Szene aus Moses und Aron an der Semperoper in Dresden
Regisseur Calixto Bieito stellt ein nacktes Cyber-Paar auf die Bühne, deutet Obsessionen an, Zügellosigkeiten, von denen Moses, als er nach 40 Tagen endlich mit den Gesetzestafeln zurückkehrt, entsetzt ist. Lance Ryan (Aaron) und Christa Mayer (Eine Kranke) mit Komparsen in der Inszenierung von "Moses und Aaron". Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Premiere Semperoper Dresden: Mit Schönbergs "Moses und Aaron" in die neue Spielzeit

Wenn Amtsantritt und Spielzeiteröffnung zusammenfallen, sind die Erwartungen besonders hoch. Wenn Regisseur Calixto Bieito eine Oper wie Schönbergs "Moses und Aaron" inszeniert, auch. Wer kann, sollte sich diese Inszenierung nicht entgehen lassen, sagt unser Kritiker nach der Premiere am Samstag.

von Michael Ernst, MDR KULTUR-Opernkritiker

Szene aus Moses und Aron an der Semperoper in Dresden
Regisseur Calixto Bieito stellt ein nacktes Cyber-Paar auf die Bühne, deutet Obsessionen an, Zügellosigkeiten, von denen Moses, als er nach 40 Tagen endlich mit den Gesetzestafeln zurückkehrt, entsetzt ist. Lance Ryan (Aaron) und Christa Mayer (Eine Kranke) mit Komparsen in der Inszenierung von "Moses und Aaron". Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Fünfzehn Minuten Premierenapplaus - für Dresdner Verhältnisse ist das ein deutliches Zeichen: Der Amtsantritt von Intendant Peter Theiler und die Eröffnung der neuen Spielzeit an der Dresdner Semperoper fielen zusammen. Die Erwartungen waren groß, zumal Theiler mit Schönbergs Oper "Moses und Aaron" in mehrfacher Hinsicht ein Risiko einging:

Zum einen gilt Schönbergs Zwölftonmusik bei manchen Leuten heute noch als modern, schräg und schwer konsumierbar. Zum anderen ist diese Oper musikalisch so anspruchsvoll, dass man ihr hinsichtlich Besetzung, Chor und Orchester auch gewachsen sein muss. Zuguterletzt setzte Peter Theiler mit dem spanischen Regisseur Calixto Bieito auf einen vermeintlichen Skandaleur. Das war schon ein Wagnis, zumal im eher traditionshörigen Dresden.

Souveräne und aktuelle Auslegung des Stoffes

Szene aus Moses und Aron an der Semperoper in Dresden
"Eine Welt aus Schwarz-Weiß" Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Aber Bieito geht ganz und gar souverän mit Schönbergs Werk um. Er hat diese Oper, in der es um die Auslegung des wahren Glaubens geht, seinerseits gedeutet und ausgelegt. Er hat die Verführbarkeit des Volkes, dessen Sehnsucht nach einer starken Hand, einem "Führer", und nach Symbolen ausgelotet. Da kann Moses noch so sehr vom Einzigen, Ewigen, Allgegenwärtigen, Unsichtbaren und Unvorstellbaren künden - das Volk, die Masse, will sich ein Bild machen. Und Aron, der dem Gottesfürchtigen quasi ein Sprachrohr sein soll, sorgt für diese Bilder.

Calixto Bieito hat sie mit seinem Team Rebecca Ringst und Ingo Krügler in eine Bretterlandschaft gestellt. Eine Welt aus Schwarz-Weiß, in der die Leute überwiegend in Arbeitsklamotten unterwegs sind. Aber wie diese Massen geführt werden - immerhin agieren ja vier Chöre - das ist ganz große Kunst. Da werden Individuen zum Corpus ent-individualisiert. Da wird aber auch das Publikum mit einbezogen, indem schon in der Eingangsszene mit den Stimmen aus dem Dornbusch, die Moses zu hören vermeint, die Chöre auf der Bühne und ringsum im Saal verteilt sind, das Auditorium also mittendrin ist.

Und wenn es dann zum Tanz um das Goldene Kalb kommt, was ja in dieser Oper immer wieder eine Schlüsselszene darstellt, dann bricht das Schwarz-Weiß plötzlich in einer Farbigkeit auf, die den Blick in die Zukunft, in die Verheißung suggerieren soll.

Calixto Bieito
Der spanische Regisseur Calixto Bieito Bildrechte: dpa

Bieito stellt ein nacktes Cyber-Paar auf die Bühne, deutet Obsessionen an, Zügellosigkeiten, von denen Moses, als er nach 40 Tagen endlich mit den Gesetzestafeln zurückkehrt, entsetzt ist. Er setzt auf absoluten, auf bedingungslosen Glauben, während Aron teilweise laviert und überwiegend ein Plädoyer auf die wissenden Menschen ausspricht.

Trotzdem ist gleich darauf alles wieder schwarz-weiß, die Wolkensäule, mit der Aron das Volk nun hinwegführt - oder wieder verführt -, wird durch eine Baggerschaufel voller Steinschutt ausgelöst, die sich auf die offene Bühne ergießt.

Solisten und Chöre: Grandios

Für die meisten Leute im Premierenpublikum war Schönbergs Opernfragment sicher kein Schocker mehr. Es begegnete der Aufführung mit großem Interesse und Offenheit. Aber auch mit Anspruch. Und dem wurden die Protagonisten allesamt bestens gerecht. John Tomlinson als Moses war grandios, geradezu betörend mit seiner exakt notierten Sprecherrolle. Ein Fanatiker des Glaubens, der zum Schluss - "O Wort, du Wort, das mir fehlt" stanzt er verzweifelt ins Publikum - an seinem eigenen Bekehrungsanspruch verzweifelt. Lance Ryan als Aron war da wesentlich aaliger, er passte sich in Spiel und Gesang den Gegebenheiten an, glänzte mit schneidigen Tönen, war auch perfekt im Piano und ganz der Diplomat vom Dienst.

Szene aus Moses und Aron an der Semperoper in Dresden
Lance Ryan als Aaron mit dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden, Sinfoniechor Dresden, dem Extrachor der Semperoper Dresden und dem Vocalconsort Berlin Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Die dritte Hauptrolle kommt in dieser Oper wohl den Chören zu - mehr als 100 Kinder, Männer und Frauen wirkten da mit. Neben dem Staatsopernchor das Vocalconsort Berlin, der Extrachor sowie der Kinderchor der Semperoper. Was in deren Reihen geleistet wurde, war schlicht überwältigend sowohl in der Darstellung als auch im Gesang. Und den musikalischen Teppich für das alles hat die Sächsische Staatskapelle unter der musikalischen Leitung von Alan Gilbert ausgerollt - eine wirklich sinnliche Erfahrung dieser schroffen Partitur.

Unbedingte Empfehlung

Wer die Aufführung sehen möchte, muss sich allerdings rasch um Karten für diese Neuproduktion der Semperoper bemühen. Nur vier sind angesetzt. Das war zu Zeiten von Harry Kupfer anders, der Regisseur brachte 1975 die DDR-Erstaufführung von "Moses und Aron" in Dresden auf die Bühne. Wer seinerzeit mit dabeigewesen ist, schwärmt heute noch davon - damals gab es sage und schreibe 39 Aufführungen.

Service-Infos Weitere Aufführungen von "Moses und Aaron" in der Regie von Calixto Bieito an der Semperoper Dresden:

03.10., 06.10., 10.10., 15.10.2018

Zudem hat das Haus als Begleitveranstaltung ein sogenanntes "Aktenzeichen" vorbereitet:
Am 1. Oktober gibt es im Historischen Archiv der Sächsischen Staatstheater Einblicke in die als legendär beschriebene Kupfer-Inszenierung von 1975.

Mehr Premieren zur neuen Spielzeit

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 30. September 2018 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2018, 13:59 Uhr

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