Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg, 1988
Natalia Ginzburg, 1988 Bildrechte: imago/Leemage

Lesezeit Natalia Ginzburg: Familienlexikon

Natalia Ginzburg, die Grande Dame der italienischen Literatur, ist bekannt für ihre minimalistische und lakonische Erzählweise. In ihren Romanen, Erzählungen und Theaterstücken hat sie sich immer wieder mit dem Thema Familie befasst. Die Geschichte ihrer eigenen, weitverzweigten Familie erzählt sie in ihrem wohl berühmtesten Werk "Familienlexikon". Zugleich gibt sie Einblicke in die Zeit des italienischen Faschismus. Es liest Cornelia Froboess.

Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg, 1988
Natalia Ginzburg, 1988 Bildrechte: imago/Leemage

Natalia Ginzburg (1916-1991) begann früh mit dem Schreiben und beschloss bereits als Zehnjährige, Schriftstellerin zu werden. Schon als Kind notierte sie sich typische Aussprüche ihrer Familie in ein Heft, die später Eingang in ihren berühmtesten, 1963 erschienenen Roman "Lessico famigliare" fanden. Natalia Ginzburg erhielt dafür den Premio Strega, den bedeutendsten Literaturpreis Italiens.

"Ich habe nichts erfunden ..."

In ihrem Roman erzählt Natalie Ginzburg anhand alltäglicher Beobachtungen und zahlreicher kleiner Anekdoten die Geschichte ihrer weitverzewigten jüdisch-katholischen Familie. Im Vorwort schreibt sie: "Orte, Personen und Ereignisse dieses Buches entsprechen der Wirklichkeit. Ich habe nichts erfunden …"

Das umfangreiche Personal des Buches wird angeführt von einem bemerkenswerten Elternpaar: Giuseppe Levi, der cholerisch veranlagte Vater, Anatomieprofessor, Alpinist und Freund entschiedener Urteile und Lidia, die lebensfrohe, durch nichts zu erschütternde Mutter, Beschützerin ihrer fünf Kinder.

Die Dinge, die mein Vater schätzte und achtete, waren: der Sozialismus, England, die Romane von Zola, die Rockefellerstiftung und die Bergführer des Aostatals. Die Dinge, die meine Mutter liebte, waren: der Sozialismus, die Gedichte von Paul Verlaine, die Musik …

Natalia Ginzburg Familienlexikon

Es geht turbulent zu bei der Familie Levi. Der Vater schimpft, die Brüder raufen, die Mutter singt. Und bei jeder Gelegenheit erzählt sie die immer gleichen Geschichten.

Faschismus und Widerstand

Natalia Ginzburg beschreibt das bürgerlich-intellektuelle Milieu im Turin zwischen 1920 und 1950. Aus der Sicht des Kindes schildert sie, wie die Familie aufgrund ihrer Herkunft, Überzeugung und politischer Aktivitäten in der Zeit des italienischen Faschismus zunehmend in Bedrängnis gerät.

Zum Bekanntenkreis gehören der Fabrikant Olivetti, der Sozialist Filippo Turati und der Dichter Pavese. Die Brüder und viele ihrer Freunde engagieren sich im Widerstand gegen das Regime. Es kommt zu Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Der Vater und ein Bruder müssen zeitweise ins Gefängnis.  

Natalias späterer Ehemann, der Slawist Leone Ginzburg, ist in der Widerstandsbewegung "Giustizia e Libertà" aktiv und wird mehrfach verhaftet. 1938, im Jahr ihrer Hochzeit, treten in Italien die Rassengesetzte in Kraft. Immer mehr Freunde und Verwandet verlassen das Land. Natalia folgt ihrem Mann 1940 in die Verbannung in ein kleines Dorf in den Abruzzen. Sechs Jahre später stirbt er in Rom an den Folgen schwerer Folter durch die Gestapo. Natalia Ginzburg kehrt nach Turin zurück und beginnt wieder für den Verlag Einaudi zu arbeiten, den ihr Mann 1933 mitbegründet hatte.

Familiensprache

Nüchtern, ohne Pathos und ohne Anklage, doch mit scharfem Blick erzählt Natalia Ginzburg vom ungeheuerlichen Schicksal ihrer Familie. Mit dem familieneigenen Vokabular lässt sie die verlorene Zeit wieder auferstehen. Es sind typische Worte oder Redewendungen, die Personen oder Ereignissen zugeordnet sind. "In diesem Haus wird alles zum Bordell!" ist ein Satz der Großmutter, der von Generation zu Generation weitergereicht wird. "Simpel" ist das Schlagwort des Vaters, mit dem er alle möglichen Mitmenschen bezeichnet, die er für Dummköpfe hält.

Diese Worte und Sätze bilden einen eigenen Code, eine Art Familiensprache, die die historischen Ereignisse überdauert und im Gedächtnis der noch lebenden Familienmitglieder bewahrt bleibt.

An einem dieser Worte würden wir uns im Dunkel einer Grotte unter Millionen von Menschen als Geschwister wiedererkennen. Diese Sätze sind unser Latein, das Vokabular unserer vergangenen Tage, sie sind wie die Hieroglyphen der Ägypter oder Assyrer und Babylonier, Zeugen einer Lebensgemeinschaft, die aufgehört hat zu sein, aber in Texten weiterlebt.

Natalia Ginzburg Familienlexikon

Die Schriftstellerin Natalia Ginzburg

Natalia Ginzburg, 1916 als Natalia Levi in Palermo geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Turin. 1938 heiratete sie den Slawisten Leone Ginzburg, der 1944 starb.

Nach dem Krieg lebte Ginzburg in Turin, ab 1952 mit ihrem zweiten Mann, dem Anglistik-Professor Gabriele Baldini, in Rom. Beinahe Zeit ihres Lebens arbeitete sie als Lektorin, Übersetzerin und Schriftstellerin für den Einaudi Verlag. Ab 1983 war sie unabhängige Parlamentsabgeordnete. Sie zog vier Kinder groß. Natalia Ginzburg starb 1991 in Rom. Ihr Werk umfasst Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Essays.

Die Sprecherin Cornelia Froboess

Cornelia Froboess wurde 1943 in Wriezen geboren und wuchs in Berlin auf. Mit dem berühmten Schlager "Pack die Badehose ein" wurde sie zum Kinderstar. In den 50er- und 60er-Jahren spielte sie in Musikfilmen, u.a. mit Peter Kraus, Rex Gildo, Peter Alexander, Harald Juhnke, Gunther Philipp, Peter Weck und Waltraut Haas. Ab den 1970er-Jahren wandte sie sich verstärkt dem Theater zu. Von 1972 bis 2001 war Froboess festes Mitglied der Münchner Kammerspiele. 2001 wechselte sie ans Bayrische Staatschauspiel, wo sie bis 2011 tätig war.

Cornelia Froboess
Cornelia Froboess Bildrechte: IMAGO

Bis heute ist Cornelia Froboess auch regelmäßig im Kino und im Fernsehen zu sehen und hat dabei in ganz unterschiedlichen Produktionen mitgewirkt, von Fassbinders "Die Sehnsucht der Veronika Voss"(1982) über "Knockin' On Heaven's Door" (1997) bis zum Kinderfilm „Die wilden Kerle“ (2003). Cornelia Froboess wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Ernst-Lubitsch-Preis, dem Gertrud-Eysoldt-Ring, dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayrischen Maximiliansorden.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
"Familienlexikon" (5 Folgen)
Von Natalia Ginzburg
Es liest: Cornelia Froboess
Produktion: SFB 2001

Sendung:
12.11.-16.11.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
12.11.-16.11.2018 | 19:05-19:35 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 12. November 2018, 04:00 Uhr

Natalia Ginzburg: Familienlexikon - Hörbuch
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Hörbuchtipp Natalia Ginzburg: Familienlexikon

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Hörbuch-Download
Laufzeit: 134 Minuten
Der Audio Verlag 2017
ISBN: 978-3742401632
10,49 Euro

Natalia Ginzburg: Familienlexikon
Bildrechte: Wagenbach

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Verlag Klaus Wagenbach 2009
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