The Milk Carton Kids
Das kalifornische Dou The Milk Carton Kids macht harmonischen Indie-Folk. Bildrechte: Joshua Black Wilkins

Albumempfehlung The Milk Carton Kids klingen wie Simon und Garfunkel

The Milk Carton Kids machen berührend harmonischen Indie-Folk. Ihrem neuen Album haben sie den langen Namen "All The Things That I Did and All The Things That I Didn't Do" verpasst. Dabei knüpfen sie an den Harmoniegesang der 70er-Jahre an, das erinnert an die Everly Brothers oder Simon und Garfunkel.

The Milk Carton Kids
Das kalifornische Dou The Milk Carton Kids macht harmonischen Indie-Folk. Bildrechte: Joshua Black Wilkins

MDR KULTUR: "All The Things That I Did and All The Things That I Didn't Do" – klingt nach einem Resümee, einem Überblick über Dinge, die jemand getan hat oder auch nicht – es ist aber ein Albumtitel. Die Band, die sich diesen langen Titel ausgedacht heißt fast noch besser als der Titel: "The Milk Carton Kids" – wer verbirgt sich dahinter?

MDR KULTUR-Musikkritikerin Heidi Eichenberg: Die Milk Carton Kids sind ein Indie-Folk-Duo aus Kalifornien, Kenneth Pattengale und Joey Ryan haben sich quasi in einem Wohnzimmer formiert – nachdem die Solokarrieren nicht so gut gelaufen waren – und mit Gitarren und Stimmen neue Songs ausprobiert.

Und wie kommt man auf die Idee, sich dann "The Milk Carton Kids" zu nennen?

Da spielt wohl eine nationale Kampagne in den USA eine Rolle: Nachdem in den 70er- und 80er-Jahren viele Kinder einfach auf dem Weg zur Schule oder nach Hause verschwanden und vermisst wurden, rief der damalige Präsident Reagan einen "National Missing Children's Day" aus, 1984 wurde außerdem ein Zentrum für vermisste Kinder gegründet.

In der Folge begann man die Gesichter der vermissten Kinder auf alle möglichen Verpackungen zu drucken, Pizza-Schachteln und eben auch Milchkartons. Natürlich, um möglicherweise Kinder wiederzufinden, aber auch die Gefahr die von Fremden ausgehen könnte, wurde durch Milchkartons täglich ins Bewusstsein der Kinder transportiert.

2011 fanden sich die beiden Musiker also zusammen, um eine gemeinsame Karriere als Folk Duo zu starten.

Das Ergebnis ihres ersten Versuchs fanden sie am Anfang selbst übrigens auch nicht so toll, aber inzwischen muss man feststellen, dass das eine ganz gute Idee war, denn sie sind damit außerordentlich erfolgreich geworden. Sie haben z.B. neben Joan Baez, Gilian Welch, den Punch Brothers und anderen in einer Konzertfilm-Dokumentation der Coen Brothers mitgewirkt, ihr Album "The Ash and Clay" wurde 2013 für den Grammy als bestes Folkalbum nominiert. Ihr aktuelles Album ist das fünfte in einer Reihe von traditionsbewusstem Americana-Sound und American Songbook-Feeling.

Auf die Klassiker des American Songbook berufen sich ja viele, gerade auch jüngere Singer-Songwriter, was ist denn das Besondere, das die "Milk Carton Kids" musikalisch anzubieten haben?

Sie sind natürlich auch die Protagonisten einer starken Welle, die dem erzkonservativen Country, der sich rudimentär in der Pop und Rockmusik wiederfindet, ein junges und modernes Genre entgegensetzen: Americana gibt dem ursprünglichen Country, der seine Identität ein Stück weit verloren hat, Authentizität und Strahlkraft zurück, über Amerika hinaus. Die Milk Carton Kids knüpfen darüber hinaus auch noch an den Harmoniegesang der 70er-Jahre an. Da liegt also durchaus ein historischer Faden zu den Everly Brothers und besonders zu Simon und Garfunkel, die diesen zweistimmigen Gesang zu einem Erfolgsmodell gemacht haben.

Die Leute vergleichen uns mit Simon und Garfunkel, aber das ist nun mal Harmony Folk, und man kann das Rad eben nicht neu erfinden und deshalb klingen wir natürlich einerseits wie Simon und Garfunkel, andererseits wiederum aber nicht.

The Milk Carton Kids

Und neben dem wohlklingenden, abgestimmten  Harmoniegesang gibt es doch sicherlich noch andere erwähnenswerte Attribute auf dem neuen Album?

Seit dem letzten Album "Monterey" von 2015 ist bei dem produktiven Duo Einiges passiert, Ryan ist Vater von zwei Kindern, Pattengale hat seine Beziehung nach sieben Jahren beendet und eine Krebserkrankung überstanden, so wurde das neue Album auch zu einem sehr persönlichen, das Themen wie den Tod, Verlust oder auch die Verunsicherung angesichts der deprimierenden nationalen Lage in den USA auf der Agenda hat. Darüber hinaus haben die beiden ihr Spektrum auch musikalisch erweitert: Die beiden akustischen Gitarren bekommen Verstärkung von zauberhaften Klarinetten, Fiddle und Mandoline zum Beispiel. Insgesamt sind hier die begnadetsten Sessionmusiker der Nashville-Fraktion am Start, Profis, die schon bei Gregg Allman, Johnny Cash, aber auch bei Musikern wie Elton John und Alison Krauss die Songs veredelt haben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Album der Wochw | 09. Juli 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2018, 15:11 Uhr

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