Deutsches Fotomuseum Markkleeberg Aktfotografie: Vom Tabu zum Massenphänomen

Die Ausstellung "Ästhetik der Lüste" im Deutschen Fotomuseum Markkleeberg erzählt die Geschichte der Aktfotografie. Zu sehen sind Aufnahmen von 1860 bis heute, von ersten keuschen Bildchen bis zum genitalen Fetisch.

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Deutsches Fotomuseum
Das deutsche Fotomuseum in Markkleeberg Bildrechte: Robert Geipel/ Deutsches Fotomuseum

Vieles ändert sich, und vieles bleibt sich gleich. Der Mann hat Lust und will, dass sie schön sei. Lüste und Ästhetik: Deshalb - jetzt wirklich die Kurzfassung - entstand so etwas wie die Aktfotografie. Die "Ästhetik der Lüste" im Fotomuseum Markkleeberg beginnt, wie es scheint, in dunkler Vorzeit. Einige der Fotos der Ausstellung sind älter als der Kaiser.

Eine nackte Frau liegt gefesselt.
Anonymus, um 1910 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum

"Das war eine Zeit, in der eine Frau keinen Arm gezeigt hat im öffentlichen Leben, in der man nicht einmal einen Knöchel sehen konnte", sagt Andreas J. Mueller, Direktor des Deutschen Fotomuseums. "Insofern hatte die Aktfotografie damals eine ungeheure Wirkung, tarnte sich übrigens als künstlerische Vorlagen für Maler und Grafiker."

Die Fotografie verrät viel über die Gesellschaft. Einerseits erfand man in Paris die Hysterie als die Krankheit der Frau, andererseits war ihre Nacktheit die französische "Pikanterie": Für die Zigarre im "chambre secrète", oder als Vergnügen der Zeit: im Varieté.

Die Wandervögel und der Drang zur Natur

Kurt Reichert, Diskuswerfer, um 1935
Kurt Reichert, Diskuswerfer, um 1935 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum

"Der Bruch fand eigentlich erst nach dem Ersten Weltkrieg statt, als die Moderne recht eigentlich begann", so Mueller. Damals habe die Wandervogel-Bewegung begonnen, die Menschen seien aus den Hinterhöfen gekommen und in die Natur gegangen, um sich auszuziehen.

Nacktheit wurde Avantgarde – und bald Training zum Tod. Die Nazis strapazierten den Körperkult der Naturisten bis zu den bekannten Extremen. Die "Körperkultur", die freilich auch das Aktbild prägt, wurde später gemildert und variiert, auch mit sozialistischen Vorzeichen.

Wirklich Neues entstand erst mit der sexuellen Revolution. Die Entblößung wandelte teils auf schmalem Grat: Junge Mädchen lockten Pädophile, und doch blickten die Modelle jetzt gewissermaßen selbst und zurück. Riskante Psychologie oder kriminell: Fotograf David Hamilton hat sich nach Missbrauchsvorwürfen umgebracht. Auch Männer kommen nun besser ins Bild, etwa bei Will McBride.

Bilder der Ausstellung "Die Ästhetik der Lüste"

Anonymus, Pikanterie, Paris, um 1860
Anonymus, Pikanterie, Paris, um 1860 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Anonymus, Pikanterie, Paris, um 1860
Anonymus, Pikanterie, Paris, um 1860 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Anonymus,  um 1895
Anonymus,  um 1895 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Anonymus, Schleietanz, um 1900
Anonymus, Schleietanz, um 1900 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Eine nackte Frau liegt gefesselt.
Anonymus, um 1910 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Sechs Frauen mit nackten Brüsten posieren.
Lea Hoffmann, Karima Ballett, Berlin, 1920 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Eine nackte Frau posiert in einem Garten.
Anonymus, um 1930 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Kurt Reichert, Diskuswerfer, um 1935
Kurt Reichert, Diskuswerfer, um 1935 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Anonymus, 1955
Anonymus, 1955 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Peter Langner, Petra, Leipzig, 1971
Peter Langner, Petra, Leipzig, 1971 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Aktfotografie
Lucien Clergue, Les Gèantes, Camargue, 1978 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Aktfotografie
Jeanloup Sieff, Portrait mit Gesichtsschleier, Paris, 1985 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Aktfotografie
Karin Székessy, Spielerin, 1997 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
Aktfotografie
Hermann Försterling, Torso, Eppingen, 2004 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum
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Später wurden auch nackte Männer abgelichtet

In der Ausstellung werden auch Fotos nackter Männer aus den 60er- und 70-Jahren gezeigt. "Das war noch einmal eine gefühlte Befreiung, wie es sicher auch in den 1920er-Jahren stattgefunden hat. Und in den 70er- und den 80er-Jahren war die Menschheit zumindest in unserem Kulturkreis ziemlich unvoreingenommen gegenüber dem nackten Körper", sagt Mueller.

Aktfotografie
Hermann Försterling, Torso, Eppingen, 2004 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum

Vergessen wir nicht, dass sich die Technik entwickelte. "Wenn Sonne lacht, nimm' Blende sieben oder zwölf" – die experimentelle Aktfotografie erfasst auch Amateure. In letzter Zeit müssen die Akte in der allgemeinen Enthüllung bestehen. "Wenn überall alles zugänglich ist, dann wird es für Fotografen oder für andere bildende Künstler viel schwieriger, noch aufregend zu sein, sowohl in erotischer Hinsicht als auch in ästhetischer Hinsicht", erklärt Mueller.

Die Markkleeberger Sammlung formuliert nicht den Kanon der Aktfotografie. Sie führt sehr gut vor, wie das Genre explodiert ist. Aktfotografie zelebriert genitale Fetische, sie entblößt bis zum Grund und verbirgt ihn doch mit ästhetischer Manier: Man muss irgendwie anders sein als der Pirelli-Kalender der doch schon hohe Fotografie sein soll.

Die Aktfotografie ist in den letzten Jahrzehnten kommerzialisiert worden, ein Instrument der Werbung geworden und im Massengeschmack irgendwo auch verelendet.

Andreas J. Mueller, Direktor des Deutschen Fotomuseums Markkleeberg

Wenn Aktbilder Geschichten erzählen

Freilich gibt es Auswege: Es werden Geschichten inszeniert, etwa von Karin Székessy, oder man geht gleich ins räudig-lustige Fach, wie der unübertreffliche Jan Saudek. Aus Leipzig selbst ist am besten Olaf Martens vertreten. Er begann auch schon in den 80er-Jahren, mit Schalk und Ernst das Genre zu sprengen. Ein burschikoser Gestus sagt: "Das ist alles echt hier."

Peter Langner, Petra, Leipzig, 1971
Peter Langner, Petra, Leipzig, 1971 Bildrechte: Deutsches Fotomuseum

"Die besten Bilder sind dann immer noch die ehrlichen, die das zeigen, was in der jeweiligen Generation gerade passiert", findet Mueller. "Zum Beispiel Tattoos am Körper, was wir ja auch zeigen, das ist ein gesellschaftliches Phänomen dergestalt, dass künftige Generationen wieder unsere Generation ganz klar verorten können über solche Bilder."

Von den frühen keuschen Bildchen her betrachtet: Die Moderne hat die Körper befreit, und die Kulturindustrie bedrängt sie. Doch von Adams Blicken auf Eva aus besehen: Die Moderne hat gar nichts verändert. Adam will einen Engel, und schön soll er auch noch sein. Doch Vorsicht vor den Engeln: Die sind nicht alle echt.

Angaben zur Ausstellung "Die Ästhetik der Lüste. Erotische Fotografien von den Anfängen bis heute"

16. August bis 30. Dezember 2019 im Deutschen Fotomuseum Markkleeberg

geöffnet Dienstags bis Sonntags von 13 bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 29. August 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2019, 04:00 Uhr

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