Alexander Solschenizyn
Schriftsteller Alexander Solschenizyn Bildrechte: IMAGO

Lesung | 08.-19.01.2018 Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn hat den Opfern des Stalin-Terrors mit seinem Hauptwerk "Archipel Gulag" ein würdiges Denkmal gesetzt. Vor hundert Jahren wurde der große russische Literat und eigenwillige Denker geboren. In der Lesezeit senden wir seine bekannte Erzählung über den Alltag eines Lagerhäftlings. Es liest Hans Korte.

Alexander Solschenizyn
Schriftsteller Alexander Solschenizyn Bildrechte: IMAGO

Das sowjetische "Tauwetter" und der von Nikita Chruschtschow eingeleitete Entstalinisierungsprozess machten es möglich, dass im November 1962 in der Literaturzeitschrift "Nowy Mir" die Erzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" des damals noch unbekannten Autors Alexander Solschenizyn erschien. Der Parteichef persönlich hatte die Erlaubnis für die Publikation erteilt.

Das kleine Werk erschütterte die Sowjetunion und begründete Solschenizyns Ruhm. Er beschreibt darin in kargem, nüchtereren Ton den grausamen Alltag in einem sowjetischen Straflager, wie er ihn selbst erlebt hatte. Wegen kritischer Äußerungen über Stalin war er 1945 verhaftet worden und hatte acht Jahre in Straflagern und drei Jahre in der Verbannung verbracht.

Ein fast glücklicher Tag

Solschenizyn erzählt in seinem literarischen Debüt von einem beliebigen Tag im Lagerleben des titelgebenden Iwan Denissowitsch Schuchow, einem Zimmermann, der wegen des absurden Vorwurfs der Spionage eine zehnjährige Lagerhaft verbüßt. Eindringlich schildert er den täglichen Überlebenskampf der Häftlinge: die harte Arbeit im sibirischen Frost, den quälenden Hunger, die andauernden Schikanen.

Schuchow hat bereits acht Jahre abgesessen, doch er zählt die Tage bis zum Ende der Haftzeit nicht mehr. Sein Denken und Handeln ist einzig darauf gerichtet, diesen einen Tag zu überstehen. Er weiß, wie er sich eine zusätzliche Portion Suppe oder etwas Tabak besorgen kann, wie er sich verhalten muss, um bei den Aufsehern nicht anzuecken, wie er am besten der Kälte trotzt. Kleinigkeiten sind von höchster Bedeutung, eine kurze Unaufmerksamkeit kann zum Verhängnis werden. Doch selbst unter den erbarmungslosen Bedingungen des Lagerdaseins erlebt Iwan Denissowitsch kurze Momente der Freude und es gelingt ihm, seine Integrität und menschliche Würde zu bewahren.

Schuchow schlief vollkommen zufrieden ein. Er hatte heute viel Glück gehabt: er musste nicht in den Bunker, die Brigade wurde nicht in die Sozsiedlung abkommandiert [...], beim Filzen war er mit dem Sägeblatt durchgekommen, abends hatte er sich bei Caesar etwas verdient und noch Tabak gekauft. Und war nicht krank geworden, hatte sich wieder aufgerappelt. Ein Tag war vergangen, durch nichts getrübt, ein fast glücklicher Tag.

Alexander Solschenizyn: "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch"

Solschenizyn beschreibt keine Folterungen, Gewalt oder Tod. Eine offene Anklage gegen das Unrecht gibt es nicht. Allein in der realistischen Schilderung eines Einzelschicksals, das für Millionen anderer steht, entfaltet das Werk seine ungeheure Kraft.

Weiteres Schaffen und Exil

"Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" war nur der Auftakt. Zeit seines Lebens setzte Solschenizyn sich kritisch mit der Stalinzeit auseinander. Doch die Periode des Tauwetters war bald vorbei. Nach der Entmachtung Chruschtschows 1964 wurde der Schriftsteller wieder zum Staatsfeind. Seine Romane "Krebsstation" und "Im ersten Kreis der Hölle" konnten nur noch im Ausland erscheinen. Als er 1970 wurde mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, verzichtete Solschenizyn auf die Preisübergabe in Schweden, da er fürchtete, nicht wieder in die Sowjetunion zurückgelassen zu werden.

Vier Jahre später, nachdem der erste Band des "Archipel Gulag" in Paris erschienen war, wurde der Schriftsteller des Landes verwiesen. In seinem dreibändigen literarisch-dokumentarischen Hauptwerk beschreibt Solschenizyn detailliert das sowjetische Straflagersystem und die Verbrechen des stalinistischen Regimes.

Nach seiner Ausweisung lebte Alexander Solschenizyn in Zürich, Kanada und den USA, bis er 1994 in seine Heimat zurückkehrte.

Im neuen Russland

Der Schriftsteller meldete sich auch im neuen Russland zu Wort und kritisierte den schädigenden Einfluss des Westens in seinem Land. Zwar hatte er den Bolschewismus Zeit seines Lebens bekämpft, doch eine liberale Demokratie nach westlichem Vorbild lehnte er für Russland ab. Stattdessen predigte er eine Rückkehr zur Orthodoxie und Besinnung auf slawische Traditionen. Es sind Ansichten, die gut zur antiwestlichen Ideologie Putins passen, der den Schriftsteller 2007 mit dem Staatspreis auszeichnete. Solschenizyn starb im August 2008 in Moskau.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR Lesezeit
Alexander Solschenizyn: "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch"
Es liest: Hans Korte

Produktion: LangenMüller Herbig 2008

Sendung:
08.-19.01.2018 | 09:05-09:35 Uhr | 10 Folgen

Wiederholung:
08.-19.01.2018 | 19:05-19:35 Uhr | 10 Folgen

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Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2018, 00:00 Uhr

Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch
Bildrechte: LangenMüller Herbig

Hörbuchtipp

Hörbuchtipp

Alexander Solschenizyn: "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch"
Gelesen von Hans Korte
4 CDs, Laufzeit: Spieldauer: 507 Minuten
ISBN: 978-3784440231
Verlag: LangenMüller Herbig
10,00 Euro

Alexander Solschenizyn: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch
Bildrechte: Droemer Knaur

Buchtipp

Buchtipp

Alexander Solschenizyn: "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch"
Taschenbuch: 192 Seiten
Droemer Knaur 1999
ISBN: 978-3426616260
9,99 Euro