Darsteller mit Blumenkränzen im Haar sitzen auf einer Picknickdecke
Premiere von "Das Lächeln einer Sommernacht" war am 7. Dezember 2018. Bildrechte: Peter Awtukowitsch

Musicalpremiere Ein Hauch von Broadway in Zwickau?

"A Little Night Music" oder auf deutsch "Das Lächeln einer Sommernacht": Hinter diesem Musical steht Stephen Sondheim, der große alte Mann des Genres, dessen Karriere mit dem Text zu Leonhard Bernsteins "West Side Story" begann. Das Theater Plauen-Zwickau hat seine "Sommernacht" nun auf die Bühne gebracht - und dabei leider viele Chancen verschenkt.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Darsteller mit Blumenkränzen im Haar sitzen auf einer Picknickdecke
Premiere von "Das Lächeln einer Sommernacht" war am 7. Dezember 2018. Bildrechte: Peter Awtukowitsch

Wenn das Wort "Sommernacht" ins Spiel kommt, sind wir natürlich sofort bei Shakespeare und seinem nächtlich-erotischen Verwirrspiel, das ja immer wieder Künstlerkollegen aller Genres zu eigenen Werken angeregt hat, in der Musik, im Ballett oder auch im Film. Dem Regisseur Ingmar Bergmann hat seine Shakespeare-inspirierte Gesellschaftskomödie namens "Das Lächeln einer Sommernacht" in den 1960er Jahren den internationalen Durchbruch verschafft. Stephen Sondheim hat sich 1973 wiederum von diesem Film zu seinem Musical inspirieren lassen. Das dann wiederum 1977 mit Elizabeth Taylor verfilmt wurde. An dieser Wertschöpfungskette partizipiert auch das deutsche Stadt- und Staatstheater gerne - und aktuell ist Zwickau dran. 

Musikalisch vielfältig

Wir sind nicht in einem Athener Sommerwald der Antike, sondern in einer schwedischen Mittsommernacht um 1900. Und erleben, wie in zwei Akten das in Schieflage geratene Beziehungsgeflecht einer gutbürgerlichen Gesellschaft so durcheinandergewirbelt und schlussendlich neu gefügt wird, dass alle einigermaßen glücklich weitermachen können oder diese Erde mit einem gewissen Gefühl der Zufriedenheit verlassen dürfen.

Man nehme ein bisschen Shakespeare, ein Prise Strindberg und natürlich ganz viel Bergmann. Und rühre dass mit einem musikalischen Mix an, der gar nicht so sehr nach Musical klingt. Der Sound nimmt deutliche Anleihen an europäischer Sinfonik des 19. Jahrhunderts, das operetett mitunter und scheut sich auch nicht bei Kurt Weill zu plündern. Aber es gibt gerade am Schluss schon auch noch diesen typischen Musical-Sound.

Chancen vertan

Ein Darsteller spielt Cello
Szene aus "Das Lächeln einer Sommernacht". Bildrechte: Peter Awtukowitsch

Doch was erfolgsversprechend klingt, endet in Zwickau leider etwas anders. Steilvorlagen, dass kennen wir vom Fußball, können eben auch mal ins Aus gehen. Und das war gestern Abend in eindrucksvoller Länge von fast drei Stunden zu erleben oder eher zu erleiden. So  muss man es einfach sagen. Obwohl der betriebene Aufwand immens war, ist kein guter Abend dabei herausgekommen.

Das lag zum einen ganz klar an der Regie: Jürgen Pöckel traut sich nicht, die ästhetischen Grenzen der guten deutschen Operette zu überschreiten. Nur – Sondheim hat hier doch keinen Naturalismus von vor 100 Jahren im Kopf gehabt! Das ist nur das äußere Material, mit dem gespielt werden muss. Hier ist Ironie gefragt, Spielfreude, gegen den Strich bürsten. Doch das kommt alles nicht vor, über weite Strecken erlebte man biederstes Singspiel.

Das verwundert. Denn das halbe Ensemble, das auf der Bühne steht, sind Gäste. Man könnte also welche einladen, die Musical können. Aber nein, da wird gekünstelt gesprochen, das es eine Unart ist, kein ehrlicher Ton. Okay, denkt man sich, dann aber richtig überziehen, ins Groteske herein. Doch das trauen sich die Darsteller auch nicht. Man bekommt schlicht den Eindruck: Die spielen nicht Musical, die tun nur so. Alles wird bloß angedeutet, nicht in die ehrliche Tiefe gegangen. Und so wird es belanglos, lang und langweilig.

Musik aus dem Himmel

Interessanter geht man mit der Musik um. Gespielt wird im Malsaal, einer Ausweichspielstätte, weil das eigentliche Theater saniert wird. Das ist ein nüchterner Werkstattraum, in den man eine Guckkastenbühne gestellt hat, davor Platz für rund 100 Zuschauer – aber nicht fürs Orchester. Das sitzt über den Zuschauern im Rang. Der Sound kommt also nicht aus dem Graben, sondern eher aus dem Himmel, von oben. Der Gesang währenddessen frontal von vorn. 

Das funktioniert akustisch gut. Alle singen mit Mikroport, wobei man sich in diesem kleinen Raum und dieser akustischen Konzeption fragt, muss das überhaupt sein? Wenn ein Sänger fünf Meter vor mir agiert und ich höre ihn aus der Anlage, nimmt das viel von der Wirkung. Aber das ist dem Theater wohl nicht mehr auszutreiben.  

Glänzende Leistung

Eine Darstellerin sitzt auf grünem Kunstrasen
Johanna Brault auf der Bühne. Bildrechte: Peter Awtukowitsch

Zum Glück gibt es in diesem Stück dann aber doch noch zwei Hoffnungsträgerinnen. Das ist zum einen Sandrine Guirad, eine Schauspielerin, die lange in Plauen-Zwickau engagiert war und seit einigen Jahren frei agiert. Sie spielt die gewissermaßen zentrale Rolle der Schauspielerin Desiree Armfeldt und tut dies in einer so vorbildhaften Weise, dass man sich unweigerlich fragt: Geht doch! Warum machen das nicht alle so? Wenn Guirad spricht, klingt sie wie ein ganz normaler Mensch, wenn sie singt, trifft sie nicht nur jeden Ton, sondern was für die Wirkung ja fast noch wichtiger ist, auch jeden Unterton. Da sitzt jede kleine Geste, jeder Blick. Die Frau erreicht mich. Das ist der Maßstab. Großartig.

Dem wird auch Johanna Brault gerecht. Sie ist hier in Zwickau engagiert, spielt eine kleine Rolle. Petra, das erotisch aufgeladene Dienstmädchen. Kennt man ja aus Fanny und Alexander zum Beispiel. Immer umworben aber eben auch selbst auf der Suche. Eine typische Nebenrolle, aber mit einem ganz großartigen Song, wo sie von ihrer Sehnsucht erzählt. Hier hat sich Stephen Sondheim ganz stark bei Kurt Weill bedient. Und Johanna Brault macht ihn sich ganz zu eigen. Und zu einem der zwei, drei am Ende überzeugenden Momente dieser ansonsten in den Sand gesetzten Inszenierung.

Angaben zum Stück Das Lächeln einer Sommernacht

Musikalische Leitung: GMD Leo Siberski / Mark Johnston
Regie: Jürgen Pöckel
Bühne/Kostüme: Sabine Pommerening
Choreografie: Bärbel Stenzenberger
Dramaturgie: Hanna Kneißler

Nächste Aufführungstermine:
Samstag 15.12.18, 19:30 Uhr
Samstag 22.12.18, 19:30 Uhr
Sonntag 06.01.19, 19:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Dezember 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2019, 16:21 Uhr

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