Neues Sachbuch zum Nichtangriffs-Pakt von 1939 "Der Pakt": Als Stalin und Hitler kooperierten

Hitler-Deutschland und Stalins Sowjetunion waren ideologische Todfeinde, aber vorübergehend auch Verbündete. Dass ihr Nicht-Angriffs-Pakt von 1939 kein historischer Unfall war, sondern eine mörderische Allianz, zeigt Claudia Weber in ihrem Sachbuch "Der Pakt" auf neue Weise. So analysiert sie, wie die Wehrmacht auch dank der Rohstoff-Lieferungen aus der Sowjetunion erfolgreich ihre Blitzkriege in Westeuropa, Skandinavien und auf dem Balkan führen konnte.

Stefan Nölke, Redaktionsleiter Radio und Geschichtsredakteur bei MDR KULTUR
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von Stefan Nölke, MDR KULTUR-Geschichtsredakteur

Am 24. August 1939 unterzeichneten der Außenminister des Deutschen Reiches, Joachim von Ribbentrop (l) und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn) in Moskau den deutsch-russischen Nichtangriffspakt.
Am 24. August 1939 unterzeichneten der Außenminister des Deutschen Reiches, Joachim von Ribbentrop (l) und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow (vorn) in Moskau den Pakt. Bildrechte: dpa

Anderthalb Wochen bevor die deutsche Wehrmacht am ersten September 1939 über Polen herfiel, schlossen Hitler und Stalin zur Überraschung der Welt einen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll verständigten sich die beiden ideologischen Todfeinde über ihre jeweiligen Herrschaftsbereiche. Zwei Jahre, von 1939 bis 1941, hatte der Pakt bestand. "Ein Bündnis auf Zeit, aber sicher mehr als nur ein Vorspiel zum Vernichtungskrieg Hitlers gegen die Sowjetunion", sagt die Historikerin Claudia Weber von der Universität Viadrina Frankfurt/Oder über den Hitler-Stalin-Pakt. 

Zu DDR-Zeiten ein Tabu-Thema

Zu DDR-Zeiten war das geheime Zusatzprotokoll zum Nichtangriffspakt, in dem die beiden Diktatoren ihre Einflusssphären von Finnland bis Rumänien absteckten, ein absolutes Tabu-Thema. Bis 1989 hatte die Sowjetunion die Existenz des Dokuments geleugnet und alle gegenteiligen Aussagen als westliche Propaganda geschmäht. Was bis dahin nur hinter vorgehaltener Hand gesagt werden konnte, wurde dank Gorbatschows Berater Alexander Jakowlew schließlich am 25.12.1989 vom sowjetischen Volksdeputiertenkongress für wahr befunden.  

30 Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Aber dass hinter dem Nichtangriffspakt mehr steckt als nur ein defensives Kalkül des Sowjet-Diktators Stalin, hat sich seitdem noch nicht überall herum gesprochen. So schreibt die "Junge Welt" am 12. August 2019 : "Keinesfalls kann daraus eine Zusammenarbeit, ein Bündnis, ein Pakt oder eine inhaltliche Übereinkunft zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion konstruiert werden." Der Autor des ehemaligen Zentralorgans der FDJ ignoriert, dass es tatsächlich ein ganzes Bündel von Abkommen war, die die Außenminister beider Staaten, Ribbentrop und Molotow, im August und September innerhalb weniger Wochen besiegelten. Gegenstand des "Junge Welt"-Artikels ist übrigens eine Buchbesprechung, in dem es um genau diesen Pakt geht. "Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz 1931–1941" – so lautet der Untertitel der Studie von Claudia Weber, die den letzten Stalin-Verstehern in Deutschland derart den Laune zu vermiesen scheint.

Claudia Weber, 1969 im brandenburgischen Guben geboren, nimmt den Artikel eher amüsiert zur Kenntnis. Bestätigt er doch ihre These, dass die Bedeutung des Hitler-Stalin-Paktes nach wie vor unterbelichtet ist.

Bündnis auf Zeit, mehr als ein Vorspiel zum Vernichtungskrieg

Natürlich füllt die Literatur über das deutsch-sowjetische Abkommen ganze Bücherwände, aber interessanterweise hat sich bislang noch kaum ein Historiker damit auseinandergesetzt, wie sich die Zusammenarbeit zwischen den beiden verfeindeten Diktaturen ganz konkret gestaltet hat. Das zu tun, ist das große Verdienst des Buches. "Es ist ein geopolitisches Zweckbündnis und sicher kein Freundschaftsbündnis", erklärt Claudia Weber im Gespräch mit MDR KULTUR. "Und während der ganzen Zeit zwischen 1939 und 1941 beobachten sich beide Seiten äußerst misstrauisch. Von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit kann man nicht sprechen."    

Im gegenseitigen Einvernehmen

Eines der wichtigsten Aspekte für den Kooperationsvertrag – zumindest aus Sicht der Nazis – ist der Bevölkerungsaustausch. Ihnen kommt es darauf an, so viele Volksdeutsche wie möglich aus der Sowjetunion herauszuholen. Ein Vorhaben, das die Sowjets allerdings nur widerwillig unterstützen. Sie haben ihrerseits auch kein Interesse, die als unzuverlässig geltenden Ukrainer und Weißrussen aus dem deutschen Besatzungsgebiet in ihren Herrschaftsbereich zurückzuholen. Und eigentlich wollen die Sowjets auch keine Juden aufnehmen, die vom ersten Tag des deutschen Überfalls brutal verfolgt werden. Einigen Tausend gelingt dennoch die Flucht über den Grenzfluss Bug. Stalin lässt sie in die Oblast Archangelsk deportieren. Sie entkommen damit – sofern sie den Gulag überleben – dem Holocaust. 

Beide Diktaturen verbindet der grausame Wille, die polnische Elite auszulöschen. Bei Katyn – auch das wird bis 1989 geleugnet – erschießt der sowjetische Geheimdienst über 4.000 polnische Offiziere. NKWD und SS töten jeder für sich, informieren sich aber gegenseitig über ihre Mordaktionen.

Es ist sehr erstaunlich, in welchem Ausmaß hochrangige NKWD-Offiziere ins deutsche Generalgouvernement reisen und dort von Hans Frank, dem Generalgouverneur auf der Krakauer Burg, in Empfang genommen werden. Auch im Urlaubsort Zakopane, wo die SS eine Sicherheitspolizeischule eingerichtet hat, werden Gespräche geführt und verhandelt. Und umgekehrt reisen dann auch führende SS-Leute in die Sowjetische Besatzungszone.  

Claudia Weber, Historikerin

Hitler-Deutschland profitiert vor allem – auch das betont Claudia Weber – von den wirtschaftlichen Vereinbarungen. Noch im Januar 1940 sagen die Sowjets zusätzlich die Lieferung von 2,5 Millionen Tonnen Getreide, einer Million Tonnen Mineralöl, 100.000 Tonnen Baumwolle sowie die Lieferung von Metall und Manganerzen zu. So kann die Wehrmacht erfolgreich ihre Blitzkriege in Westeuropa, Skandinavien und auf dem Balkan führen. Dank Stalins Hilfe.

Angaben zum Buch Claudia Weber
Der Pakt. Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz
276 Seiten
C.H. Beck Verlag
978-3-406-73531-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. August 2019, 04:00 Uhr

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