Seit dem Besteller "Die Vermessung der Welt" gehört Daniel Kehlmann zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. In seinem 2017 erschienenen Roman "Tyll" begibt er sich erneut auf historisches Terrain. Um die Figur des sagenumwobenen Gauklers entwirft er ein beeindruckendes Panorama des Dreißigjährigen Krieges. Es liest Ulrich Noethen.

Autor Daniel Kehlmann
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Im 14. Jahrhundert soll er möglicherweise gelebt haben, Till Eulenspiegel, der Narr und Spaßmacher, bekannt für seine derben Streiche, von denen die um 1510 erstmals erschienene Schwanksammlung erzählt. In seinem Roman erfindet Daniel Kehlmann die spätmittelalterliche Figur neu und versetzt sie in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Daniel Kehlmann: Tyll
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Elisabeth erinnert sich an die Pulververschwörung gegen ihren Vater, Jakob I., ihre Hochzeitsnacht mit Friedrich V. , die Flucht aus Prag und den Tag, der ihr Leben für immer verändert hat. Es liest Ulrich Noethen.

MDR KULTUR - Das Radio Di 22.05.2018 09:05Uhr 28:03 min

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Daniel Kehlmann: Tyll
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Nach der Niederlage am Weißen Berg fliehen Friedrich und Elisabeth aus Böhmen, mit der Reichsacht belegt und der Kurwürde enthoben. Erst der Kriegseintritt Gustav Adolfs bringt neue Hoffnung. Es liest Ulrich Noethen.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 23.05.2018 09:05Uhr 27:49 min

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Daniel Kehlmann: Tyll
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Friedrich V. ist zum Feldlager Gustav Adolfs gereist. Unterwegs sieht er das ganze Elend des Krieges. Erst nach Stunden empfängt ihn der Schwedenkönig. Doch sein Angebot ist niederschmetternd. Es liest Ulrich Noethen.

MDR KULTUR - Das Radio Do 24.05.2018 09:05Uhr 26:57 min

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Daniel Kehlmann: Tyll
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Gustav Adolf will Friedrich die Pfalz nur als Lehen zurückgeben. Der einstige Kurfürst lehnt ab. Auf dem Rückweg erkrankt er an der Pest. Es liest Ulrich Noethen.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 25.05.2018 09:05Uhr 27:27 min

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Ein Gaukler in dunkler Zeit

Titelseite der ältesten Fassung des Volksbuches 'Till Eulenspiegel' von 1511
Kehlmann hat die legendäre Figur des Volksbuchs ins Mittelalter versetzt. Bildrechte: IMAGO

Daniel Kehlmanns Tyll Ulenspiegel wird Anfang des 17. Jahrhunderts in einem abgelegenen Dorf im Süden des Herzogtums Bayern als Sohn eines Müllers geboren. Es ist eine enge begrenzte Welt, voller Aberglauben und Frömmigkeit, überall lauern Gefahren, und das nächste Dorf scheint unendlich weit entfernt. Tylls Vater, Claus Ulenspiegel, ein Autodidakt, der sich mit Zaubersprüchen und Naturstudien befasst, Bücher besitzt und Kranke heilt, wird von zwei durchreisenden Jesuiten der Hexerei angeklagt und an den Galgen gebracht. Tyll flieht daraufhin mit der Bäckerstochter Nele aus dem Dorf und zieht als Vagant durch das vom Krieg verheerte Land.

Als Gaukler bewegt Tyll sich durch die verschiedenen Gesellschaftsschichten. Zahlreiche historische Persönlichkeiten tauchen auf: der schillernde Universalgelehrte Athanasius Kircher, der englische Jesuit Oswald Tesimond, der Arzt und Dichter Paul Fleming sowie der unglückliche Kurfürst Friedrich V. nebst Gattin, der mit seinem Griff nach der böhmischen Krone den Dreißigjährigen Krieg mit auslöste und als "Winterkönig" in die Geschichte einging.

Die einzelnen Episoden des Romans, durch die Figur des Tyll nur lose miteinander verbunden, greifen verschiedene historische Ereignisse auf - vom Prager Fenstersturz über die Schlacht bei Lützen bis zum Westfälischen Frieden, jedoch nicht chronologisch, sondern mit großen Sprüngen in Zeit und Raum. Tyll taucht auf und verschwindet wieder, als Konstante bleiben die Verheerungen des Krieges, der ganze Landstriche verwüstete und in Teilen des Reiches zwei Drittel der Bevölkerung dahinraffte.

Die Grausamkeit dieser Zeit, in der ein Menschenleben nichts galt und Sterben an der Tagesordnung war, macht der Autor bereits im ersten Kapitel deutlich. Ein Dorf, in dem Tyll mit dem bekannten Schuhstreich für Aufruhr sorgt, wird bald darauf vom Krieg heimgesucht und fast alle Dorfbewohner, dem Leser gerade vertraut, sterben. Im Roman gibt er ihnen eine Stimme:

Man hört uns im Gras und im Grillenzirpen, man hört uns, wenn man den Kopf gegen das Astloch der alten Ulme legt, … Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein. Der Tod ist immer noch neu für uns, und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig. Denn es ist alles nicht lang her.

Daniel Kehlmann Tyll

In einigen markanten Szenen schildert Kehlmann eindringlich das Grauen des Krieges, das Gemetzel der Schlachten, abgebrannte Dörfer, verwüstete Wälder. Was die Zeitzeugen nie erzählen konnten, übernimmt der Autor.

Tyll Eulenspiegel, der rätselhafte Gaukler, bewegt sich scheinbar unverwundbar durch diese apokalyptische Welt. Jonglierend und seiltanzend läuft er dem Tod davon, übersteht Hunger, Pest und Krieg. Und als er einmal während einer Schlacht in einem Tunnel verschüttet wird, da ruft er:

Ich geh jetzt. So hab ich’s immer gehalten. Wenn es eng wird, gehe ich. Ich sterbe hier nicht. Ich sterbe nicht heute. Ich sterbe nicht!

Daniel Kehlmann Tyll

Daniel Kehlmann erzählt in klarer, präziser Sprache. Virtuos verbindet er Fiktion und geschichtliche Realität und vermittelt mit überraschender Leichtigkeit einen Eindruck vom Leben und Geisteszustand dieser Epoche.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann wurde 1975 als Sohn des Regisseurs Michael Kehlmann und der Schauspielerin Dagmar Mettler in München geboren. 1981 kam er mit seiner Familie nach Wien, wo er das Kollegium Kalksburg, eine Jesuitenschule, besuchte und danach an der Universität Wien Philosophie und Germanistik studierte. 1997 erschien sein erster Roman "Beerholms Vorstellung".

Kehlmann wurde mit zahlreichen Preisen, darunter dem Candide-Preis, dem Heimito von-Doderer-Preis, dem WELT-Literaturpreis, dem Per-Olov-Enquist-Preis, dem Kleist-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Im Sommersemester 2014 hielt er die Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Sein Roman "Die Vermessung der Welt", in bisher vierzig Sprachen übersetzt, wurde zu einem der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit. Daniel Kehlmann lebt als freier Schriftsteller in New York und Berlin.

Der Sprecher Ulrich Noethen

Ulrich Noethen, 1959 in München geboren, studierte zunächst Rechtswissenschaften und wechselte dann an die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Während seines Engagements an den Staatlichen Schauspielbühnen in Berlin erregte er mit seiner Rollengestaltung in Stücken wie "Faust" und "Ein Sommernachtstraum" Aufmerksamkeit. Nach der Schließung des Theaters 1993 spielte er in Fernsehserien, zum Beispiel im "Tatort".

Ulrich Noethen bei den Aufnahmen zu "Die vier Himmelsrichtungen" im Hörspielstudio des MDR im März 2014
Ulrich Noethen Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Sein Kinodebüt gab Noethen 1997 in dem Film "Comedian Harmonists". Für seine Darstellung des Harry Frommermann erhielt er den Deutschen Filmpreis sowie den Bayerischen Filmpreis. Seitdem avancierte er zu einem der vielseitigsten und erfolgreichsten Darsteller des deutschen Kinos. Ulrich Noethen ist regelmäßig als Sprecher tätig. Bei MDR KULTUR hat er unter anderem in den Hörspielen "House of God" (2002), "Ich kann Fliegen zähmen" (2011), "Die vier Himmelsrichtungen" (2014) und "Washington-Square" (2014) mitgewirkt.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
Vor 400 Jahren: Beginn des Dreißigjährigen Krieges
Tyll (20 Folgen)
Von Daniel Kehlmann
Es liest: Ulrich Noethen

Produktion: Argon Verlag 2017

Sendung:
07.05. – 05.06.18 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
07.05. – 05.06.18 | 19:05-19:35 Uhr

Sie können die einzelnen Folgen dieser Lesezeit hier 7 Tage lang hören.

Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2018, 16:57 Uhr

Daniel Kehlmann: 'Tyll'
Bildrechte: Rowohlt Verlag

Buchtipp

Buchtipp

Daniel Kehlmann: Tyll
Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Rowohlt 2017
ISBN: 978-3498035679
22,95 Euro

Daniel Kehlmann: Tyll
Bildrechte: Argon Verlag

Hörbuchtipp

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Daniel Kehlmann: Tyll
Gelesen von Ulrich Noethen
Audio CD
Argon Verlag 2017
ISBN: 978-3839816042
21,95 Euro