Neue Dauerausstellung zum Bauhaus-Jubiläum Das Neue Museum Weimar zeigt die Wegbereiter des Bauhauses

Wie es kam, dass sich ausgerechnet im kleinen Weimar eine revolutionäre Kunstschule gründete, das zeigt nicht nur das neue Bauhaus-Museum, sondern auch das Neue Museum gleich nebenan. So wird der Einfluss von Wegbereitern der frühen Moderne wie Friedrich Nietzsche und Henry van de Velde in der neuen Dauerausstellung deutlich.

von Jörg Sobiella, MDR KULTUR-Landeskorrespondent Thüringen

Das Neue Museum in Weimar nimmt seine Besucher mit auf eine Zeitreise, hin zu den Anfängen der Moderne in der kleinen thüringischen Residenzstadt die Mitte des 19. Jahrhunderts dank der Bemühungen von Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar beanspruchte, weiterhin eine Hauptstadt der Kunst zu sein.

Vordenker der Moderne

Rastender Merkur" von Adolf von Hildebrand (1847-1921) im Neuen Museum Weimar, aufgenommen am Tag vor der Wiedereröffnung, zeitgleich mit der Eröffnung des neuen Bauhaus-Museums am 5. April 2019.
Die ersten Besucher beobachtet vom "Rastenden Merkur" Bildrechte: dpa

Das 1869 eröffnete heutige "Neue Museum" nahm sofort die Künstler der wenige Jahre zuvor gegründeten Kunstschule auf. Die wiederum gehörte zu den ersten deutschen Akademien, die der so genannten Schule von Barbizon folgten – hinaus aus den Malsälen in die freie Natur und ihre ungeschönte Landschaft. Die so genannte Petersburger Hängung auf farbigen Wänden gibt ihnen die Anmutung aus der historistischen Gründungszeit des Museums wieder.

Einen Tumult der Stile nannte Friedrich Nietzsche die Epoche des Historismus. Kuratorin Sabine Walter zitiert den Meisterdenker mehrfach während des Rundgangs durch die neue Dauerausstellung:

Schon Nietzsche sagt, der moderne Mensch, der neue Mensch, um den es hier geht, der muss in einer modernen Umgebung leben, er muss moderne Formen um sich haben, um auch neu denken zu können.

Sabine Walter, Kuratorin

Neuer Lebensstil für die Elite

Dem Philosophen und jenen, die sein Denken um die Jahrhundertwende zur Idee des neuen Weimars umformten – seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, Harry Graf Kessler und Henry van de Velde – begegnen die Besucher im ersten von mehreren audiovisuellen Hörräumen. Der neue Geist dieses neuen Weimar materialisierte sich in den Arbeitsmethoden und Produkten, die Henry van de Velde in der 1902 von ihm gegründeten Kunstgewerbeschule umsetzte. Nicht nur neues Design, sondern auch ein neuer Lebensstil wurde dort kreiert und – wie dann wenig später das Bauhaus – schon vom neuen Menschen geträumt. Einer der Höhepunkte der neuen Schau ist indes die bewusste Konterkarierung dieses ästhetischen Traums.

Wir schauen genau hin: Wer hat in den Interieurs von van de Velde gelebt? Wenn man genau hinguckt, sind das elitäre, reiche Leute, die in einem feudalen, patriarchalen System gelebt haben.

Sabine Walter, Kuratorin

Gezeigt werden so Interieurs aus dem Hause Wolf, einer Bankiersfamilie aus München und Berlin, zu sehen ist das Speisezimmer. Informiert wird über die Familie.

Durch Stereoskopen kann man das Mobiliar im historischen Kontext ansehen.

Zukunftsvisionen von gestern

Die avancierte Kundschaft im 19. Jahrhundert wurde nicht bloß aus Weimar mit lebensreformerischen Möbelträumen beliefert. Das Schlusskapitel der Weimarer Schau eröffnet die internationale Perspektive jener Zukunftsvisionen von gestern mit den Produkten von Architekten und Kunsthandwerkern, die ähnlich wie van de Velde dachten: Richard Riemerschmied, Charles Rennie Macintosh, Josef Hoffmann, die Stuhlfabrikanten-Dynastie Thonet oder die französische École de Nancy.

Originale und Mitmachstationen

Und weil der Mensch nach Schiller nur Mensch ist, wenn er spielt, gibt es an dieser wie auch schon an anderen Stellen eine Mitmachstation. Vermittels kräftiger Fausthiebe auf einen kleinen Schrank, kann man an dessen Bildschirmabbildung das überflüssige Dekor zertrümmern, bis aus einem verschnörkelten Gründerzeit-Ungetüm beinahe schon ein Bauhaus-Ikone geworden ist: "Da tickt jetzt die Uhr. Jetzt geht es gleich los. Jetzt muss man die Elemente wegschlagen. Von oben, von unten, aber richtig fest. Und so kann man verschiedene Level erreichen", erklärt die Kuratorin.

Diesen musealen Witz haben sich die jungen Kreativen des Gestaltungsbüros "white cube" aus Dresden ausgedacht; sie gaben der neuen Präsentation im Neuen Museum Weimar den zeitgemäßen Rahmen. Designer Daniel Sommer: "Wir wollten ein Museum gestalten, das die Besucher leicht verstehen können. Dazu kombinieren wir orignale Exponate mit medialer Vermittlung, um diese komplexen Geschichten auf eine leichte und eingängige Art und Weise zu erzählen." Und dennoch auf Augenhöhe mit dem Jugendstilmeister Henry van de Velde zu bleiben. Die Noblesse und Gediegenheit der Ausstellungsarchitektur wagt den Vergleich  mit dem Klassiker des guten Geschmacks und besteht ihn.

Über die Ausstellung Van de Velde, Nietzsche und die Moderne um 1900
Neue Dauerausstellung zur Wiedereröffnung des Neuen Museums Weimar

Jorge-Semprún-Platz, 5
99423 Weimar

Öffnungszeiten
Eröffnungswochenende bei freiem Eintritt
Fr/Sa. 10-24 Uhr
So. 10-21 Uhr

Stichwort: Neues Museum und neue Dauerausstellung Das Neue Museum ist eigentlich das alte großherzogliche Museum. Erbaut nach den Plänen des tschechischen Architekten Josef Zitek, der auch die Prager Nationaloper und das Rudolfinum geschaffen hat, gehört es mit seiner Eröffnung 1869 zu den frühen Museumsbauten in Deutschland.

In der Nachkriegszeit war das Gebäude ausgeschlachtet worden, um das beinahe total zerstörte Deutsche Nationaltheater fristgerecht zum 200. Goethe-Geburtstag 1949 wieder aufzubauen. Seitdem war das Museum eine Ruine, die bis zum Europäischen Kulturstadtjahr 1999 wieder aufgebaut und verschieden genutzt wurde, zunächst als Domizil für zeitgenössische Kunst, dann für unterschiedliche temporäre Ausstellungen. Nun wird hier die Vorgeschichte des Bauhauses erzählt.

In der neuen Ausstellung werden herausragende internationale Werke des Realismus, Impressionismus und des Jugendstils gezeigt. Ausgehend von Friedrich Nietzsche als Vordenker und Kultfigur werden wichtige Positionen der frühen Moderne in Weimar vorgestellt. Hierzu zählen die Werke der Weimarer Malerschule und der von Harry Graf Kessler geförderten Avantgarde von Claude Monet bis Max Beckmann. Mit zahlreichen Exponaten wird das funktionale wie elegante Design Henry van de Veldes präsentiert.

Ausgehend von den Themen der Ausstellung lädt eine große Museumswerkstatt zum handwerklichen Arbeiten ein. Besucherinnen und Besucher können zum Beispiel im Buchbindehandwerk und in der Holzbearbeitung tätig werden.

Zur Person: Henry van de Velde Der Belgier Henry van de Velde war ein kreativer Tausendsassa, der vom Wohnhaus bis zum Zugabteil und Essbesteck alles gestaltete. Mit seinem Schaffen wurde er zum fundamentalen Erneuerer der angewandten Kunst und Architektur um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. In souveräner Überwindung aller Traditionen hob van de Velde die Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk auf. Jugendstil, Art Nouveau und frühe Moderne prägte er entscheidend mit.

1902 kam van de Velde als künstlerischer Berater von Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach nach Weimar, wo er die Kunstgewerbeschule gründete und viele wichtige Werke schuf – darunter die Innengestaltung des Nietzsche-Archivs und das Hauptgebäude der heutigen Bauhaus-Universität.

Van de Velde hatte ursprünglich in Paris und Antwerpen Malerei studiert. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wandte er sich dann zunächst
dem Kunstgewerbe und schließlich der Architektur zu. 1902 kam der Künstler nach Thüringen, wurde in Weimar mit der Einrichtung eines
kunstgewerblichen Seminars beauftragt. Fünf Jahre später entstand daraus die Großherzogliche Kunstgewerbeschule, an der Van de Velde nicht nur als Lehrer aktiv war: Als Architekt plante und errichtete er die Gebäude der Kunstschule Weimar und der dortigen
Kunstgewerbeschule.

Mehr zur Eröffnung des Bauhaus-Museums Weimar

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. April 2019 | 14:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2019, 17:17 Uhr

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