Theater Weimar und Erfurt "Lanzelot" ist eine sensationelle Opern-Wiederentdeckung

Es ist eine wunderbare Wiederentdeckung: Paul Dessaus Oper "Lanzelot" mit Texten von Heiner Müller wurde vor 50 Jahren uraufgeführt, verschwand nach 1972 aber in der Versenkung. Das Deutsche Nationaltheater in Weimar hat das Stück jetzt zusammen mit dem Theater Erfurt neu inszeniert. Die Geschichte hat an Aktualität nichts verloren: Regisseur Peter Konwitschny holt den historischen Stoff als Parabel auf die heutige Gesellschaft in die Gegenwart. Unser Kritiker ist begeistert.

von Uwe Friedrich, MDR KULTUR-Opernkritiker

Szenenbild Lanzelot am DNT Weimar 178 min
Bildrechte: Candy Welz/DNT Weimar

Ein Ausnahmewerk in jeglicher Hinsicht: LANZELOT – Oper in 15 Bildern von Paul Dessau und Heiner Müller, koproduziert vom Deutschen Nationaltheater Weimar und dem Theater Erfurt, aufgezeichnet am 23. November 2019.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 14.12.2019 20:05Uhr 178:15 min

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Der Aufwand für "Lanzelot" ist immens. Etwa dreißig Solorollen führt der Besetzungszettel auf, das Orchester passt nicht in den Graben, der Chor ist riesig. Kein Wunder, dass sich jahrzehntelang kein Theater an diese beinahe vergessene Oper getraut hat, zumal auch keine offizielle Aufnahme vorliegt und Musik aus der untergegangenen DDR immer unter Ideologieverdacht steht. Die Theater in Weimar und Erfurt haben sich gemeinsam an die riesige Aufgabe getraut, weil alle Beteiligten an die Qualitäten des Werks glaubten und haben eine sensationelle Wiederentdeckung geschafft. Bei der Uraufführung an der Berliner Staatsoper im Jahr 1969 handelte es sich unübersehbar um ein Gegenwartsstück. Das jungfrauenverzehrende Ungetüm aus der Märchenkomödie "Der Drache" von Jewgeni Schwarz war leicht als Sinnbild für das totalitär-sozialistische System zu erkennen, der verordnete Jubel für die angeblich kluge Regierung war im DDR-Alltag gegenwärtig, die Sehnsucht nach dem Befreier Lanzelot ebenso spürbar wie die Ratlosigkeit, was danach kommen könnte.

Szenenbild Lanzelot am DNT Weimar
Die Oper ist eine opulente Darbietung mit 30 Solisten, 120 Choristen und einem Orchester, das nicht mehr in den Graben passt. Bildrechte: Candy Welz/DNT Weimar

Kapitalistischer Konsumterror statt sozialistischer Totalitarismus

Regisseur Peter Konwitschny verlegt das inzwischen selbst historisierte Gegenwartsstück in unsere Zeit, indem er den sozialistischen Totalitarismus durch den Konsumterror des Kapitalismus ersetzt. Der Drache mutiert zum Tauchsieder, den auf einmal jeder haben will, dass dem Monster immer wieder eine Jungfrau geopfert werden muss, wird als notwendiges Übel hingenommen. Bühnenbildner Helmut Brade hat dafür variable Räume auf die Drehbühne gesetzt, die ebenso ein Spießerwohnzimmer abbilden wie den Elektromarkt oder eine Schulklasse, das Schlagzeug wird in Käfigen rein und rausgefahren, die schnellen Szenenwechsel funktionieren reibungslos.

Szenenbild Lanzelot am DNT Weimar
Das Werk ist eine echte Entdeckung. 1969 wurde "Lanzelot" uraufgeführt und war seit 1972 ein vergessenes Werk. Bildrechte: Candy Welz/DNT Weimar

Heiner Müllers Libretto ist anspielungsreich, gespickt mit bissigem Humor und zahlreichen Verweisen auf andere Texte und politische Fragen, die nach wie vor aktuell sind. Was ist mit dem Begriff "Freiheit" gemeint? Freiheit für wen? Freiheit wovon? Freiheit zu was? Darüber vergessen aber weder Komponist Dessau noch Regisseur Konwitschny die Konflikte zwischen den Personen. Elsa ist der einzige Mensch in dieser korrumpierten Gesellschaft, der dem Kämpfer Lanzelot helfen will, aber auch diese Beziehung ist nicht ohne Probleme. Wenn Lanzelot den Drachen besiegt hat, ist es den befreiten Bürgern auch nicht recht, denn sie hätten sich mit den Verhältnissen arrangiert und sich im bequemen Leben eingekuschelt.

Fantastische Besetzung

Emily Hindrichs singt die extrem hohe Partie der Elsa leuchtend, virtuos und dabei textverständlich, Máté Sólyom-Nagy stattet den einsamen Lanzelot mit einer melancholischen Aura aus, die besonders in der Soloszene mit dem Cellisten Alexandre Castro-Balbi auf der Bühne ergreift. Oleksandr Pushniak ist ein jovial-gefährlicher Drache, Wolfgang Schwaninger ein durchtriebener Bürgermeister, der auch nach der Befreiung vom Drachen als Wendehals obenauf bleiben will. Auch die restliche Besetzung ist ideal, vom Kater der Daniela Gerstenmeyer bis zum parodistischen Wagner-Siegfried von Jong-Kwueol Lee.

Szenenbild Lanzelot am DNT Weimar
Máté Sólyom-Nagy als Lanzelot und Emily Hindrichs als Elsa sind eine Idealbesetzung. Bildrechte: Candy Welz/DNT Weimar

Hinreißende Musik

Sie alle werden souverän vom Dirigenten Dominik Beykrich durch die kompliziertesten Stromschnellen der Partitur geleitet. Es ist eine Freude, ihm bei der Koordination der Massen auch in den vertracktesten Rhythmen zuzuschauen, die Staatskapelle liefert auch in den lautesten Eruptionen noch Farbenreichtum und klangräumliche Tiefe. So macht diese betont antikulinarische Oper mit ihrem Zitatenreichtum und einer überhaupt nicht gealterten Modernität beim Hören und Zuschauen größten Spaß und sorgt spätestens beim Finale mit Bootsflüchtlingen auch für Entsetzen darüber, in welch heilloser Welt wir uns eingerichtet haben. Großer, verdienter Jubel im Weimarer Nationaltheater für alle Beteiligten.

Informationen zur Inszenierung "Lanzelot" am DNT Weimar

Oper von Paul Dessau
Libretto von Heiner Müller nach Motiven von Hans Christian Andersen und der Märchenkomödie "Der Drache" von Jewgeni Schwarz, Mitautorin Ginka Tscholakowa
Regie: Peter Konwitschny
Musikalische Leitung: Dominik Beykirch
Bühne und Kostüme: Helmut Brade
Aufführungstermine:
Freitag, 29. November 2019, 19:30 Uhr
Freitag, 13. Dezember 2019, 19:30 Uhr
Samstag, 28. Dezember 2019, 19:30 Uhr
Sonntag, 19. Januar 2020, 16 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. November 2019, 15:28 Uhr

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