Sachbuchkritik Neue Biografie: "Rosa Luxemburg - Ein Leben" blickt hinter den Mythos

Rosa Luxemburg war eine Ausnahmeerscheinung: 1871 im russischen Teil Polens in einem jüdischen Elternhaus geboren, studierte sie als eine der ersten Frauen im liberalen Zürich, auf SPD-Parteitagen war sie die einzige Frau mit einem Doktortitel. Sie engagierte sich für die europäische Arbeiterbewegung, für Frauenrechte und gegen Militarismus. Am 15. Januar 1919 wurde sie ermordet. Ernst Piper zeichnet im Buch "Rosa Luxemburg - Ein Leben" ihre Biografie nach und blickt hinter den Mythos.

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Eine Szene in Margarete von Trottas Film bringt es auf den Punkt: Rosa Luxemburg ruft auf zur Revolution, und sie erschreckt sogar ihre Genossen damit. Vor 100 Jahren, genauer am 15. Januar 1919, wurde die Klassenkämpferin ermordet. Jetzt nähert sich der Historiker Ernst Piper ihrer Biografie, dem Leben hinter dem Mythos: "Ich habe jetzt in den letzten Tagen und Wochen mit vielen Menschen auch gesprochen, die immer auch leuchtende Augen bekommen, wenn sie den Namen Rosa Luxemburg hören, ohne dass sie sehr viel über sie wissen würden. Also, es gibt ein Bild, sie ist eine Ikone."

Eine Ausnahmeerscheinung

Rosa Luxemburg spricht und Klara Zetkin sitzt mit den Portraits von Marx und Lassalle bei einem sozialistischen Treffen in Stuttgart. 1900
Rosa Luxemburg bei einem Sozialisten-Treffen in Stuttgart, 1900 Bildrechte: IMAGO

832 Seiten und 2.000 Anmerkungen braucht Piper, um dem Leben und Wirken hinter dem Mythos näherzukommen. Keine leichte, aber eine spannende Lektüre. Er erzählt, wie die Jüdin aus Polen – die in Warschau aufwuchs, früh Deutsch lernte, aber immer mit Akzent sprach – zur Legende wurde. Ungeheure Kraft muss in dieser kleinen Person von einem Meter sechsundvierzig gesteckt haben. Das Kommunistische Manifest beeindruckt sie als Jugendlektüre. Sie geht ins liberale Zürich, denn dort dürfen Frauen schon studieren, dann führt sie ihr Weg nach Berlin direkt zu den Sozialdemokraten: Die können Revolution am besten, denkt sie.

Bedenken Sie, sie war eine Frau, die 20 Jahre für eine Partei gekämpft hat, die sie nicht mal wählen durfte, geschweige denn, dass sie die Perspektive hatte, darin mal irgendwann einen Posten oder ein Mandat zu erringen.

Ernst Piper, Historiker

Piper befreit Luxemburg von der Instrumentalisierung durch frühere Biografen: Für ihn ist sie weder reine Anhängerin der Diktatur des Proletariats noch konnte sich die von ihr geforderte "Freiheit der Andersdenkenden" in der Praxis beweisen. Hinter ihrer politischen Fassade flammt die Sehnsucht nach bürgerlicher Normalität. Die Liebe zu Leo Jogiches bleibt unlebbar, ihr Kinderwunsch unerfüllt. Der Historiker psychologisiert nicht, mit vielen Briefzitaten zeigt er uns dennoch ihr sehr emotionales Leben.

Was ihr zustatten kam, ist, dass sie einfach eine starke Ausstrahlung hatte. Also, die Zeugnisse darüber, wie vielen Parteifunktionären sie, vielleicht ohne es zu wollen, den Kopf verdreht hat, sind ja sehr zahlreich. Und sie hat sich das auch gerne gefallen lassen.

Ernst Piper, Historiker
Neue Biografie über Rosa Luxemburg von Ernst Piper
832 Seiten, 2.000 Anmerkungen - trotzdem spannend zu lesen Bildrechte: Blessing Verlag

Wie andere vor ihm ist auch Piper von der Sprachgewalt der Luxemburg, die Tausende fesseln kann, fasziniert. Von der SPD des August Bebel entfernt sich Luxemburg gerade dadurch, dass sie sich nicht realpolitisch beschied. Sie verfolgt weiter die internationale proletarische Revolution, wohingegen die SPD 1914 sogar den deutschen Kriegskrediten zustimmt. Sie geißelt den "Rüstungswahnwitz zu Wasser und zu Lande unter dem Vorwand der Sicherung des Friedens". Der Burgfrieden mit dem Klassenfeind war für sie Verrat.

Tragisch konsequent

Sie dagegen bleibt tragisch konsequent, wie sich zeigen wird: Der Erste Weltkrieg erschüttert alles. In Russland siegt die Revolution, deren Terror Luxemburg als Katastrophe bezeichnet. Die Novemberrevolution verjagt den Kaiser, ein Sozialdemokrat wird Reichskanzler. Erst am 11. November 1918 kommt Rosa Luxemburg aus zweieinhalbjähriger Haft nach Berlin. Karl Liebknecht, den Ernst Piper gering schätzt, ist der Wortführer der abtrünnigen Sozialdemokraten, aus denen die Spartakisten und dann die KPD entstehen: "Dann denkt sie, jetzt ist die revolutionäre Situation da und wir müssen sie beim Schopf packen, und vergisst dabei so ein bisschen, dass das Deutsche Reich nicht nur aus Berlin besteht." Und auch dass die noch junge KPD eine ganz kleine Gruppe ist: "Die hatten das Heft des Handelns nicht in der Hand, das war ihr dann auch schnell klar."

Gedenkstätte Rosa Luxemburg am Landwehrkanal Tiergarten.
Gedenkstätte Rosa Luxemburg am Berliner Landwehrkanal, in den ihre Leiche nach der Ermordung geworfen wurde. Bildrechte: imago/Jürgen Ritter

Piper zufolge sieht Rosa Luxemburg deutlich, dass der Januaraufstand 1919 nicht die spontan-freie Massenkraft besitzt, die ihrer Theorie nach für eine proletarische Revolution notwendig ist. Doch sie wird mitgerissen und erträgt nicht, wie die eben noch eigenen Genossen sie verhindern. Die Revolution wird zusammengeschossen – von rechten Freikorps, mit denen die SPD-Regierung, Scheidemann, Noske und Ebert, kooperiert: "1918/19 stellt die SPD plötzlich den Reichskanzler und dann auch noch den Reichspräsidenten. Das heißt, sie ist an der Spitze des Staates angekommen – und immer zu sagen, wir sind die Todfeinde dieser Gesellschaft, das passt dann nicht mehr. Dann wird man, ob man will oder nicht, zur Reformpartei."

Was bleibt?

Der Tod der Rosa Luxemburg machte ihr schriftliches Werk zum Fragment, es wird so oder so gelesen. Auf den späteren Umzügen der SED in der DDR wurde der "kommunistischen Märtyrer" ohne die "Freiheit der Andersdenkenden" gedacht. Aber auch linksradikale Träumerei sieht sie einseitig. Der Autor teilt wohl – unausgesprochen – die Skepsis der arrivierten Demokratie, eine Revolution könne Positives bewirken. Aber eindeutig sei das Erbe der Luxemburg nicht – es könne geteilt werden: "Also, dass die Partei Die Linke eine Stiftung nach Rosa Luxemburg benannt hat, da kann man ja keinesfalls sagen, das war ungerechtfertigt. Ich persönlich würde der SPD raten, dass sie sagt: 'Ja, sie gehört auch zu unserer Traditionsgeschichte. Sie hat 20 Jahre für unsere Partei gekämpft, sie war die bedeutendste Frau, die jemals in der europäischen Arbeiterbewegung tätig war und wir sind stolz darauf, dass das eine Sozialdemokratin gewesen ist."

Angaben zum Buch Ernst Piper: "Rosa Luxemburg. Ein Leben"
Blessing Verlag, München
832 Seiten, 32 Euro
ISBN: 978-3-89667-540-8

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 17. Januar 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR