Meisterwerke von Van Eyck bis Carlfriedrich Claus Jubiläumsschau im Dresdner Kupferstich-Kabinett – Das sind die Highlights

Es ist das älteste Spezialmuseum für Kunst auf Papier im deutschsprachigen Raum. Nicht nur Werke der Druckgrafik und Zeichnungen, sondern auch Fotografien werden dort bewahrt. Jetzt feiert das Dresdner Kupferstich-Kabinett mit der Sonderschau "300 Jahre Sammeln in der Gegenwart" Jubiläum. Zu sehen sind ab Freitag 200 Schätze aus der rund 500.000 Werke umfassenden Sammlung, Blätter von Albrecht Dürer oder Lucas Cranach, aber auch Arbeiten von Pablo Picasso oder Gerhard Richter. Und: Mit Jan van Eycks "Bildnis eines älteren Mannes" ausnahmsweise auch die Ikone, die fast nie aus dem Depot geholt wird. Ein Blick auf die Highlights ...

Das Residenzschloss in Dresden am Abend.
2020 feiert das Kupferstich-Kabinett im Dresdner Residenzschloss 300. Geburtstag. Bildrechte: dpa

Jan van Eyck: Bildnis eines älteren Mannes, um 1435/40

Jan van Eyck: Bildnis eines älteren Mannes, um 1435/40 Silber- und Goldstift auf weiß grundiertem Papier, 214 x180 mm
Die einzige Zeichnung Jan van Eycks: "Bildnis eines älteren Mannes" als Herzstück der Sammlung Bildrechte: © Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank

Jan van Eyck (Maaseik bei Maastricht um 1390-1441 Brügge) gehört zu den Ausnahmekünstlern des Spätmittelalters nördlich der Alpen. Er schuf – wahrscheinlich mit seinem Bruder – den berühmten Genter Altar. In der Dresdner Galerie Alte Meister ist sein Marienaltar zu sehen, ein leuchtendes Kleinod der Malkunst. Die um 1435 mit Silber- und Goldstift ausgeführte Zeichnung zeigt einen älteren Mann, leicht nach links geneigt. Seine Physiognomie ist präzise erfasst: die Falten an Hals und Wangen, die in die Ferne gerichteten Augen, der weiche geschlossene Mund. Das Gewand ist nur angedeutet.

Wer der Dargestellte eigentlich ist, darüber wurde lange gestritten. Aber die Annahme, dass es sich um Kardinal Niccolò Albergati handelt, wird heute kaum noch geteilt. Die Zeichnung ist eine Vorstudie zu einem Porträtgemälde, das zum Bestand des Kunsthistorischen Museums Wien gehört. Offenbar ist zwischen der Zeichnung nach einer Sitzung mit dem Modell und der Ausführung des Gemäldes eine gewisse Zeit verstrichen. Van Eyck hat deshalb die Farbwerte direkt auf das Blatt notiert: eine heute fast erloschene Schrift, die mühevoll entziffert wurde. Die intime Zeichnung ist ein Meilenstein bei der Darstellung des Individuums – und die einzige erhaltene, die dem flämischen Meister sicher zuzuschreiben ist.

Giovanni Battista Piranesi: Die Zugbrücke, 1750

Giovanni Battista Piranesi: Die Zugbrücke, aus der Folge "Invenzioni Capric di Carceri", 1750 Radierung mit Kupferstich, 551 x 410 mm
Giovanni Battista Piranesi: Die Zugbrücke, 1750 Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen / © Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Andreas Diesend

Der vom Umfang her größte Bestand des Kupferstich-Kabinetts ist die Druckgrafik, sie macht in Dresden  heute etwa vier Fünftel von rund 500.000 Werken aus. Ein hervorragendes Beispiel für technische Brillanz und Einfallsreichtum ist das Blatt "Die Zugbrücke" aus der Folge Invenzioni Capric di Carceri von Giovanni Battista Piranesi (Venedig oder Umgebung 1720-1778 Rom). Die 13 Bildtafeln und ein Titelblatt umfassende Serie erschien 1750 in Rom.

Geboren als Sohn eines Steinmetzen war die Ausbildung bei seinem Onkel, Architekt und Ingenieur in Venedig, für seinen weiteren Lebensweg und seine Kunst entscheidend. Zeitweise arbeitete Piranesi auch in der Werkstatt des berühmten Giovanni Battista Tiepolo. In seinen Phantasie-Veduten stellt Piranesi unheimliche, gefängnisartige Räume mit verwinkelten Treppen, düsteren Gewölben, mächtigen Pfeilern, Zugbrücken und rätselhaften Winden dar. Menschen sind nur als diffuse kleine Gestalten anwesend. Ob sie Gefangene sind oder diese Räume beherrschen, bleibt vage. Trotzdem wirkt das Blatt hell und licht. Erst in einer überarbeiteten Fassung, die der Künstler 1761 in Rom selbst herausgab, bewirkt die enge dunkle Strichlage, dass Düsternis und Bedrohung die Oberhand gewinnen.

Ob es sich bei den "Carceri" um reine Studien handelt oder um Entwürfe für Bühnenbilder oder Illustrationen, darüber wurde viel diskutiert. Man kann sich gut vorstellen, dass seine Groteskräume für Szenografen beim Film oder für das Theater Vorbilder waren. Noch zu Lebzeiten Piranesis kam die Folge ins Dresdner Kupferstich-Kabinett. Giovanni Battista Casanova, später Direktor der Dresdner Kunstakademie, verkaufte einen Satz sämtlicher bis dahin veröffentlichter Radierungen Piranesis an die Sammlung. Leider sind einige der Blätter Kriegsverluste. 

Suzuki Harunobu: Abschied, um 1768

Suzuki Harunobu (Edo, heute Tokio 1725-1770 Präfektur Edo) ist einer der Meister des frühen japanischen Farbholzschnittes. Die Herstellung war ein komplizierter arbeitsteiliger Prozess, bei dem Maler, Stecher, Drucker und Verleger zusammenarbeiteten. Mit der Abschiedsszene eines Paares, einer Kurtisane und ihres Geliebten, ist ein typisches Thema des japanischen Farbholzschnittes gewählt. Ukiyo – so nennt die japanische Poesie die vergänglichen, irdischen, nichtigen Welten-Dinge. Ukiyo-e heißen die Bilder, die diese Welt beschreiben.

Nach Europa gelangten der Farbholzschnitt erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, als Japan gezwungen wurde, seine Abschottung von der übrigen Welt aufzugeben. Künstler wie Manet, van Gogh, später Toulouse-Lautrec waren fasziniert von der lichten Farbigkeit und der flächigen Komposition. Das Kupferstich-Kabinett besitzt eine Sammlung von rund 7.000 japanischen Farbholzschnitten, maßgeblich initiiert von Woldemar von Seidlitz, von dem auch die erste wissenschaftliche Darstellung stammt. Auch das Blatt "Abschied" kam 1899 als Schenkung von ihm in das Kupferstich-Kabinett.

Käthe Kollwitz: Ende, 1897

Mit dem "Weberaufstand" gelang Käthe Kollwitz 1898 der künstlerische Durchbruch. Unter dem Eindruck von Gerhart Hauptmanns Drama, in dem er das Schicksal der schlesischen Weber und ihren Aufstand 1844 zum Thema machte, gestaltete sie sechs Blätter. Das letzte, eine Radierung, zeigt das Ende der blutig niedergeschlagenen Revolte. Bereits die Vorzeichnung von Käthe Kollwitz (Königsberg 1867-1945 Moritzburg bei Dresden) dazu ist virtuos. Allerdings hält die stehende Frau hier ihre Hände noch resignativ vor dem Körper verschränkt. Eine Detailstudie am unteren Blattrand – zwei zur Faust geballte Hände – verweist jedoch schon auf den inhaltlichen Unterschied zur endgültigen Fassung, wo die Frau mit dieser kämpferischen Geste abgebildet ist.

Während die Vorzeichnung erst 1918 ins Dresdner Kupferstich-Kabinett gelangte, erwarb man den Bilderzyklus bereits 1899 und legte damit den Grundstein für die umfangreiche Kollwitz-Sammlung des Hauses.

Charlotte Rudolph: Gret Palucca mit doppeltem Schatten, 1925

Charlotte Rudolph (Dresden 1896-1983 Hamburg) gilt als Pionierin der modernen Tanzfotografie. Sie bildete die Tänzerinnen nicht mehr in einer starren Pose ab, sondern fing sie mit ihrer Kamera in Aktion ein. 1925 fotografierte sie Gret Palucca, wie sie einen raumgreifenden Schritt vollführt. Dieser Schritt manifestiert sich grafisch in einem doppelten Schatten an der Wand, der die Bewegung zur Zeichnung im Raum werden lässt. Mehrere solcher "tänzerischen Lichtbilder" entstanden damals in Charlotte Rudolphs Studio für Tanzfotografie in Dresden – und sie beförderten die Karriere beider Frauen.

Carlfriedrich Claus: Kybernetische Reflexion, 1963

Experimentelle Existenz in experimenteller Arbeit – so beschrieb der aus Annaberg stammende Künstler seine Sprachblätter, die er vom Ende der 1950er-Jahre bis 1989 schuf. Sie sind Teil eines außergewöhnlichen Werkes, das in Abgeschiedenheit und Stille entstand und im Grenzbereich von Literatur und Bildender Kunst angesiedelt ist.

Auf dem frühen Blatt "Kybernetische Reflexion" nutzt der Dichter-Zeichner ein halbtransparentes Papier und schreibt auf beiden Seiten teils lesbare, teils sich in Zeichen auflösende Zeilen spinnennetzartig über die ganze Fläche. Er gebrauchte dabei sowohl die rechte, routinierte Hand als auch die ungelenke Linke, um – wie er hoffte – auch Unbewusstes sichtbar machen zu können. Die Kybernetik war in der DDR der 1960iger-Jahre von einer zunächst verteufelten obskuren Pseudowissenschaft der westlichen Moderne zu einem Hoffnungsträger beim Aufbau des "Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung" umbewertet worden.   

Die DDR versagte Carlfriedrich Claus bis 1975 die existenziell wichtige Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler. Lange konnte er seine Werke nur in privat organisierten Ausstellungen zeigen. Autoren der Konkreten Poesie wie Franz Mon, Verleger wie Klaus Ramm, Gerhard Wolf und Rudolf Mayer, vor allem Werner Schmidt, der langjährige Direktor des Dresdner Kupferstich-Kabinetts (1959–1989,  danach Generaldirektor der SKD) setzten sich für das Werk von Carlfriedrich Claus (Annaberg 1930-1998 Chemnitz) ein. Heute genießt es große internationale Anerkennung. 

Monika Grzymala: "Raumzeichnung (stop motion)", 2020

Mit ihren handgemachten, modellierten Papierbändern, die sich entlang eines Netzes aus dünnen Angelschnüren durch den Raum hangeln, verlässt Monika Gzymala die zweidimensionale Fläche des Blattes und öffnet den Blick für die Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten, für die Schönheit und Lebendigkeit von Papier.

Die 1970 geborene, polnisch-deutsche Installationskünstlerin interpretiert die Zeichnung als raumgreifende Skulptur, bei der die Linie in die Dreidimensionalität überführt wird. Grzymalas temporäre Intervention "Raumzeichnung (stop motion)", die eigens für den Kleinen Schlosshof des Residenzschlosses konzipiert wurde, ist demnach auch als Verweis auf das Dresdner Kupferstich-Kabinett und dessen Sammlung von Meisterwerke auf Papier zu verstehen. So lädt die Installation zur Auseinandersetzung mit dem Medium Zeichnung ein.

Monika Grzymala, Raumzeichnung (Stop Motion), Installation, 2020  Quelle / Rechte: Staatliche Kunstsammlungen / © Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden Bis 14. September 2020 ausstellungsbezogen  Danke & Grüße Katrin 0174 / 306 2345
Monika Grzymala: "Raumzeichnung (stop motion)", 2020, im Innenhof des Schlosses Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen / © Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Angaben zur Ausstellung 300 Jahre Sammeln in der Gegenwart
12.06.2020—14.09.2020
Residenzschloss Dresden
Taschenberg 2
01067 Dresden

Öffnungszeiten
Täglich 11—17 Uhr, Dienstag geschlossen, Freitag 17—20 Uhr

Anlässlich der Eröffnung werden Künstlergespräche mit Monika Grzymala (Fr, 12. Juni 2020, 15 Uhr) und mit Ines Beyer (Sa, 13. Juni 2020, 12 Uhr) sowie Rundgänge durch die Ausstellung und im Studiolo aufgezeichnet und können auf der Website sowie auf Instagram verfolgt werden. Auch ein Konzert am Abend, bei dem Scotty Böttcher zu einem Bilderreigen aus der Geschichte des Kupferstich-Kabinetts improvisiert, kann auf Instagram verfolgt werden.

Ein Prolog widmet sich den Anfängen des Grafiksammelns in der Kunstkammer der sächsischen Kurfürsten zwischen 1560 und 1720. Im Kleinen Schlosshof empfängt die raumgreifende Installation von Monika Grzymala. Die Hauptausstellung zeigt mehr als 200 Werke. In der "Schatzkammer" sind Meisterzeichnungen vom 15. Jahrhundert bis heute in einem dreiwöchentlichen Wechsel zu entdecken. Gleich zu Beginn und für kurze Zeit eine der Ikonen des Kupferstich-Kabinetts – die einzige Zeichnung des Jan van Eyck: "Bildnis eines älteren Mannes".

Wie mehrfach erprobt, stehen auch zur Jubiläumsausstellung am Wochenende so genannte Speakerinnen für Einzelgespräche und Fragen zur Verfügung.

Audio-Serie zum Kupferstich-Kabinett-Jubiläum

Die wichtigsten Werke der Ausstellung

Jan van Eyck: Bildnis eines älteren Mannes, um 1435/40 Silber- und Goldstift auf weiß grundiertem Papier, 214 x180 mm
Bildrechte: © Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Herbert Boswank

Am Donnerstag wird das Kupferstich-Kabinett Dresden wiedereröffnet. Sehenswert ist u.a. die weltweit einzige erhaltene Zeichnung Jan van Eycks (um 1435) – mit das Kostbarste, was ein Museum bieten kann. Von Birgit Fritz.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 08.06.2020 06:00Uhr 04:06 min

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Als erstes Museum nahm das Kupferstich-Kabinett Fotografien in die Sammlung auf. Grit Krause über ein Bild, das für Furore sorgte und die Karriere von Fotografin Charlotte Rudolph und Tänzerin Gret Palucca beflügelte.

MDR KULTUR - Das Radio Di 09.06.2020 06:00Uhr 03:47 min

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Suzuki Harunobu (Edo, heute Tokio 1725-1770 Präfektur Edo) ist einer der Meister des frühen japanischen Farbholzschnittes. Nach Europa gelangten der Farbholzschnitt erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts.

MDR KULTUR - Das Radio Do 11.06.2020 12:00Uhr 04:06 min

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Auswahl: Birgit Fritz, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin für Sachsen / Grit Krause, MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juni 2020 | 06:15 Uhr