Frau mit Gießkanne in einem Garten
Der Film "Von Bienen und Blumen" war ein spöttischer Spaß, Randls Roman übers Dorfleben ist noch besser. Bildrechte: eksystent distribution filmverleih

Rezension "Der große Garten" Lola Randl und die Verwunderung über das Landleben

Dem Berliner Stadtleben entfliehen und in der Uckermark einen Garten bewirtschaften? Ein hipper Traum, den die Autorin Lola Randl leben wollte. So landete sie mit Mann, Kindern, ihrer Mutter in Gerswalde, traf auf alteingesessene Bewohner und viele andere Menschen aus der Stadt. Doch mit der Hinwendung zur Natur und zum Landleben ist es nicht so einfach. Was Randls Buch so besonders macht, ist die stete Verquickung von Natur- und Eigenbeobachtung, ohne den Blick aufs große Ganze zu verlieren. 

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Frau mit Gießkanne in einem Garten
Der Film "Von Bienen und Blumen" war ein spöttischer Spaß, Randls Roman übers Dorfleben ist noch besser. Bildrechte: eksystent distribution filmverleih
Lola Randl: Der große Garten 4 min
Bildrechte: Verlag Matthes & Seitz Berlin
Lola Randl: Der große Garten 4 min
Bildrechte: Verlag Matthes & Seitz Berlin

Gerswalde ist ein komischer kleinen Kosmos in der Uckermark und berühmt, spätestens seit im vergangenen Jahr Lola Randls Film "Von Bienen und Blumen" Premiere hatte – ein Porträt des Lebens dort, im Fokus sie selbst und ihre verwickelten Beziehungen. Als Film ein spöttischer Spaß, als Roman noch besser: "Der große Garten" nimmt sich der Utopistensiedlung literarisch noch einmal an.

Meine Mutter schüttelt den Kopf über mein Vorhaben, ein Gartenbuch zu schreiben. Besser als jeder andere weiß sie, dass ich viel zu wenig Geduld für den Garten habe. Ich habe ihr gesagt, mein Analytiker hätte gesagt, dass ich das tun soll, aber ich bin unsicher, ob sie es glaubt.

Aus: "Der große Garten"

Dorf und Deutungen

Natürlich hat der Analytiker der Ich-Erzählerin nicht zu einem Buch geraten, überhaupt ist er eine windige Gestalt, schickt ab und an Handyfotos seines Gemächts und ist eine der libidinösen Beziehungen der Ich-Erzählerin. Die ist in eine Künstlerin verliebt, hat nicht nur einen Mann, neben dem sie nachts einschläft, sondern auch jenen Liebhaber, den sie im Haus an der Kurve besucht, wenn sie die Kinder wegorganisiert bekommt. Auch wenn die Zeiten auf Libertinage stehen, die Kommune und das postkapitalistische Bewusstsein eine gewisse sexuelle Freiheit mit sich bringen: So ganz traut sich die Erzählerin nicht, ihre Verhältnisse offen zu leben. Es will doch der Schein gewahrt werden im Dorf, das immer wach und wachsam ist.

Das Dorf weiß alles, ihm entgeht nichts, nichts ist gering genug, um nicht beachtet zu werden. (...) Das kollektive Unterbewusstsein in einem Dorf ist groß und da passt viel hinein.

Aus: "Der große Garten"
Der große Garten
Bildrechte: Matthes & Seitz

Das Dorf und seine Dynamiken, Verheißungen und Limitierungen. Literarische Näherungen des Berliner Umlands sind im Trend. Mit unterschiedlichen Mitteln: menschenfreundlich und fröhlich wie in Saša Stanišićs fantastischem Buch "Vor dem Fest" von 2014, ikonisch geradezu Juli Zehs Windparkroman "Unterleuten", und eben erst ist in dieser Saison erschienen ist Sarah Khans Erlebnisbericht "Wochenendhaus". Mit ganz unterschiedlichem Sympathiegrad sind die Protagonisten ausgerüstet – was Lola Randls Buch so besonders macht, ist die stete Verquickung von Natur- und Eigenbeobachtung sowie der Blick aufs große Ganze. 

Neurosen in Natur

Ein Jahr wird beschrieben im Roman, beginnend beim Pastinakenfeld im Winterfrostboden, endend bei 20 weißen Kranichen vor Winterlandschaft. Dazwischen schießt der Frühlings-Schnittlauch, blüht der Pfirsich, werden die Schafe geschoren und das Rosinenbrot gebacken, der Sturm überstanden und der Agapanthus umgetopft. Doch das Gartenjahr ist nicht das einzige Ordnungsprinzip des Romans. Er ist in viele kleine Abschnitte mit kurzen Überschriften eingeteilt, zu finden von A bis Z im Glossar, von "Apfeltag", "Maulwurf I bis IV", "Wiese", "Wolle" bis "Zucker".

Die literarische Kamera ist jeweils auf einen Ausschnitt gerichtet, und nicht nur dieses Gestaltungsprinzip scheint Lola Randl von ihrer Filmarbeit übernommen zu haben: Die Regisseurin des Romans weiß genau, wie sie ihre Beobachtungen einleuchtet – und den Fokus auf das Skurrile im Alltag richtet. Oft ist es einfach ein Schlussgedanke, der eine vermeintliche Kinderbuch-Erklärung nochmal mitnimmt ins Konsumkritische, ins Philosophische oder allzu Menschliche.

Wenn in der Natur einer will, dass ein anderer etwas für ihn tut, dann lässt sich der andere meistens mit Zucker bezahlen. Das ist so, weil Zucker nahrhaft ist und auch noch sehr gut schmeckt. Zucker ist voller Energie, und die kann man dann verwenden, wie man will. Man kann sich fortbewegen, Nachkommen herstellen oder auch einfach nur weiterwachsen. Obstbäume stellen als Gegenzug für die Befruchtung Nektar bereit und Kirschen werden süß, damit Vögel sich für sie interessieren und die Kerne kilometerweit mitnehmen. Zucker ist das Geld in der Natur. Die Menschen wollen jetzt allerdings lieber auf Zucker verzichten.

Aus: "Der große Garten"

Kein Spott ist das, sondern freundliche Verwunderung über die Mechanismen und Neurosen der Menschen in der Natur. Beides setzt Lola Randl verblüffend in Beziehung.

Angaben zum Buch Lola Randl: Der große Garten
Roman
Matthes & Seitz, Berlin
320 Seiten, Digital Download EPUB
ISBN: 978-3-95757-745-0
Preis: 17,99 €

Artour

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juli 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2019, 13:41 Uhr

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