Neues Sachbuch Lütten Klein – Die DDR-Platte als "Erinnerungskosmos"

Lütten Klein war eines der größten Plattenbau-Viertel der DDR. 30.000 Menschen lebten dort, Arbeiter genauso wie Ingenieure. Als Gleiche unter Gleichen? So lautete jedenfalls das Credo. Wie stark es die Mentalität der Ostdeutschen bis heute prägt und welche Sprengkraft darin steckt, erklärt der Soziologe Steffen Mau, der in Lütten Klein aufwuchs und für seine Recherchen an den Ort seiner Kindheit zurückkehrte.

von Dennis Wagner, MDR KULTUR

Lütten Klein – der Name riecht nach Ostsee, klingt nach spielenden Kindern und Möwengeschrei, beinah zu bescheiden für das, was man in den Sechzigern entlang der Bahnlinie zwischen Rostock und Warnemünde hochzog. Von den oberen Stockwerken konnten die Arbeiter nun bis zu ihrer Werft sehen. Sie hausten nicht mehr in Baracken, sondern wohnten neben den Ingenieuren. Soziale Heckenzäune wie im Westen sollte es nicht geben. Im Prinzip sollten alle Werktätigen gleich sein.

"Ich habe mich dort wohlgefühlt"

Lütten Klein heute
Steffen Mau wuchs in Lütten Klein auf und kehrte als Soziologe dorthin zurück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einem der frisch gebauten Hochhäuser wuchs auch Steffen Mau auf. Während der Wendezeit war er bei der NVA, danach studierte er und wurde Soziologieprofessor. Der Gegenstand seiner aktuellen Analyse ist seine Heimat, die auch sein Abenteuerspielplatz war:

"Ja, ich habe mich dort schon wohlgefühlt, und ich hatte auch eine Identität als Lütten Kleiner Kind oder als Lütten Kleines Kind", sagt er lachend.

Gleiche unter Gleichen

Aus der heutigen Distanz sei die DDR-Neubausiedlung äußerlich denen im Westen ähnlich, im Kern aber eine grundlegende und planvolle Abweichung vom westlichen Modell, sagt Mau. Während man sich drüben als weiterhin bürgerlich und individuell empfand, entwickelte sich hüben eine Gesellschaft der Werktätigen im Arbeiter- und Bauernstaat, der Gleichen unter Gleichen. Große Karrieren waren schwer zu machen, da ohnehin Arbeiterherkunft und Gesinnung entscheidend waren und die Führungsetagen auf Dauer besetzt. Alle wohnten nebeneinander in der neuen sozialistischen Stadt – wie eine sehr bemerkenswerte Fernsehserie der Achtziger zeigt, die bezeichnenderweise "Einzug ins Paradies" heißt, und doch zuweilen in eine kleine Hölle blicken lässt.

Demokratische Republik (DDR) - Kindergartenkinder spielen auf einem Spielplatz .
Der Kindergarten gleich mitten im Wohngebiet Bildrechte: imago/Frank Sorge

Maus Recherchen zufolge wohnte fast ein Viertel der Bevölkerung in diesen Neubaugebieten; der ein bisschen besser als der Durchschnitt qualifizierte Teil. Die Neuerfindung der sozialistischen Lebensweise sei von der DDR-Führung genau durchgeplant gewesen.

In seinem Buch schreibt Mau von der stetigen Folgebereitschaft, die die Führung vom DDR-Bürger erwartet worden sei und ihn ganz gefordert habe: "im Angelverein, der Hausgemeinschaft, beim Elternabend – einen Feierabend kannte sie nicht." Dass dieses Korsett irgendwann platzen musste, sei klar gewesen.

Wende als Mentalitäts-Verstärker?

Doch die Deutschen im Osten waren anders geworden als die im Westen, anders als es die Soziologen erwartet hatten: "Wir Soziologen haben Anfang der Neunziger alle gedacht, es gebe eine gesellschatliche Konvergenz, Ostdeutschland nähere sich dem westdeutschen Modell an. Heute müssen wir feststellen, dass das nicht der Fall ist. Sowohl im Hinblick auf die Mentalitäten als auch auf die Sozialstruktur haben wir eine relativ starke Verstetigung dessen, was auch in der DDR zum Teil schon existierte. Die Wiedervereinigung hat bestimmte Probleme der sozialstrukturellen Ordnung eher noch vertieft anstatt sie aufzulösen."

Lütten Klein heute
Die Platte als Forschungsobjekt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei wurde eines der wichtigsten gesellschaftlichen Merkmale des Ostens – die "Gemeinschaft der Werktätigen" – schwer erschüttert: Aus Arbeitern wurden plötzlich Untätige, arbeitslose Mängelwesen, die hoch gereizt reagierten. Verständlicherweise, findet Steffen Mau: "Man muss sich immer mal vergegenwärtigen, wie eigentlich die Demokratie nach Ostdeutschland gekommen ist. Nämlich als Exportschlager." Für die notwendige demokratische Mitbestimmung fehlten Geduld, Zeit und Erfahrung. Die Ostdeutschen durften sofort Teilnehmer am Markt sein, allerdings kaum Teilhaber. Nur sechs Prozent der volkseigenen Betriebe verkaufte die Treuhand an Ostdeutsche, über 80 Prozent gingen an westdeutsche Unternehmer. Ein Bürgertum wie in der alten Bundesrepublik konnte so kaum heranwachsen.

"Sehr wenig Aufstiegsmobilität"

Außerdem kehrten die im Osten gutausgebildeten Frauen ihrer Heimat den Rücken. Zurück blieben vor allem junge Männer: Frustriert, ratlos und allein. Von einer "sehr starken Vernarbung", "einer Fraktur" spricht Mau. Die ostdeutsche Gesellschaft sei die der kleinen Leute, tendenziell die der Unterschicht der Bundesrepublik geblieben. Über eine lange Zeit. Als Beleg führt er an, das immer noch die übergroße Mehrheit der Führungspositionen von Westdeutschen besetzt sei:

Das muss man sich mal überlegen: Gesamtdeutsch gesehen sind zwei bis drei Prozent der Elitenpositionen durch Ostdeutsche besetzt. Selbst in Ostdeutschland sind die Gerichtspräsidenten, die Hochschuldirektoren, auch maßgebliche Posten in der Politik bis hin zu Ministerpräsidenten mit Westdeutschen besetzt. Das ist nicht per se schlecht und schlimm, aber dann problematisch, wenn es ein sehr loses Band zwischen der Masse der Bevölkerung und den Eliten gibt und die sich in den Eliten auch nicht spiegeln kann. Zumal es im Prinzip auch sehr, sehr wenig Aufstiegsmobilität gibt, um diese Verbindung überhaupt erst mal herzustellen.

Steffen Mau, Soziologe

Streben nach sicherem "Aufenthaltsstatus"

Diese ungleiche Verteilung wird bleiben – und macht auch klar, warum es gerade im Osten populistische Parteien so leicht haben. Niemand möchte selbst als Skurrilität oder Verlierer gebrandmarkt bleiben. "Ganz wenige wollen eine Rückkehr in die DDR", sagt der Soziologe Mau, "aber sie wollen natürlich, dass Teile ihrer Lebensgeschichte – ich sag' mal – einen sicheren 'Aufenthaltsstatus' im Erinnerungskosmos der Bundesrepublik haben." Lütten Klein, so schreibt Steffen Mau, sei nie abgestürzt. Es wurde saniert, ist grün und sozial gut durchmischt. Geredet haben dort viele trotzdem erst mit ihm, als er sich outete – als einer von ihnen.

Lütten Klein heute
Mit Blick ins Grüne und bis zur Ostsee Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angaben zum Buch Steffen Mau: "Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft"
Suhrkamp Verlag, 284 Seiten
ISBN: 978-3-518-42894-8
22,00 Euro

Mehr zum Thema "30 Jahre Friedliche Revolution"

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 08. August 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren