Max Frisch (1911-1991)
Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) Bildrechte: IMAGO

Empfehlung Max Frischs "Homo faber" als Hörbuch: "Berauschendes Ohrenkino"

Max Frischs Roman über eine schicksalhafte Begegnung mit tödlichem Ausgang war ein Bestseller. Allein die Zahl der im deutschsprachigen Raum verkauften Exemplare beläuft sich auf über vier Millionen. Das Buch wurde von Regisseur Volker Schlöndorff verfilmt und mehrfach für die Bühne adaptiert. Der Hessische Rundfunk produzierte 2018 ein Hörspiel, das auf dem Text basiert. "Homo faber" mit Matthias Brandt und Paula Beer ist ein Hörgenuss, meint unser Literaturkritiker.

von Ulf Heise, MDR KULTUR

Max Frisch (1911-1991)
Schriftsteller Max Frisch (1911-1991) Bildrechte: IMAGO

Volker Schlöndorff scheiterte an der Verfilmung von Max Frischs Roman "Homo faber", obwohl der plastische Stil des Werkes regelrecht zu einer Kinoproduktion einlud. Dem Hörspiel-Experten Heinz Sommer passierte ein solches Malheur nicht. Es glückte ihm, das vielschichtige und komplexe Buch in berauschendes Ohrenkino zu verwandeln. Seine Bearbeitung des Textes besticht durch eine ungeheure atmosphärische Dichte, die sich gleich anfangs niederschlägt, als der Hauptakteur Walter Faber während einer Dienstreise mit einem Flugzeug der Marke "Super Constellation" in der Wüste Mexikos abstürzt.

Subtile akustische Kulisse

Untermalt werden solche aufwühlenden, ja beklemmenden Szenen durch den enorm spannungsgeladenen Sound der Bigband des Hessischen Rundfunks, die Jörg Achim Keller leitet. Seine Kompositionen verkörpern die subtile akustische Kulisse des Hördramas, bei dem der mittlerweile fast schon legendäre Leonhard Koppelmann Regie führte. Er arrangierte auch heikle Momente der Handlung überzeugend. Dazu zählt Walter Fabers Liaison mit der erhebliche jüngeren Elisabeth, die sich an Bord eines Schiffes entspinnt, das nach Europa fährt.

Hervorragend: Matthias Brandt und Paula Beer

Das Audiospektakel lehnt sich an die Ödipus-Sage an, denn Elisabeth entpuppt sich als Tochter von Walter Faber. Doch das erfährt der Ingenieur erst, nachdem er mit ihr geschlafen hat. Matthias Brandt und Paula Beer füllen die Rollen des charakterlich verschiedenen Paares hervorragend aus. Er präsentiert sich jovial als abgeklärter Kenner der Welt, sie mimt glänzend die nach Leben dürstende 30-jährige Frau. Beide touren durch Frankreich und Italien. In Griechenland wird Elisabeth von einer Schlange gebissen, wobei sich das Geschehen zuspitzt.

Fast mutet es wie eine Strafe für den Inzest an, dass Walter Faber an Krebs erkrankt. Im Finale, das sich in einer Klinik ereignet, redet er mit seiner Jugendliebe Hanna, die zugleich Elisabeths Mutter ist, über sein drohendes Ende.

Sternstunde der Hörspielkunst

Heinz Sommer betont in seiner Adaption von Max Frischs Bestseller dessen autobiografische Aspekte nicht über Gebühr, auf der anderen Seite aber blendet er sie auch nicht aus. Dieser geschickte Balanceakt macht seine Radioversion des inzwischen klassischen Romans zu einer Sternstunde der Hörspielkunst.

Sommer ist seit 1995 Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks (HR). Beim Hörverlag sind auch seine Hörspielfassungen der Romane "Leo Kaplan" von Leon de Winter, "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" von Jonas Jonasson, "Die Schatzinsel" von Robert Louis Stevenson und "Siddhartha" von Hermann Hesse unter der Regie Leonhard Koppelmanns erschienen. 

Koppelmann ist seit 1996 freier Hörspiel- und Theaterregisseur, er schuf bereits mehr als 200 Hörspiele, oft nach Roman-Vorlagen, darunter "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" von Jules Verne, "Baudolino" von Umberto Eco, "Die Forsyte-Saga" von John Galsworthy und – hochgelobt – "Wassermusik" von T. C. Boyle und "Doktor Faustus" von Thomas Mann, die ebenfalls alle im Hörverlag erschienen.

Über Max Frisch Max Frisch, 1911 in Zürich geboren, studierte zunächst Germanistik in Zürich, später Architektur, von 1943 bis 1955 betrieb er sein eigenes Architekturbüro. Zugleich setzte er seine schriftstellerische Tätigkeit fort.

1950 erschien sein "Tagebuch 1946-1949" beim neugegründeten Suhrkamp Verlag. Der Durchbruch gelang ihm 1954 mit seinem Roman "Stiller", es folgten "Homo Faber" und "Mein Name sei Gantenbein". Darüber hinaus feierte er Erfolge mit Bühnenstücken wie "Biedermann und die Brandstifter" oder "Andorra". 1972 erschien sein "Zweites Tagebuch 1966 – 1971". In den 70er-Jahren  entstanden seine Erzählungen "Montauk" (1975) und "Der Mensch im Holozän" (1979). 1982 erschien seine letzte: "Blaubart".

Max Frisch wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Georg-Büchner-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er starb am 4. April 1991 in Zürich.

Angaben zum Hörbuch Max Frisch: Homo faber
Hörspiel mit Musik-CD der HR Bigband
Mit Matthias Brandt, Eva Mattes, Paula Beer u.a.

Bearbeitet von Heinz Sommer
Regie: Leonhard Koppelmann
Hörbuch CD, 6 CDs, Laufzeit: 7 h 11 min
ISBN: 978-3-8445-2976-0

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2019, 04:00 Uhr