Neue Alben | 30.10.2017 Michael Volle interpretiert Bachs Kantaten klar, nicht verklärt

Der erfahrene Kantaten-Solist singt Bachs Kantaten die Stücke mit voller Klarheit. Außerdem stellen wir vor: entrückten Dreampop von ONBC, der wunderbar in eine Twin Peaks-Folge passen würde, melancholisch-ironischen Schwarzmalerpop von Die Sonne und Dangers Of The Sea mit ihrem selbstbewussten Folk Pop. Die Pariser Cellistin Camille Thomas spielt Kammermusik und das Ensemble Vocapella interpretiert unter Leitung von Tristan Meister Max Reger.

von Hendryk Proske und Martin Hoffmeister, MDR KULTUR-Musikredaktion

ONBC: "Travelmate"

CD-Cover: ONBC: „Travelmate“
ONBC: "Travelmate"
Crunchy Frogg Records
Bildrechte: CRUNCHY FROG

Durch die neue, in diesem Frühjahr zum ersten Mal ausgestrahlten Staffel von David Lynchs Serie "Twin Peaks" zieht sich ein immer wiederkehrendes Element. An nahezu jedem Folgenende, wenn Lynch uns geneigte TV-Zuschauer wieder rund 50 Minuten durch sein absurd-merkwürdiges Erzählungslabyrinth gezogen und dabei ein ums andere Mal wahlweise geschockt, erschreckt oder schlicht verwirrt hat, geht der Schnitt in die fiktive "Bang Bang Bar". Und dort stehen auf der Bühne unterschiedliche Bands, die entrückten Dreampop zum Abspann spielen. Junge, schöne Hipster-Jungs und vor allem Mädchen, die irgendwie verloren ins Nichts blicken, dabei ihre Songs eher hauchen als singen und so den Zuschauer aus dem zuvor gesehenen ab- aber keineswegs in die rettende Realität zurückholen. Genau dort könnte das dänische Quartett ONBC stehen. Deren Album "Travelmate" wabert wie ein Klangnebel aus den Boxen. Alles klingt magisch verhallt, stimmungsvoll wie alte Chris Isaak Platten. Lynch würde es gefallen. Vielleicht ja in einer vierten Staffel … (hp)

Die Sonne: "Aber die Landschaft"

CD-Cover: Die Sonne: „Aber die Landschaft“
Die Sonne: "Aber die Landschaft"
Tumbleweed records
Bildrechte: TUMBLEWEED RECORDS

Die Wolke ist weg, der Himmel klar – hier kommt: Die Sonne! Da könnte man aufatmen und sagen: jetzt wird alles gut. Wird es aber nicht. Als Oliver Minck Sänger des Duos Wolke war, sang er "Alles ist so wie immer – nur noch viel schlimmer!". Als Stimme seiner neuen Band Die Sonne beginnt er das neue Album mit der erschütternden Erkenntnis: "Alles was mir bleibt ist Unzufriedenheit." Ob als Wolke oder Die Sonne – Minck und seine Begleiter machen weiter wunderbar melancholisch-ironischen Schwarzmalerpop. Das Glas ist halbleer, aber es ist ein schönes Glas. Verpackt in Pop mit Anleihen aus allerlei Fächern des Retroregals malt Die Sonne Bilder von zauberhafter Trostlosigkeit. Dennoch ist das kein Depri-Pop. Die Lieder über private Kriege und Lästigkeiten des Alltags atmen eher eine heimelige "Hach Ja"-Stimmung. Kann man eh nix machen. Kann man nur noch ein schönes Lied draus machen. Und wenn man genau hinhört, entdeckt man unter all der gewitzt getexteten Rat- und Trostlosigkeit ein ganz wichtiges entwaffnendes und die ganze Seufzerei auflösendes Element: Spott! (hp)

Dangers Of The Sea: "Our Place In History"

CD-Cover: Dangers of the Sea: “Our Place In History”
Dangers Of The Sea: "Our Place In History"
Devil Duck Records
Bildrechte: DEVIL DUCK RECORDS

"Musik von sensiblen Männern mit Bärten" – mit diesen Worten hat Andreas Bay Estrup die Musik seiner Band Dangers Of The Sea in einem Interview selbst beschrieben. Wenn man deren zweites Album hört, fühlt man sich eigenartig zwischen den Zeiten hin und hergerissen. Crosby, Stills, Nash & Young sitzen zusammen mit den Mamas & Papas am Lagerfeuer, Fleetwood Mac schauen kurz mal vorbei, während man von weitem einen Basslauf der Manic Street Preachers erahnen kann. Dangers Of The Sea aus Dänemark verbergen ihre Einflüsse nicht – im Gegenteil. Man kann bei jedem Takt, jeder Orgelfläche, jeder Gitarrenmelodie und jedem Satzgesang im Chorus in Gedanken die Plattenschränke der Musiker und deren Eltern durchgehen. Und doch ist das alles mehr als pure Referenz. "Our Place In History" heißt das Album selbstbewusst. Und es ist eines der besten und liebevollst komponiert und arrangierten Folk-Pop-Alben des Jahres. (hp)

Camille Thomas: Saint-Saens Offenbach

Interpreten: Orchestre National de Lille, Alexandre Bloch

CD-Cover: Camille Thomas - Saint-Saens Offenbach - Orchestre National de Lille, Alexandre Bloch
Camille Thomas: Saint-Saens Offenbach
Interpreten: Orchestre National de Lille, Alexandre Bloch
Deutsche Grammophon
Bildrechte: Deutsche Grammophon

Nach einer von klanglicher Subtilität, Ausdrucks-Raffinesse und vollendetem Handwerk getragenen Kammermusik-Produktion im Zeichen französischer Werke des 19. Jahrhunderts legt die Pariser Cellistin Camille Thomas mit ihrer Debüt-CD für das Label Deutsche Grammophon mit Konzert-Repertoire (deutsch-) französischer Provenienz nach. Sinnfällig werden Hauptwerke und selten aufgeführte Preziosen Saint-Saens' und Offenbachs gegenübergestellt. Beide Komponisten einte eine eminente Affinität gleichermaßen zu Violoncello und Vokalkunst. Tatsächlich zeigen sämtliche auf der CD versammelten Werke eine bemerkenswerte Sanglichkeit in den Cello-Stimmen. Eingenommen von Nuancen-Kosmos, schattierten Farbwerten, virtuosen Volten, klangsensualistischer Verdichtung und atmosphärischer Vielgesichtigkeit erweist sich Thomas als authentisch-enthusiastische Apologetin eines Repertoires, das Brillanz, große Geste und Leichtigkeit ebenso kennt wie delikate Einlassung, Tiefgründig-Elegisches und den introvertierten Seitenweg. Intensität, Beweglichkeit, Farbspektrum, Unbedingtheit und spieltechnische Souveränität von Thomas' Lesarten gemahnen an die Kunst der Cello-Legende Jacqueline du Pre. (mh)

Max Reger: Das Werk für Männerchor Vol. 2

Interpreten:Ensemble Vocapella, Tristan Meister

CD-Cover: Max Reger - Das Werk für Männerchor Vol. 2 - Ensemble Vocapella, Tristan Meister
Max Reger: Das Werk für Männerchor Vol. 2, Interpreten: Ensemble Vocapella, Tristan Meister
Rondeau Production
Bildrechte: Rondeau Production

Max Regers Schaffen für Männerchor überzeugt durch komplexe Faktur, suggestive Leichtigkeit und, wahlweise, tänzerisch-humorigen oder elegischen Gestus. Auf zwei CDs versammelt das Ensemble Vocapella Limburg die weltweit erste Gesamteinspielung des einschlägigen Repertoires.

Als Volksliedbearbeitungen erschienen die Werke zwischen 1898 und 1900 in mehreren Liedersammlungen. Was die Aufführung der Gesänge und Madrigale angeht, hatte der Komponist klare Vorstellungen: Insbesondere unangestrengt und anmutig sollte der Vortrag klingen. Das Ensemble unter Dirigent Tristan Meister agiert so organisch wie intonationssicher und findet zu angemessener Balance zwischen Text-Empathie und Ausdrucks-Emphase. (mh)

J. S. Bach:  Solo Cantatas for Bass

Interpreten: Michael Volle, Akademie für Alte Musik Berlin

CD-Cover: J.S. Bach - Solo Cantatas for Bass - Michael Volle - Akademie für Alte Musik Berlin
J. S. Bach:  Solo Cantatas for Bass
Interpreten: Michael Volle, Akademie für Alte Musik Berlin
Accentus Music
Bildrechte: Accentus Music

Das Zentrum von Bachs Sakralschaffen bilden neben den Passionen, dem Weihnachts-Oratorium und der h-moll-Messe fraglos dessen über 200 Kantaten. Für jeden Sonn- und Feiertag im Kirchenjahr hatte Bach als Thomaskantor und Director musices der Stadt Leipzig eine entsprechende Kantate bereitzustellen.

Drei dieser Kantaten schrieb Bach für Solo-Bass. Die vorliegende Produktion mit (Bass-) Bariton Michael Volle und der Akademie für Alte Musik Berlin nimmt durch Clarté, Verbundenheit und gestische Milde für sich ein. Historisch-informiertes Musizieren steht für einmal nicht im Zeichen aufgerauter Klangtableaus, forcierter Tempi und dynamischer Kontraste, sondern gibt sich der interpretatorischen Mitte verpflichtet. Der erfahrene Kantaten-Solist Volle steht dabei idealtypisch für einen zwischen Zurückgenommenheit, Demut und Kontemplation oszillierenden Ansatz. Die Botschaft lautet: Klarheit, nicht Verklärung. (mh)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Musik Spezial Neuvostellungen | 30. Oktober 2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2017, 21:54 Uhr

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